Ulrich Reinthaller im Gespräch

Mai 14, 2013 in Bühne

„Aus Liebe“ im Theater in der Josefstadt

Am 16. Mai wird im Theater in der Josefstadt das neue Stück von Peter Turrini uraufgeführt. Direktor Herbert Föttinger selbst übernimmt die Inszenierung von „Aus Liebe“. Das Bühnen-„Comeback“ von Ulrich Reinthaller, der darin – nach einem real existierenden Vorbild – einen Mann spielt, der Frau und Kind mit der Axt erschlägt. Ulrich Reinthaller im Gespräch:

Ulrich Reinthaller (Michael Weber) Bild: © Sepp Gallauer

Ulrich Reinthaller (Michael Weber)
Bild: © Sepp Gallauer

MM: Sie waren in den vergangenen Jahren mit Ihren Soloprogrammen, Lesungen von Rilke bis Werther, sehr erfolgreich. Was hat Sie dazu bewogen, sich – als Gast – wieder in ein Ensemble zu begeben?

Reinthaller: Ich habe vier Jahre nicht Theater gespielt, ich hab’s drauf angelegt. Ich habe sogar vor laufender Kamera gesagt, dass ich nicht mehr weiß, warum und wieso. Aber es hat sich einiges geändert in meinem Leben. Ich habe einen Halt eingelegt, habe ein Seminarhaus am Phönixberg gebaut, meinen verlängerten Arm, wo ich der programmatische Impulsgeber sein will, wo wir uns genau mit dem Dialog beschäftigen wollen, der Kern jedes Theaterstücks sein sollte. Ohne Dialog ist es eine schmerzhafte Tragödie, in der die Menschen einander nicht zuhören. Das ist auch in der Realität so, daran leiden die Menschen heute: nicht hören, nicht zuhören.

 MM: Hört man ein wenig über den Inhalt von „Aus Liebe“ – Hackenmörder bringt seine Familie um -, denkt man: der Reinthaller ist eine krasse Fehlbesetzung. Liest man das Stück, weiß man: der Reinthaller ist die Idealbesetzung für die Figur Michael Weber. Wie würden Sie ihn beschreiben?

Reinthaller: Eine sehr offene Persönlichkeit, zu offen, so dass er diese schreckliche Welt mit ihren monströsen Figuren aufnimmt, ohne etwas zu sagen. Er empört sich am wenigsten, das tun alle anderen. Zum Schluss ist bei ihm das Fass voll und läuft über. Bei den anderen nicht, die machen sich immer wieder Sicherheitsventile auf. Er hat keines. Das ist schlecht.

MM: Sie beschreiben Michael Weber durchaus positiv. Ich empfand diesen Mitarbeiter eines Parlamentsabgeordneten doch auch als unfassbaren, schlüpfrigen, kalten Fisch … und in seinem Sexualverhalten durchaus als Charakterschwein.

Reinthaller: Man ist geneigt, so einem Menschen böse Zuordnungen zu geben. Aber so kommt man als Schauspieler und vielleicht auch als Mensch nicht weiter, so kastelt man sich ein. Bis man sagt: Der gehört weg. Aber auch ein Michael Weber ist Teil der Gesellschaft. Wir können es uns nicht leisten, nicht zu verstehen. Was nicht verstanden wird, kann nicht gelöst werden. Hier erwartet uns eine Falle. Die Gesellschaft ist ein Tausendfüssler – und davon hat der Mörder zwei. Die Gesellschaft gebiert solche Menschen. Deshalb versuche ich, und das ist mein Vorrecht als Schauspieler, diese Figur nicht abzuurteilen. Da wüsste ich gar nicht mehr, was ich spielen sollte. Mir ein Narbengesicht machen und irre dreinschauen? Interessanter ist doch, einen Charakter zu schaffen, dem man so eine Tat gar nicht zutraut.

