Alexander Pechmann: Die zehnte Muse

April 29, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zeit ist eine Karikatur der Ewigkeit

Der Wiener Autor Alexander Pechmann ist der zeitgenössische, zu dessen Büchern es zu greifen gilt, sehnt man sich nach dem wohligen Grusel gehobener Schauerliteratur. Ein literarisches Genre, die gothic fiction, das seine Blüte am Anfang des 19. Jahrhunderts erlebte, Shelley, Polidori, Poe, man kennt die Namen, und Pechmann mit seinem Horace-Walpole-Schreibstil ist ein würdiger Erbe dieser grand ancestors. Hierorts hat man halt ein Händchen fürs Surreale, siehe auch die Wiener Schule des Phantastischen Realismus.

Und dieser Kunst verwandt sind, wenn auch Dezennien früher, die Gemälde eines der beiden Pechmann’schen Protagonisten in seinem jüngsten Roman „Die zehnte Muse“. Das Jahr ist 1905, der Ort alsbald Königsfeld im Schwarzwald, denn anfangs begegnen sich zwei Fremde im Zug, der Maler Paul Severin und der britische Privatier Algernon Blackwood, der seine Gespenstergeschichten aus Spaß an der Freud‘, keineswegs aus Geldnot verfasst. Das Treffen ist durchaus kein zufälliges, wird sich herausstellen, Blackwood hat in einer kleinen Londoner Galerie zwei, drei Arbeiten Paul Severins gesehen und deren Schöpfer gesucht.

Severin, der als Brotberuf Porträts solcher, die sich seinen Pinselstrich leisten können, anfertigt, eine Tätigkeit, die er Handwerk nennt, gilt doch die wahre Leidenschaft seinen „Haschischvisionen von Horrormärchen“, düstere Darstellungen voll rätselhafter Symbole, deren sich wiederholendes Thema unschuldige Schönheit, sinnlicher Tod und eine Auferstehung aus Thanatos Armen als eine Fantasie des Eros ist.

Solcherart Bilder haben Blackwoods Faszination erregt, glaubt er doch das Modell dafür zu kennen, am Donisweiher habe er das Mädchen weiland entdeckt, ja, sagt Severin, er ebenso, Talitha heißt sie gleich der biblisch-toten Tochter des Synagogenvorstehers Jaïrus, der Jesus Christus befahl: Talitha kumi! / Mädchen oder Lämmchen, steh‘ auf! – doch mysteriös mutet an, dass dem Blackwood das offenbar ewig junge Waldgeschöpf zwanzig Jahre vor Severin erschienen war. Nach des Engländers philosophischem Sermon über die Beschaffenheit der Zeit – an dieser Stelle: Achtung! – beschließen die Männer, sich gemeinsam auf die Suche nach des Rätsels Lösung zu machen.

Bis dahin ist man bereits wundersam eingesponnen in den Pechmann-typischen Tonfall, der stets etwas Wehmütiges, Verwehtes, eine Elégance gewesener Tage hat. Pechmann balanciert perfekt zwischen Geheimnis- krämerei und Charakterzeichnung, zwischen Übersinnlich und Historie, zwischen Fakt und Fiktion. An den Quellenangaben im Buch sind die Wurzeln desselben festzumachen, Algernon Blackwood, der tatsächliche, Erfinder der John-Silence-Stories (Textprobe: www.youtube.com/watch?v=HYVIj4D4SnM), die Spukgestalten aus einer Sammlung klassischer Schwarzwald-Sagen von 1930, das jenische Wörterbuch von Rolf Dreher „Fisel komm mir dibrat“, und selbstverständlich des Autors akribische Recherchen rund um den wirklichen Donisweiher.

Was nun folgt, man hat beschlossen von der Bahnstation zu Fuß ins Städtchen Königsfeld zu gehen, sind Kindheitsschilderungen I und II. Algie, der illusionsbegabte Knabe, dem schon das elterliche Shortlands House samt Garden eine verwunschene Welt voller Elfen und Feen schien, in die er sich tag-, nein, eigentlich mitternachtsträumte. Weshalb er vom Vater auch zwecks deutscher Strenge ins Schwarzwald-Internat der Herrnhuter Brüdergemeinde verbannt wird, wo Zucht und Ordnung an erster Stelle des Lehrplans stehen. Paul, ein jenischer Waisenbub, die Jenischen das Fremdwort für eine Arme-Leute-Schicht, Heimatlose, „fahrendes Volk“, der von der Kruzifix-Fraktion gehorsam und gottesfürchtig geprügelt werden soll.

Wie sich die Biografien gleichen, die Zauberamulette gegen den bösen Zworitrat, die den einen als Aberglaube begeistern, sind von des anderen „Zigeunern“ angefertigt, ist doch der Donisweiher ein Tummelplatz für allerlei luziferisches Gesindel. „Trop des revenants“, ängstigt sich Blackwoods Schweizer Schulfreund Calame, den, da verrät man nicht zu viel, Severin in seiner Pariser Lehrzeit als Snell kennenlernen wird. Spätestens nach dieser Erkenntnis ist „Die zehnte Muse“ ein Pageturner, prächtig, wie Pechmann sein Figuren-Kaleidoskop zum Muster zusammensetzt, sein Mystery-Mosaik Steinchen und Steinchen entsteht, weil bald der eine Wanderer die Visionen des anderen um eigene Phantome ergänzen kann.

