Akademietheater: Die Marquise von O.

Mai 11, 2013 in Bühne

Sterlingsilber schmeckt eben nach nichts

Es ist nicht leicht eine Meinung zu einer Inszenierung zu haben, die so nichts sagend ist, die offenbar nicht einmal eine Meinung über sich selber hat. Daher folgendes: Die Bozner Society-Lady Renate Hirsch Giacomuzzi zeigte einer einschlägigen Fernsehsendung in St. Moritz einmal ihren neuen Maibach. In der Mitte der Rückbank lässt sich per Knopfdruck eine Bar mit Kühlung hochfahren, darin eine Flasche Champagner und Kelche aus Sterlingssilber. „Wissen Sie“, sagte die Hirsch zur staunenden Jungreporterin, „zur Grundausstattung gehören Flöten aus Swarovski-Kristall. Aber ich hielt sie in einem Fahrzeug für zu zerbrechlich, deswegen haben wir umdisponiert.“

Oliver Masucci, Andrea Clausen, Dorothee Hartinger Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Oliver Masucci, Andrea Clausen, Dorothee Hartinger
Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Am Akademietheater wird derzeit Yannis Houvardas‘, hauptberuflich Intendant des Griechischen Nationaltheaters in Athen, Inszenierung von Ferdinand Bruckners „Die Marquise von O.“ gegeben. Und auch da will man offenbar keine Scherben. Also holt man auf Nummer Sicher das gute Silber aus der Lade, poliert es auf Hochglanz, deckt eine wunderbare Tafel – und vergisst darüber, dass Sterlingsilber nach nichts schmeckt. Sondern, dass man auch was auftischen muss. Das tut immerhin Bühnenbildner Johannes Schütz mit einer wunderbaren Lösung aus halbdurchsichtigen Wänden auf einer ebenso schön beleuchteten wie anzuschauenden Bühne.

Der Rest des Abends ist hart, Mann! Die Burg, „Weihetempel der Kunst“, wird immer mehr zur Selbstbeweihräucherungsbühne. In diesem Fall mit Live-Streichquartett auf der Bühne. Toll. Traurig nur, wenn ein Regisseur den Kern der Sache, bei der er Regie führen soll, ignoriert. Und damit ist nicht gemeint, dass Houvardas das Drama über weite Strecken statitsch wie eine antike Tragödie anlegt. Aber aus Schauspielstars wie Dorothee Hartinger, Peter Simonischek, Andrea Clausen, Oliver Masucci und Dietmar König dermaßen nichts zu machen, das ist wirklich eine Leistung. Kurz zusammengefasst ergehen sich die einen in Hysterie (die Damen), die anderen in umso mehr Härte (die Herren). Simonischek spielt den überlebensgroßen, verschrobenen, vor Imponiergehabe platzenden Vater, der ein „Isaak“-Opfer, sprich: Abtreibung, fordert, und als das misslingt vor der Schande nach Breslau „flieht“. Mutter Andrea Clausen versteckt sich überspannt-manieriert-schockiert hinter ihrer Geige. Motto: Was ich nicht sehe, gibt es nicht. Immerhin: Dietmar König ist ein vornehmer Friedrich, der das Weite sucht, wo ihm Nähe verweigert wird. Eine kleine Rolle, eine schöne Leistung. Dorothee Hartinger changiert als Marquise zwischen Verwirrung, Verzweiflung über und Verachtung für die Menschheit.  Ist gleichzeitig traumwandlerisch, schwebend, entrückt. Und am Ende genauso erschöpft-ernüchert wie das Publikum. Eine neue Nuance, ein neues Gefühl, irgendetwas – aber nein, alles schon dagewesen, alles schon gesehen; auf zweifelsfrei höchstem Niveau zeigen die Artisten ihre bewährten Kunststücke.

Oliver Masuccis Hauptmann immerhin macht eine Wandlung durch. Bekannt für seine Rollengestaltungen von Anatol Kuragin bis Achilleus als Zyniker, Charmeur, Filou mit unwiderstehlichem Raubtierlächeln, arrogant, überheblich, selbstverliebt, nun gar ein Vergewaltiger, zieht er all seine Joker auch diesmal. Aber: Er wird ein hilflos Liebender, ein Hin- und Hergerissener, ein Getriebener in der Frage, ob er der Vater des O.-Kindes ist oder nicht. Tatsächlich ist die letzte Szene, als er der Hartinger zärtlich den Bauch berührt, und sie ihm eine Verbal-Watschn gibt, die Ehrenrettung des Ganzen. Also rein in den Pelzmantel, raus aufs Schlachtfeld …

Bleibt, Houvardas schlimmste Sünde abzuhandeln. Denn weder galt es (Achtung: KritikerkollegInnenzitate!) Ferdinand Bruckner „den Muff der Zeit“ abzuklopfen, noch einem „Trendbarometer“ zu gefallen, noch zu jubeln, dass auf „platte Gegenwartsbezüge“ verzichtet wurde. Bruckner schrieb 1933 – danach emigrierte er nach Paris – ein hochpolitisches Stück. Von einem darniederliegenden, zerfallenden Europa. Von Niedergang bis Niederträchtigkeit. Von einer Politik, die zerstört, statt aufbaut, die nicht nur keine Antworten hat beziehungsweise gibt, sondern sich nicht einmal mehr Fragen stellt. Und: Er schrieb ein Emanzipationsdrama. Im Gegensatz zu Kleist, wo alles in Liebe, Wonne, Hochzeit endet, zeigt die Marquise hier der Gesellschaft den Mittelfinger. Sie wird gehen. Allein. Und Mutter sein, wo sie keiner kennt. Dazu kann einem heute was einfallen. Ohne die von manchen so gefürchtete Abrissbirne namens „Modernisierung“. Es reichte auch ein leicht Schlag mit dem Reflex-Hämmerchen. Aber im Maibach bewegt man sich eben lieber vorsichtig, verschüttet nichts, freut sich über die Silberkelche und lauscht Beethoven.

www.burgtheater.at

www.mottingers-meinung.at/die-marquise-von-o-am-akademietheater-2

Von Michaela Mottinger

Wien, 11. 5. 2013