 MM: Peter Turrini gibt keine Antwort, keine Erklärung, keine Entschuldigung für die Mordtat. Er will dem Publikum kein Schlupfloch ins „Der-arme-Mann-Denken“ ermöglichen. Haben Sie sich etwas zurecht gelegt? Warum mordet man „Aus Liebe“? Denn das war ja, was das reale Vorbild für Weber bei den Vernehmungen als Tatmotiv angab.

Reinthaller: Das ist eine sehr wichtige Frage. Vor der kann man sich nicht drücken. Wenn einer das sagt, dann hat er offenbar ein Weltbild, in dem es definitiv nichts Höheres gibt als ihn. Vorher nichts, nachher nichts, und jetzt in diesem Leben haben wir die Erfüllung zu finden. Und wenn das nicht klappt, möchte man selber Gott spielen – und die Seinen „erlösen“. Der Täter hat Philosophen zitiert, allesamt Nihilisten, und er wollte seine Familie ins Nichts zurückbringen, damit ihnen nichts mehr wehtut. Das ist nur dann verständlich, wenn man sich der offenen Frage nach einer höheren Existenz verschließt und jede höhere Bewusstseinsebene verneint. Das ist das krasse Problem des Atheismus. Wenn es also Gott nicht gäbe – wofür es keinen Beweis gibt – dann müssten wir uns rein aus Sicherheitsgründen einen erschaffen.

MM: „Aus Liebe“ ist ein Ensemblestück geworden. Michael Weber ist nicht DER Protagonist, es gibt viele andere vom Leben enttäuschte, frustrierte, die sich ungerecht behandelt fühlen, die einen gesellschaftlichen Abstieg hinnehmen mussten. Ist diese allgemeine Aggression ein Zeichen unserer Zeit?

Reinthaller: Ja. Ich sehe ein großes Pulverfass, das eine Schattenseite der Explosion hat und eine Lichtseite, wo die Ketten der falschen Werte gesprengt werden. Ich sehe immer mehr Leute, die so leben: Jeder auf seiner Insel und rundherum gibt es nichts. Ich sehe bei jeder Straßenbahnhaltestelle einen, zu dem ich gehen möchte und fragen: Ist alles in Ordnung? Kann man Ihnen helfen? Der Glaube – und ich meine das nicht im religiös-institutionellen Sinne – ist den Menschen abhanden gekommen. Und Turrini verweigert darauf Antworten. Als ich das Stück zum ersten Mal gelesen habe, war ich zwischen ratlos und verzweifelt aus einem Schauspielerblick gesehen. Weil ich mir dachte: Wo ist das psychologische Futter? Wo ist die Geschichte? Was hat der Weber erlebt? Nichts verrät Turrini darüber. Er formuliert nichts aus. Du erfährst nur die Spitze des Eisbergs. Dann habe ich immer mehr begriffen, dass er sich des Lösungsangebots entsagt. Alle anderen Figuren reden von den Problemen, mit denen sie sich herumschlagen, dann kennt man einen Grund für ihr Verhalten, kann sie in ein Eck stellen – und aus. Wenn man sich, wie beim Weber, aber nicht auskennt, muss man sich als Zuschauer fragen: Wo wäre in meinem Leben der Druckkochtopfeffekt, den ich gar nicht merke? So wollen wir das Publikum aus dem Theater entlassen. Nachdenklich über sich selber. Die Gesellschaft ist mörderisch –  und es sind nicht immer „die anderen“ …

 MM: Eine Riesenaufgabe für einen Schauspieler.

Reinthaller: Naja. Ja. Vielleicht deshalb spricht Weber nicht von sich, sondern hört einen ganzen Tag lang, was die anderen sagen, wie sie räsonieren, schimpfen. Ein Kaleidoskop der Verzweiflung. Da passiert Osmose. Er hört selektiv nur noch Wahnsinn. Er sieht nur noch den Schmerz aufblitzen. Burnout ist ein Stichwort, das fällt. Einsamkeit. Überforderung. Er ist wie ein schwarzer Stern, der irgendwann einmal explodiert. Aber laut jüngster Quantenforschung sollen diese schwarzen Sterne dabei ja neue Universen schaffen, als Abpralleffekt aus dem schwarzen Loch. So entsteht neuer Atem. Für Michael Weber ist es zu spät. Aber das Stück hat auch eine lehrreiche, kathartische Vision. Wenn es so weitergeht, wird es furchtbar, dann schaffen wir die Liebe und die Menschlichkeit ab.