Bild: pixabay.com

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Algie büxt nächtens aus dem Schlafsaal aus Richtung Natur – und findet am Weiher ein halbnacktes Mädchen, nicht älter als siebzehn oder achtzehn, „mit einer Fülle mattschwarzen Haars, hohen Wangenknochen, schmalen, fast strengen Lippen und Augen, die ihre Farbe zu wechseln schienen, wenn man sie zu lange ansah“, ihr Gesicht mal jugendlich sinnlich, mal „eine brüchige Maske, die etwas Unbeschreibliches verbergen mochte – unnatürliche Schönheit oder niederschmetterndes Grauen“, Talitha, schalkhaft, wild, ein wenig hochmütig und doch irgendwie um Hilfe flehend. Sie sei „baledschido“, sagt sie ihm, und das kann Severin übersetzen: unehrlich, ausgestoßen.

Und allmählich ärgert sich der Maler, „dass Blackwoods sonderbares Erlebnis unverkennbare Bezüge zu meinen Bildern enthielt: das Mädchen, der tote Vogel, der blutende Baum. Ich hielt es für Absicht – als hätte er die Motive der Gemälde in seine Geschichte eingewoben, um mich hinters Licht zu führen oder auch nur, um die Grenzen meiner Gutgläubigkeit auszuloten.“ – „Vřduft, dâhnâs!“, Hau ab, Fremder, sagt das Mädchen zwei Jahrzehnte später zu Severin. „,Ladscho diebes‘, antwortete ich mit einem jenischen Gruß. ,S‘isch koschř, tschaĭ.‘ Alles in Ordnung, Mädchen. Daraufhin drehte sie sich zu mir um und sah mich mit brennenden Augen an. Ich fragte nach ihrem Namen. ,Talitha‘, sagte sie, und aus ihrem Mund klang es wie ein Fluch.“

Mehr, man ahnt es bereits, als Severin lieb sein kann, hat Talitha mit seiner jenischen Familiengeschichte zu tun, mit dieser Katastrophe der Vergangenheit, die Mutter von einem Gendarmen als Diebin erschossen, der Vater auf Nimmerwiedersehen verschwunden, Talitha, die ihm erzählt, der Bonherr habe sie verstoßen, weil sie den Menschen Unheil bringe, und seltsam, wie sich ihr Schatten ausdehnt und zur Silhouette eines urzeitlichen Wächters wird. In der Bibel, fällt Severin ein, heißt es nach Jesus‘ Wunder: Und sie entsetzten sich sogleich über die Maßen. Entsetzen! Nicht erstaunten oder gar entzückten.

Des Rätsels Lösung. Hat also mit der Zeit zu tun. Und mit Calame/Snell, der als Herrnhuter Zögling ins Eis des Donisweiher einbrach, knapp mit dem Leben, aber mit beschädigter Psyche davonkam, als ein Sehender von Dingen, die den meisten verborgen bleiben, les revenants, die Wiedergänger. Snell, der nun ein kurzes Leben lang an einem schwarzen Abgrund malte, „Bythos“, für die Gnostiker der unfassliche Uranfang allen Seins – und wer nun im Geiste bei Aldous Huxleys „Doors of Perception“ ist, ist genau richtig. Die Zeit als ein zu betretender Raum, durch dessen Türspalt Vergangenes noch und Zukünftiges bereits zu erspähen ist, deren Ebenen aber indes auch überlappen. Die Zeit, dies der schönste Gedanke des Romans, die Zeit ist eine Karikatur der Ewigkeit.

Auf den letzten Seiten noch ist vieles un-, doch Severin und Blackwood immerhin eines klar: Talitha ist eine Gefangene, die mittels ihrer kryptischen Fingerzeige, Vogel-, Baum-, Schlangensymbol, um Erlösung bittet. In allen Zeiten für alle Zeit. Woraus den Männern die Erkenntnis wächst: „Um eine Seele zu erfassen, müssen wir bereit sein, unsere eigene Seele aufzugeben …“ Sehr spooky!

Über den Autor: Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, Autor und Herausgeber, übersetzte und edierte zahlreiche Werke der englischen und amerikanischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, Sheridan Le Fanu, Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Henry David Thoreau, Lafcadio Hearn, Rudyard Kipling, F. Scott und Zelda Fitzgerald. Er versteht sich als Schatzgräber und Goldsucher der Literatur, mit einer großen Vorliebe für verlorene Texte und vergessene Geschichten. Pechmann lebt heute im Schwarzwald in einem „langsam verfallenden Haus mit sehr vielen Büchern und schwarzen Katzen“. Bei Steidl erschienen seine Schauerromane „Sieben Lichter“ und „Die Nebelkrähe“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32844).

Steidl, Alexander Pechmann: „Die zehnte Muse“, Roman, 176 Seiten.

steidl.de          Alexander Pechmann im Gespräch: vegvnd.podcaster.de/steidlwoertlich/media/03_Steidl_Woertlich_Pechmann.mp3

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