Volksoper: fidelio streamt Highlights und Klassiker

April 9, 2020 in Klassik, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der Csárdásfürstin bis zum Himmelstür-Axel

„Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit“: Drew Sarich als Antonio Vivaldi und Morten Frank Larsen als Kardinal Ruffo mit dem Jugendchor der Volksoper. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ab heute zeigt die Streaming-Plattform „fidelio“ auf www.myfidelio.at einen umfangreichen Volksopern-Schwerpunkt mit Highlights und Klassikern. Auf dem Programm stehen insgesamt acht Erfolgsproduktionen, allein sieben davon aus der Direktionszeit von Robert Meyer. Mit den Operetten „Axel an der Himmelstür“, „Die Csárdásfürstin“ und „Der Zigeunerbaron“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=38635) werden gleich drei Meisterwerke

dieses Genres aus den letzten Jahren gezeigt. Auch die Kinderoper „Antonia und der Reißteufel“, der legendäre Ballettabend „Max und Moritz“ und die BaRock-Oper „Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25338) sind im Angebot. Ein Wiedersehen gibt es mit Klaus Maria Brandauers Inszenierung von „Das Land des Lächelns“ aus dem Jahr 1996 mit Johan Botha als Sou Chong. Und für viel Heiterkeit sorgt die Opernparodie „Tannhäuser in 80 Minuten“, ein Soloabend, den Robert Meyer gemeinsam mit den Neuen Wiener Concert Schrammeln oft und gerne an der Volksoper gespielt hat. Ein „fidelio“-Tagesticket, mit dem man den 24-Stunden-Kanal ebenso lang nützen kann, kostet 4.90 Euro. Zwei Tipps aus dem Programm:

Bettina Mönch und Andreas Bieber (re.) in „Axel an der Himmelstür“. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Der Zigeunerbaron“: Kurt Rydl und Regula Rosin. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Applaus für „Die Csárdásfürstin“: Elissa Huber. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kritik – Axel an der Himmelstür: Eine Operettenrarität als ganz großes Kino

Die Volksoper startet mit einem Riesenerfolg. Das Premierenpublikum von „Axel an der Himmelstür“ amüsierte sich zweieinhalb Stunden lang prächtig, entsprechend gab’s am Ende viel Jubel und Applaus. Dabei ist das musikalische Lustspiel von Ralph Benatzky und Paul Morgan gar nicht das Hitfeuerwerk, wie man es vom berühmten Komponisten gewohnt ist, und auch die Handlung ist überschaubar. Aber was Regisseur Peter Lund und sein Leading Team aus der Operettenrarität zaubern, ist einfach hinreißend. Ein gutgelauntes Ensemble präsentiert sich in Bestform und geht mit überbordender Spielfreude ans Werk. Das Tempo ist hoch, das Timing stimmt. Zu all dem trägt wesentlich Lorenz C. Aichner am Pult bei, der die neuen Arrangements von Kai Tietje zum Strahlen bringt.

Das Ergebnis ist ganz großes Kino. Im Wortsinn. Denn Lund, Bühnenbildner Sam Madwar und Kostümbildnerin Daria Kornysheva, die drei am Haus schon verantwortlich für „Frau Luna“, machen aus dem Stück einen Live-Schwarzweißfilm in bester Stummfilmtradition, so als müssten jeden Moment Harold Lloyd oder Fatty Arbuckle von der im Hintergrund gespannten Leinwand steigen. Auf dieser läuft Zeichentrick, laufen die Darsteller immer wieder mit den Strichmännchen um die Wette, dazu alte Fotografien von Beverly Hills Villen und den großen Studios. Was man eben so braucht für „Holly-Holly-Hollywood“, und eine Show mit allem – inklusive Showtreppe.

Über diese wird später Bettina Mönch schweben. Ganz überspannte Leinwandgöttin und immer am Rande des Nervenzusammenbruchs. Mönch brilliert als Gloria Mills. Als großartige Komödiantin versteht sie es, diese Schönheit in Stasis aus der Fasson zu bringen, immer wieder trägt sie ihre Figur gekonnt aus der Kurve, wenn diese klagt, sie sei eine Puppe mit aufgepfropftem Image, wenn die Diva die Contenance verliert und die Stimme vom Kristallklaren ins Keifende driftet. Die Mills ist auch im echten Leben eine wahre Tragödin – und wie die Mönch das zeigt ist filmreif. Singt sie „Yes, Sir!“ macht sie daraus eine freche Revue-Nummer, wird sie von Axel aufgefordert „Zieh‘ dich aus, schöne Frau, denn du musst ins Bett“, wirft sie sich mit Verve aus der Schale.

