Theater an der Wien – Das Programm der Saison 2020/21

Mai 5, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Alfred Dorfer inszeniert Mozarts „Nozze di Figaro“

Intendant Roland Geyer im Gespräch mit Kulturjournalist Peter Jarolin. Bild: Screenshot

Seine bereits 15. Saison am Haus präsentierte Intendant Roland Geyer heute – #Corona-bedingt als Live-Stream, in Christoph Waltz‘ „Fidelio“-Bühnenbild und im Gespräch mit Kulturjournalist Peter Jarolin. „Vor Abendrot“ lautet das Motto der kommenden Spielzeit 2020/21, der dritte Teil des Programmzyklus‘ „4 Tageszeiten“, ein Hinweis, so Geyer auf im Herbst hoffentlich schon gewesene Tage –

„Eine atmosphärische Glücksstimmung, die sich verdunkelt je tiefer die Sonne sinkt.“ Insgesamt stehen 13 Premieren, davon 11 Neuproduktionen, mit Opern von Cavalli, Vivaldi, Mozart, Rossini, Donizetti, Wagner, Massenet, Leoncavallo, Gershwin, Prokofjew und einem Ballett von John Neumeier sowie die Wiederaufnahmen der Erfolgsproduktionen „Platée“ und „Saul“ im Zentrum des Spielplans. Mit acht konzertanten Opernaufführungen von Porpora über Händel bis Haydn, zwei halbszenischen Sonderprojekten und einem Kabarett in der „Hölle“ wird das Programm ergänzt.

Gelungen ist es Geyer Sergei Prokofjews Der feurige Engel „hinüberzuretten“: „Wegen der #Corona-Pandemie mussten die Proben im März abgebrochen werden. Die Freude ist nun umso größer, dass diese Opernrarität, inszeniert von Regie-Ikone Andrea Breth und gesungen von Ausrine Stundyte und Bo Skovhus, doch noch realisiert werden kann.“ Premierendatum ist der 17. März. Der ebenfalls abgesagte „Orphée“ soll übernächste Saison nachgeholt werden, für die „Norma“ heißt es derzeit noch hoffen.

Eröffnet wird am 16. September mit Zazà, einer wahren Rarität aus der Feder von Verismo-Begründer Ruggero Leoncavallo und für Geyer eines jener Werke, „die in der Musikgeschichte einen großen Stellenwert haben, auch wenn einem der Titel vielleicht anfangs wenig sagt“ – und die er gerade deshalb dem Publikum präsentieren will. Christof Loy inszeniert, die musikalische Leitung liegt in den Händen von Stefan Soltész. Die anspruchsvolle Titelpartie wird von der russischen Sopranistin Svetlana Aksenova verkörpert, an ihrer Seite die renommierten Sänger Nikolai Schukoff und Christopher Maltman.

Am 14. Oktober folgt George Gershwins Porgy and Bess, das tatsächlich erstmals im Theater an der Wien gezeigt wird. Die Besonderheit: Die Chorpartien wird der großartige Cape Town Opera Chorus übernehmen – dies Geyers „einzige Sorge in der kommenden Saison“, dass die derzeit gültigen Reisebeschränkungen, die Sängerinnen und Sänger aus Südafrika nicht daran hindern werden, nach Österreich zu kommen.

Giulia Semenzato und Florian Boesch. Bild: Monika Rittershaus

Florian Boesch als Saul. Bild: Monika Rittershaus

Platée. Bild: Monika Rittershaus

Platée. Bild: Monika Rittershaus

„Artist in residence“ wird einer der kraftvollsten Sänger-Darsteller und wandelbarsten Liedinterpreten, der österreichische Bariton Florian Boesch, der sich zum Gespräch auf der Bühne einstellt. Wird er doch in einer der beiden von den Zuschauern gewählten Wiederaufnahmen, Händels Saul mit Premiere 16. April, die Titelpartie übernehmen. Regisseur Claus Guth habe das Oratorium für sie beide entwickelt, sagt er unter Bezug auf seinen „grauen Bart“, „geht es doch um die Kernthemen von uns Menschlein, das Alter und die Abgabe von Macht, eine Übergabe an die nächste Generation, die ich als Lehrender tagtäglich erlebe.“

Auch ein „Egmont-&-Fidelio“-Projekt wird Boesch anlässlich des Beethoven-Jahrs gestalten, einen so kurzfristigen wie hochkarätigen Einspringer für die zahlreichen #Corona-Absagen, „mit dem Roland Geyer mich aus meiner Komfortzone gelockt und dazu gebracht hat, mein Kerngenre zu sprengen.“ Die zweite Wiederaufnahme ist Platée am 14. Dezember, Robert Carsens umjubelte Inszenierung aus dem Jahr 2014. William Christie dirigiert sein Spezialistenensemble Les Arts Florissants in der satirischen Oper von Jean-Philippe Rameau mit dem wunderbaren Marcel Beekman in der Titelpartie.