 MM: Es gibt im Stück auch Komik …

Reinthaller: Aber fratzenhafte. Wie bei Hieronymus Bosch. Ein Sinnbild für Gier und Egoismus, Figuren, die in ihr eigenes Gedankenrad eingestiegen sind, nicht mehr rauskommen und ihre Umgebung mitschleifen.

 MM: Der „liebe Gott“ kommt vor. Auf der Baumgartner Höhe. Kann Gott nicht mehr helfen?

Reinthaller: Da provoziert Turrini. Das ist ein Statement. Oder eine Frage. Der Schrei: Wo bist du? Der für mich übrigens keine Lösung ist, sondern nach innen gehen sollte. Ich suche Gott in mir und verlange nicht dauernd plärrend wie ein kleines Kind, das keine Mami hat, Hilfe von außen. Wenn Gott in allem ist, muss er auch in einem sein. Und vielleicht sagt er: Schau dich in den Spiegel, da ist die Lösung. Wie wäre das mit dem Ebenbild und so … Das Nach-außen-Projizieren schafft schnell Feindbilder, und die Frage: Wie kann Er das zulassen? Das hat mich immer schon gestört. Da das Leben sich aufbaut und wieder zerfällt, sind das Prozesse, die man durchwandern muss. In und aus Liebe und nicht durch Widerstand.

MM: Sie haben selber Kinder. Wie hält man es da aus, den Mörder seines Kindes zu spielen?

Reinthaller: Das ist nicht das Schwierigste. Mich hat die Frage, wie es wäre, wenn geliebte Menschen durch Krankheit, durch einen Unfall plötzlich weg sind, immer sehr beschäftigt. Wir wiegen uns in einer Sicherheit und es braucht nur das Telefon zu läuten und alles ist anders. So schnell könnte man mir das Lächeln aus dem Gesicht reißen. Die innere Säule aufrecht zu halten, muss man dann, wenn einem alles genommen wird. Jetzt ist wertvoll, denn jetzt ist alles noch da. Wenn man das weiß, ist man vielleicht anders im Jetzt. Das hat nichts mit Angst zu tun, sondern mit Erkenntnis. Der Zustand der Verdrängung des Schrecklichen, in dem die meisten Menschen leben, hat ja eigentlich etwas Anmaßendes. Man sollte im Bewusstsein leben, dass das Leben endlich ist.

 MM: Sie haben eine Lebensgefährtin, der Mann und Kinder durch ein Zugsunglück genommen wurden. Anbetracht dessen, wächst da nicht Wut, wenn einer „freiwillig“ seine Familie tötet? Reden Sie daheim über dieses Stück? Über die Unbegreiflichkeit der Tat, während Ihre Lebensgefährtin „vor vollendete Tatsachen gestellt wurde“?

Reinthaller: Natürlich. Barbara hat ja auch ein Buch darüber geschrieben. Wie ich sie begreife, ist, dass man sein Schicksal annehmen muss. Es bleibt einem ja nichts anderes übrig. Alle großen Liebesmeister werden nicht zu Lebenshassern. Ich kann nicht meinen Nächsten anschreien: Du bist auch Schuld an dem, was mir widerfahren ist. Also kann man nur IN Liebe annehmen, was einem erscheint. Ich habe durch Barbara viel gelernt. Ich bin sprachlos über ihre Kraft. Wir haben kein Recht auf alles, nach dem wir ständig brüllen. Wie man die Welt betrachtet, löst aus, wie man lebt.

MM: Was ist der Sinn des Lebens?

Reinthaller: Nach dem Sinn zu fragen.

www.josefstadt.org

www.phoenixberg.at

www.mottingers-meinung.at/peter-turrini-im-gesprach

Von Michaela Mottinger

Wien, 14. 5. 2013