Architektur Zentrum Wien: Balkrishna Doshi

Mai 23, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Indische Tradition trifft europäische Moderne

Balkrishna Doshi: Indian Institute of Management, Bangalore, 1977/1992. © Iwan Baan 2018

Am 29. Mai startet im Architekturzentrum Wien endlich die #Corona-bedingt verschobene Ausstellung „Balkrishna Doshi. Architektur für den Menschen“. Der Architekt, Urbanist und Lehrer Balkrishna Doshi gehört zu den wichtigsten Vertretern einer indischen Moderne, erlangte aber weit darüber hinaus Einfluss und Weltrang. Zentral sind seine visionäre Arbeit im Bereich des kostengünstigen Wohnens und der Stadtplanung sowie sein Engagement für Bildung.

Als erster indischer Architekt erhielt er 2018 den renommierten Pritzker-Preis, den „Nobelpreis der Architektur“. In mehr als 60 Jahren hat der 1927 im indischen Pune geborene Balkrishna Doshi eine Vielzahl von Projekten realisiert, darunter das Indian Institute of Management in Bangalore, die soziale Wohnsiedlung Aranya oder die von ihm gegründete Architekturschule in Ahmedabad. Aufgewachsen in der Aufbruchsstimmung der indischen Unabhängigkeitsbewegung, arbeitete Doshi in den 1950ern mit Größen wie Le Corbusier und Louis I. Kahn.

Schon früh entwickelte er sein ganz eigenes Vokabular, das moderne Grundsätze mit indischen Traditionen verbindet. Indem er den Bogen zwischen Industrie und lokalem Handwerk spannt, passt er seine Architektur den lokalen Gegebenheiten an. Doshis humanistische Haltung ist durch seine indischen Wurzeln ebenso geprägt wie durch seine westliche Bildung. Inspiriert von Mahatma Gandhis Lehren, entwickelte er neue Herangehensweisen an den sozialen Wohnbau. Im Zentrum stehen soziale Durchmischung, Selbstbestimmung und die Anpassung an wechselnde Bedürfnisse – Stichwort „wachsendes Haus“.

Doshis „Architektur für den Menschen“ ist von der Überzeugung getragen, dass die gebaute Umwelt einen entscheidenden Einfluss auf das Wohlergehen, das Zugehörigkeitsgefühl und den Gemeinsinn hat. Sein 1956 in Ahmedabad eröffnetes Architekturbüro nannte er „Vastushilpa“: „Vastu“ beschreibt die Gesamtheit der Umwelt, „shilpa“ bedeutet auf Sanskrit „gestalten“. Seine Praxis strebt nach der Verortung der Architektur in einem weitgefassten Zusammenhang von Kultur, Umwelt, Gesellschaft, Ethik und Religion. „Dos-his Vorstellung von Nachhaltigkeit vereint die kulturelle, soziale, ökologische und wirtschaftliche Dimension“, so die Direktorin des Architekturzentrum Wien Angelika Fitz. „Das macht seine Architektur hochaktuell, auch für Europa.“

Balkrishna Doshi: Vidhyadhar Nagar, Jaipur, Indien, Miniatur, 1986. © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

Balkrishna Doshi in seinem Architekturbüro Sangath, Ahmedabad, 1980. © Iwan Baan 2018

Balkrishna Doshi: Architekturbüro Sangath Miniaturmalerei, Ahmedabad, 1980. © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

Die Ausstellung zeigt Projekte aus sechs Jahrzehnten, wobei das Spektrum von Bildungs- und Kulturbauten über Wohnbauten und Interieurs bis zur Planung ganzer Städte reicht. Die Schau versammelt eine Fülle an Originalmaterialien wie Modelle, Zeichnungen und Doshis berühmte, an indische Miniaturen angelehnte Visualisierungen. Großmaßstäbliche Installationen machen die Poesie seiner Architektur erlebbar. Aktuelle Fotografien und Filme zeigen das Weiterleben der Bauten im Alltag. Die Schau ist in vier Themenschwerpunkte gegliedert: Als Architekt und Pädagoge hat Doshi die Architekturausbildung in Indien dauerhaft verändert. Der Abschnitt „Bildung ganzheitlich Denken“ widmet sich ausführlich dem Centre of Environmental Planning and Technology in Ahmedabad, einem von Doshis Schlüsselprojekten.