Andreas Bieber ist ein wunderbarer Axel Swift „mit dem Stift“, den Wienerischen Stiftlmeier hat er aus Karrieregründen abgelegt. Bieber slapstickt sich durch die Szenen, dass es eine Freude ist, er ist nicht nur sängerisch und als Darsteller auf der Höhe, er macht aus seinem Axel eine Mischung aus hoffnungslos gutmütigem Tropf und beruflichem Ehrgeizling, sondern auch als Stepptänzer. Mönch und er agieren als Hinweis darauf, wie sehr Benatzky auf dem Weg war, die ehrenwerte Operette Richtung Musical zu drehen. Als Buffo-Paar Jessie Leyland, temperamentvolle Sekretärin der Scott Film Corporation, und ihr melancholischer Studio-Friseur Theodor Herlinger glänzen Johanna Arrouas und Boris Eder. Den beiden gehört einer der schönsten Momente der Aufführung, in dem der Emigrant aus Ottakring seinem US-Girl die alte Heimat preist … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=23082

Rebecca Nelsen als Annina Girò und Drew Sarich als Antonio Vivaldi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wer zuletzt lacht … das ist Martina Mikelić als Czipra im „Zigeunerbaron“. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Die Csárdásfürstin“: Jakob Semotan brilliert als Boni, mit ihm das Wiener Staatsballett. Bild: © Alfred Eschwé

Ein bezauberndes „Axel“-Buffo-Paar: Boris Eder und Johanna Arrouas. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kritik – Die Csárdásfürstin: Der Erste Weltkrieg bricht übers Varieté herein

Das Bild zu Beginn beweist bereits, dass hier nichts Patina angesetzt haben wird. Da sitzen Edwin und seine Verlobte in spe, Stasi, in der Bibliothek derer von und zu Lippert-Weylersheim, sie orgelt schon einmal elegisch ein paar „Schwalben“ heim, er langweilt sich über seiner Zeitungslektüre. Da bricht aus dem Hintergrund und das Bühnenbild entzwei Edwins Erinnerung an die Revuewelt der Sylva Varescu. Das Budapester Sodom tanzt zwischen den Bücherwänden der Blaublüter. Heia, Heia, so beschwingt geht es her, wenn Regisseur Peter Lund an der Volksoper Emmerich Kálmáns „Die Csárdásfürstin“ inszeniert. Lund hat sich jedmöglichem Ungarn-Kitsch entzogen, die Optik seiner Arbeit ist von eher Klimt’scher Anmutung, dazu ein Hauch Dada – sogar eine Hugo-Ball-Figur in kubistischem Kostüm ist auf der Bühne.

Nicht einen Moment verliert Lund die Entstehungszeit dieses Schlageralbums der silbernen Operettenära aus den Augen, uraufgeführt 1915, ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Er kann, das hat er schon bei „Axel an der Himmelstür“ fulminant vorgeführt, den Staub wegblasen und trotzdem werktreu bleiben. Und so zeigt er – und wieder arbeitet er mit dem Stilmittel Film – Wochenschauaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg, Soldaten im Schützengraben, alte Zeitungsartikel über Siege und öfter noch Verluste, Flanieren über den Ringstraßenkorso und Fallen im Feld. Am Ende werden Kampfflieger übers „Habt euch lieb“ donnern, und man wird wissen, das Glück der frisch vereinten Paare hat ein Ablaufdatum. Wie’s der Feri Bácsi singt: „Weißt du, wie lange noch der Globus sich dreht / Ob es morgen nicht schon zu spät …“

Die spritzig-charmante Inszenierung ist unter der diesbezüglichen Leitung von Alfred Eschwé auch musikalisch in Höchstform. Das Volksopern-Orchester kann Walzer, Swing und Charleston vom Feinsten, der Chor des Hauses und das Wiener Staatsballett sind sowieso stets eine Freude. Ein wahrer Glücksgriff ist Elissa Huber, die als Sylva ihr Volksoperndebüt gibt, die virtuos zwischen lyrischen Höhen und erdigen Tiefen changieren kann, und die darstellerisch Paprika im Blut hat. Lucian Krasznec steht ihr als klassischer Operettenkavalier Edwin – seine Rolle nach einem veritablen „Schwalben“-Streit mit Stasi um „Heut Nacht hab ich geträumt von dir“ aus Kálmáns „Veilchen vom Montmartre“ aufgewertet – sängerisch und schauspielerisch in nichts nach … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=29560

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9. 4. 2020