Burgtheater: Martin Kušej präsentiert die Saison 2020/21

Mai 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wünsch‘ mir, dass es auf keinen Fall so weitergeht“

Martin Kušej geht zuversichtlich in den Herbst. Bild: Susanne Hassler-Smith

Aus einem „Haus ohne Mann und Maus“ meldete sich Burgtheater-Direktor Martin Kušej via ORF III, um seine Pläne für die Spielzeit 2020/21 vorzustellen. Ihn selbst, erklärt Kušej im Gespräch mit „Kultur Heute Spezial“-Moderator Peter Fässlacher habe der #Corona-Lockdown mitten in den Vorbereitungen zur „Maria Stuart“ erwischt, die Koproduktion mit den Salzburger Festspielen wird um ein Jahr verschoben und

soll nun im Sommer 2021 stattfinden, und befragt nach seinem Befinden sagt der „Chef“ (dies Kušej bevorzugte Betitelung): „Ich bin eigentlich ein relaxter und starker Typ, aber das hat mich in ein inneres Chaos gestürzt“ – vor allem wegen der Verantwortung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Sorgen und oft nicht zu beantwortende Fragen. „Ich sehe #Corona aber auch als Chance noch selbstbewusster und klarer aufzutreten“, so Kušej weiter, der mit (Zweck-)Optimismus in die nächste Saison startet, denn: „Bei aller Demut – die letzten Monate haben gezeigt, dass es ohne Theater nicht geht.“ 31 Premieren sind geplant, über die sich der Motto-Bogen „der Mensch als politische Manövriermasse in einem System, in dem es um Macht und deren Gewinn geht“ spannt. Der „Körper“ steht im Mittelpunkt, der menschliche wie der gesellschafts-/politische.

Kušej: „In der momentanen Zeit und Situation wird noch sichtbarer und deutlicher, dass die ,Körper‘ Gegenstände politischer Regulierungen sind. Dieses Themenfeld ist angesichts der gegenwärtigen Krise ein zentraler Punkt der kommenden Spielzeit: die Politik der Körper. Wo finden wir verwaltete Körper und wo ihre unverwaltbaren, widerständigen Impulse? Wer besitzt Verfügungsmacht über die Körper?“ Jene acht Projekte, die diese Spielzeit nicht mehr zur Premiere kommen konnten, sollen nachgeholt, und beispielweise das „Peer Gynt“-Konzept vom isländischen Duo Arnarsson/Torfason auf die aktuelle Situation umgeschrieben werden, konkrete Termine wollen aber erst noch gefunden sein. Was Kušej verspricht, ist ein „Weg von krassen Experimenten und performativen Formaten, damit das Publikum gut und gerne an den Aufführungen andocken kann.“

Die kommende Saison wird am 11. September am Burgtheater mit Calderóns „Das Leben ist ein Traum“ in einer Inszenierung von Marin Kušej eröffnet. „Ob das eine Physical-Distancing-Fassung wird, keine Ahnung! Befreundete Regisseure, die in Deutschland bereits proben, sind verzweifelt und sagen mir, das geht gar nicht. Ich bin ein Perfektionist, damit muss ich also klar kommen“, so Kušej, und zum Stück:  „Es geht für mich darum, welchen Begriff von Freiheit wir als Menschen haben, wie wir uns über unsere Freiheit definieren. Dabei wird eine tiefgreifende Ungewissheit im Verhältnis zur Welt thematisiert. In diesem Gefühl der tiefen Verunsicherung sehe ich eine Parallele zu unserer Gegenwart. Es lässt sich daraus durchaus die Frage entwickeln, wie wir uns wieder aktiv in die Gestaltung unserer Welt einmischen, nachdem wir eingesperrt waren und in einem unwirklichen, traumhaften Zustand gelebt haben.“

Thomas Köck zeichnet in seinem neuen Stück „antigone. ein requiem“ das Bild der angeschwemmten Körper am Strand. Der Köck-Text wird die Eröffnungspremiere am 12. September am Akademietheater, Regie führt Lars-Ole Walburg. In Lucy Kirkwoods „Das Himmelszelt“ müssen die zwölf Geschworenen, alles Frauen, über den Körper einer jungen Mörderin befinden müssen – Regie: Tina Lanik. „Richard II.“, inszeniert von Johan Simons im November,  lässt sich als Abgesang von Menschen über Menschen und von Körpern über Körper begreifen: Im Moment des Machtverlusts verliert der junge König Richard II. mit der Souveränität auch das Gefühl für die eigene Unverletzlichkeit.