Mit Florian Boesch als Graf Almaviva wird es eine Neuinszenierung von Le Nozze di Figaro geben. Regie führt – sein Debüt im Musiktheater – Alfred Dorfer, auch er Live-Gast, der seine Begeisterung für Mozarts Meisterwerk mit seiner klassikaffinen Familie erklärt: „Der ,Figaro‘ war bei uns wie anderswo Volksmusik, ein ständiger Klang in meinem Kinderzimmer.“ Findet er das Werk „nicht lustig, aber witzig“ und mag er daran, „dass Mozart all diese Liebesverstrickungen mit unglaublicher Großherzigkeit und ohne zu moralisieren darlegt“, so verspricht Dorfer für seine Arbeit „nichts Originelles, also keinen ,Figaro‘ im Schwimmbad oder im Gurkenglasl“.

Alfred Dorfer. Bild: Peter Rigaud

Andrea Breth. Bild: Bernd Uhlig

Roberto Frontali. Bild: InArt

Nicole Chevalier. Bild: Maurice Korbel

„Einen Grenzgang zu Alfred Dorfers Position als Satiriker“, nennt Geyer diese Produktion, und der versieht das Happy End mit einem Fragezeichen. „Das ist subtiler und perfider geschrieben. Vor dem Verzeihen der Gräfin ist im Klavierauszug ein Pausenzeichen – und das werde ich definitiv inszenieren.“ Während Dorfer gern eine „Zauberflöte“, aber keinen Wagner machen würde – „für dessen Texte bin ich doch zu sehr Kabarettist“ -, übernimmt diese Aufgabe Bass Günther Groissböck, zugeschaltet von seinem wohnzimmerlichen Klavier, mit dem Tristan Experiment.

Das Saisonfinale am 26. Mai, in dem der Bass nicht nur den König Marke singen, sondern auch als Regisseur debütieren wird. „Selbst ein Monument wie dieses, braucht keinen monumentalen Raum“, ist Groissböcks Credo. Und Geyer schildert, wie die Idee während der „Rusalka“ entstanden sei und wie Groissböck erst damit herausrückte, in der Kammeroper arbeiten zu wollen, dann dass sein Herzenswunsch der „Tristan“ sei. Was beim Hausherrn erst auf Skepsis stieß, bis der Sänger ein Kammerkonzept für fünf Solistinnen und Solisten, zehn Streicher und Bläser vorlegte. „Alles Freunde und Kollegen“ und Hartmut Keil am Pult – man darf gespannt sein.

Die Kammeroper wird auch 2020/21 zur Spielstätte der JETs, des Junge Ensembles des Theater an der Wien, das nun bereits in die fünfte Generation geht. Die sechs Sängerinnen und Sänger wurden diesmal aus 572 Bewerbern aus 56 Ländern ausgewählt, es sind nun die Sopranistinnen Valentina Petraeva und Miriam Kutrowatz, die Mezzosopranistin Sofia Vinnik, Tenor Andrew Morstein, der Bariton Sebastiá Peris und Bassist Ivan Zinoviev. Die zur Kammeroper-Saisoneröffnung am 26. September das originelle Pasticcio Bajazet von Antonio Vivaldi unter der Leitung von Roger Díaz-Cajamarca in einer Regie von Krystian Lada gestalten werden, gefolgt von Francesco Cavallis Giasone am 29. November und – in Fortsetzung des „Figaro“ im Haupthaus – Gioachino Rossinis Il barbiere di Siviglia am 5. März.

Cape Town Opera Chorus. Bild: Kim Stevens

Günther Groissböck. Bild: Screenshot

Beethoven-Projekt. Bild: © Kiran West

Beethoven-Projekt. Bild: © Kiran West

Zwei weitere Premieren sind Jules Massenets sehr selten aufgeführte Thaïs. Regiemeister Peter Konwitschny kehrt für diese Neuproduktion am 19. Jänner an das Theater an der Wien zurück; mit Nicole Chevalier übernimmt eine starke Sängerdarstellerin die herausfordernde Rolle der Thaïs. Und: „Ein Fest für Belcanto-Freunde“, so Geyer, Belisario, „das an Dramatik alles bietet“, ergo „im 19. Jahrhundert in ganz Europa gespielt wurde, bevor es nach 1900 in völlige Vergessenheit geriet.“

Die Neuentdeckung im Theater an der Wien unternehmen am 16. Februar Nigel Lowry, was Inszenierung und Ausstattung betrifft, und Oksana Lyniv am Pult. Roberto Frontali singt den Belisario und Carmela Remigio die Antonia. Sowohl „Thaïs“ als auch „Belisario“ werden vom RSO-Wien und vom Arnold Schoenberg  unter der Leitung von Erwin Ortner bestritten.

An die Freude heißt der Abend, mit dem sich John Neumeier und das Hamburg Ballett mit Premiere 5. Mai am Haus einstellen werden. Neumeier, Wiener Publikumsliebling – siehe sein „Weihnachtsoratorium“-Evergreen, befasst sich mit Jahresregent Beethoven, und zwar mit der 9. Symphonie, für die er eine abendfüllende Choreografie schaffen wird. „Ein Paradewerk der Hoffnung und Freude“, sagt Geyer – und lässt als Schlusspunkt seiner Spielplanpräsentation den „schönen Götterfunken“ erklingen.

www.theater-wien.at

  1. 5. 2020