Über einen Zeitraum von 50 Jahren – 1962 bis 2012 – entstand ein multidisziplinärer Universitätscampus, inklusive der von ihm gegründeten Architekturschule. Um den Dialog zwischen Studierenden und Lehrkräften zu fördern, entwarf Doshi das gesamte Gelände als frei fließenden Raum, der sein Ideal einer „Bildung ohne Türen“ widerspiegelt. Dem Mangel an leistbarem Wohnraum und der Fragmentierung der Gesellschaft begegnet Doshi mit experimentellen Konzepten für den sozialen Wohnbau. Im Abschnitt„Zuhause und Zugehörigkeit“ veranschaulicht die Ausstellung seine Ideen zur Gestaltung von kostengünstigem, klimagerechten und sozial integrativen Wohnraum.

Ausgehend von Mahatma Gandhis Begriff der Selbstbestimmung kombiniert Doshi Fertigbauweisen und lokale Handwerkstechniken in einem Modulsystem, das es den Bewohnern ermöglicht, den Wohnraum nach ihren Bedürfnissen, persönlichen Vorlieben und wirtschaftlichen Möglichkeiten individuell auszubauen und zu erweitern. Die Übergänge zwischen öffentlichem und privatem Raum sind fließend – auf Straßen und Plätzen, in Innenhöfen und auf Treppen begegnen sich Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten. Doshis Wohnsiedlungen sind ein Instrument zur Überwindung gesellschaftlicher Grenzen und ein Beitrag zum wirtschaftlichen Wandel.

Balkrishna Doshi: Wohnsiedlung Aranya Skizze, Indore, 1989. © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

Balkrishna Doshi: Wohnsiedlung Aranya, Indore, 1989. © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

Balkrishna Doshi in Zusammenarbeit mit M.F. Husain: Amdavad Ni Gufa Kunstraum, Ahmedabad, 1994. © Iwan Baan 2018

Balkrishna Doshi in Zusammenarbeit mit M.F. Husain: Amdavad Ni Gufa Kunstraum, Ahmedabad, 1994. © Iwan Baan 2018

Auch Doshis institutionelle Bauten bezeugen seinen ausgeprägten Gemeinsinn, wie das Kapitel „Institutionen bauen“ verdeutlicht. Seine Verwaltungsgebäude, Forschungszentren und Schulen fördern den zwanglosen Austausch. Beim Indian Institute of Management in Bangalore bilden Treppen und Flure, begrünte Höfe und Verbindungswege einen übergreifenden Zusammenhang. Sie schaffen fließende Übergänge zwischen Innen und Außen und sind als Erweiterung der Unterrichtsräume angelegt. Die Verwendung lokaler Baustoffe und -techniken lässt die Architektur zeitlos erscheinen und spiegelt Doshis Wertschätzung indischer Bauweisen sowiesein starkes Bewusstsein für die Umwelt wider.

Der Abschnitt „Gestaltung lebenswerter Städte“ zeigt, dass bei Doshi stets der Alltag der Menschen im Mittelpunkt steht. Straßen und Wege, öffentliche Plätze und Gebäude, Privathäuser, Büro-und Geschäftsgebäude, Baudenkmäler, Tempel und Kultureinrichtungen – besonders aber die Menschen und ihre Tätigkeiten – wollen zu einem funktionierenden Ganzen verbunden sein. Um die Qualität des städtischen Lebens zu verbessern, überträgt Doshi traditionelle Planungsprinzipien wie dichte Strukturen, zu Fuß zu bewältigende Entfernungen und den multifunktionalen Gebrauch der verfügbaren Flächen in die Gegenwart.

Zur Person: Der 1927 als Sohn einer traditionellen hinduistischen Familie geborene Balkrishna Doshi wuchs in der Aufbruchsstimmung der indischen Unabhängigkeitsbewegung auf, zu deren Leitfiguren Mahatma Gandhi und Rabindranath Tagore zählten. Im Jahr der indischen Unabhängigkeit 1947 begann er sein Architekturstudium am Sir J.J. College of Architecture Bombay, heute Mumbai. In den 1950er-Jahren reiste er mit dem Schiff nach London und zog schließlich nach Paris weiter, um bei Le Corbusier zu arbeiten. Doshis Zusammenarbeit mit Le Corbusier und später Louis I. Kahn erstreckte sich über ein ganzes Jahrzehnt und machte den jungen Architekten mit dem Vokabular der architektonischen Moderne vertraut. Doshi wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Global Award for Lifetime Achievement for Sustainable Architecture, der Aga Khan Award for Architecture und die Goldmedaille der französischen Académied’Architecture. Im Jahr 2018 wurde ihm als erstem indischen Architekten der Pritzker-Preis verliehen

www.azw.at           Interview mit Balkrishna Doshi: www.welt.de/icon/design/article191809589/Architekt-der-Armen-Balkrishna-Doshi-ist-der-Anti-Koolhaas.html

23. 5. 2020