Michael Maertens. Bild: © Katarina Šoškić

Maria Happel. Bild: © Katarina Šoškić

Jan Bülow. Bild: © Katarina Šoškić

Sarah Viktoria Frick. Bild: © Katarina Šoškić

Zu sehen im März sind „Die Troerinnen“, die „gegen die männliche Verfügungsgewalt über ihre Körper kämpfen“; mit dieser Inszenierung stellt sich Regisseurin Adena Jacobs erstmals im deutschsprachigen Raum vor. „Im Reich des Todes. Politische Theorie“ schildert Rainald Goetz die planmäßige Außerkraftsetzung demokratischer Grundrechte bei der ersten großen Krise unseres Jahrtausends 2001, insbesondere die Abschaffung des Folterverbots und damit des Rechts am eigenen Körper. Regie bei dieser Mai-Erstaufführung führt Robert Borgmann. Simon Stone zeigt im April eine eigene Bearbeitung von Gorkis „Kinder der Sonne“, in dem die von den Herrschenden in Ungewissheit gehaltene Bevölkerung die Schuld an der Epidemie in der Geldgeilheit der Ärzte sucht. Und schließlich setzt in Handkes neuem, von Frank Castorf auf die Bühne gehobenen Stück „Zdeněk Adamec“ der Protagonist seinen Körper auf dem Prager Wenzelsplatz als Fackel und Fanal gegen die Welt ein.

Insgesamt wurden Regisseurinnen und Regisseure aus 14 Ländern eingeladen, die Saison 2020/21 mit ihren Inszenierungen zu gestalten. Wieder am Burgtheater führen Regie: Mateja Koležnik mit Strindbergs „Fräulein Julie“, in dieser Saison „Der Henker“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36623), Ensemblemitglied Itay Tiran mit Taboris „Mein Kampf“, jetzt „Vögel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34508), Barbara Frey mit Anna Gmeyners „Automatenbüfett“, in dem Maria Happel eine Hauptrolle übernehmen wird, und Dead Centre, deren „Die Traumdeutung nach Sigmund Freud“ zwiespältig aufgenomen wurde, mit der Uraufführung von „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ nach Ludwig Wittgenstein.

„Troerin“ Adena Jacobs, David Kramer mit Maurice Maeterlincks „Pelléas und Mélisande“, Antonio Latella mit Oscar Wildes „Bunbury“), Lucia Bihler mit Thomas Bernhards „Die Jagdgesellschaft“ und Kommando Himmelfahrt, dies ein 2008 vom Hamburger Komponisten Jan Dvorak und Berliner Regisseur Thomas Fiedler gegründetes interdisziplinäres Theaterkollektiv, das sich künstlerisch mit gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Utopien beschäftigt, mit einer Uraufführung der „Zauberflöte“, auf die man gespannt sein darf, arbeiten erstmals am Burgtheater. Mit insgesamt sechs Uraufführungen und zehn Deutschsprachigen oder Österreichischen Erstaufführungen ist zeitgenössische Theater-Literatur eine tragende Säule im Spielplan, etwa mit Felicia Zellers „Der Fiskus“ in der Regie von Anita Vulesica, „Ode“ von Thomas Melle in der Regie von András Dömötör und Isobel McArthurs „Stolz und Vorurteil* (*oder so)“ in Koproduktion mit dem seit einigen Tagen von Maria Happel geleiteten Max Reinhardt Seminar in der Regie von Lily Sykes (Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=15477).

Auch das Burgtheaterstudio befragt die Rolle des Körpers: In Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, in Szene gesetzt von Rüdiger Pape, stehen sich der nackte Mensch, der „body natural“, und die Verkörperung der Macht, der „body politic“, als Gegenspieler klar gegenüber. Fortgesetzt wird „Europa im Diskurs“, der Kollektivsalon mit dem Autorenkollektiv Hydra, früher Nazis & Goldmund, sowie Culinare L’Evrope mit literarischen und kulinarischen Beiträgen zusammen mit Lojze Wieser. Bevor nun in der tvthek.orf.at nachzusehen ist, was Maria Happel und Michael Maertens übers Zwischenkriegs-Sittengemälde „Automatenbüffet“, Sarah Viktoria Frick übers Fluch-Brechen und System-Hinterfragen in „antigone. ein requiem“ und Jan Bülow über den „Modernisten“ Richard II. sagen, befragt Peter Fässlacher den Burgtheater-Direktor noch zu seinen Herzensangelegenheiten für den Herbst. Darauf Kušej schlicht: „Wünschen Sie mir, dass es auf keinen Fall so weitergeht.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

www.burgtheater.at         Video: www.facebook.com/Burgtheater/videos/327845468182944           tv.orf.at/orfdrei

25. 5. 2020