Simon Strauß: Spielplan-Änderung!

April 7, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Bekannte Künstler über die besten unbekannten Stücke

Es ist zugegeben eine Koketterie. „Spielplan-Änderung!“ – über ein Buch mit diesem Titel kann man dieser Tage nicht hinwegsehen. Kulturjournalist Simon Strauß, Sohn des großen Botho, hat es herausgegeben, hat Künstlerinnen und Künstler eingeladen, über Stücke zu schreiben, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind, aber dringend auf die Bühne gehörten. Gemeinsam begründen sie in diesem Buch das Programm für ein neues Theater, das sich nicht an Besetzungszwang, Auslastung oder einem wohlfeilen Spielplanmotto orientiert, sondern ausschließlich an literarischen Qualitäten.

Dörte Lyssewki, Daniel Kehlmann, Hans Magnus Enzensberger, Nino Haratischwili, Johanna Wokalek, Burghart Klaußner, Hanns Zischler und selbstverständlich Strauß Vater stehen auf Simon Strauß‘ „Besetzungsliste“. Und wenn sich auch derzeit kein Vorhang hebt, so wird hinter den Kulissen die Zwangspause doch fürs Planen von Künftigem genutzt. Strauß samt Mitstreitern wollen in diesem Sinne ihren Band durchaus als Inspirationsquelle verstanden wissen. Abseits der ausgetretenen Pfade des Längst-Bewährten, der oftmals irrwegigen Dramatisierungen von Vorlagen laden sie ein, das weite Land der Theaterliteratur neu zu erobern.

Mit 30 ausgewählten Stücken lassen sie den Leser die Probe aufs Exempel machen, in ihnen alles, was schon Großmeister Irimbert Ganser während des Theaterwissenschaftsstudiums dessen archetypische Themen nannte: Liebe – Macht – Tod. Beschworen wird ein Armes Theater à la Jerzy Grotowski, ein Peter-Brook’scher Leerer Raum, ein Schauspieler/eine Schauspielerin, Stimme und Körpersprache, um Allzu- wie Unmenschliches über die Rampe zu bringen.

In einzelnen Szenen vorgestellt wird Unbekanntes von Altbekannten – von Lope de Vegas “Das berühmte Drama von Fuente Ovejuna“ aus dem Jahr 1619, Franz Grillparzers „Esther“ von 1868 über Ferenc Molnárs „Die rote Mühle“ von 1924, Jean Anouilhs „Der arme Bitos oder Das Diner der Köpfe“ aus dem Jahr 1956 bis zu „Frankie und Johnny“ des vor wenigen Tagen verstorbenen, in Österreich dank Andrea Eckert als Maria Callas in seiner „Meisterklasse“ berühmten US-Dramatikers Terrence McNally, den Filmkritikerin Verena Lueken gegen die Star-gespickte Banalisierung durch Hollywood verteidigt. Und auch ein echter Picasso ist zu finden – „Wie man Wünsche beim Schwanz packt“ aus dem Jahr 1944.

Um anderes Angebotene braucht man sich hierzulande keine Sorgen zu machen. Karl Schönherrs „Glaube und Heimat“ hatte erst vor einem Jahr Premiere an der Josefstadt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31969), „Der Dibbuk“ von Salomon An-Ski, der Klassiker der jiddischen Literatur, war in einer sehr launigen Fassung im Hamakom zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30932). Das „Automatenbüffet“ der gebürtigen Wienerin Anna Gmeyner, das sich weder wegen Horváth noch Marieluise Fleißer – deren Stück „Der starke Stamm“ hier in Erinnerung gerufen wird – in die zweite Reihe stellen muss, kennen wenigstens die Connaisseurs.

Bild: pixabay.com

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Dörte Lyssewski sagt über Jakob Michael Reinhold Lenz‘ 1774er-Komödie „Der neue Menoza oder Geschichte des cumbanischen Prinzen Tandi“ mit dem illustren Personal eines Hauptmanns von Biederling, eines Grafen Chamäleon, eines Tiroler namens Zopf und eines Calmuckenprinzes, der freilich tatsächlich ein ehemaliger Page ist, dies sei eines der fulminantesten Stücke dieses „radikalsten, wildesten Sozialanklägers und revolutionärsten Vertreters des Sturm und Drang“, der seinerzeit Goethe derart Konkurrenz machte, dass dieser den späteren Büchner-Protagonisten als „Rebell und Querulanten“ aus Weimar verbannen ließ.

Hans Magnus Enzensberger erzählt von Alexander Suchowo-Kobylin, der 1850 wegen des Verdachts des Mordes an seiner Geliebten verhaftet und erst 1857 freigesprochen wurde, „dieser sensationelle Fall war einer der berühmtesten Skandale der zaristischen Gesellschaft. Erst sein Prozess machte ihn zum Dramatiker. Er schrieb eine Trilogie mit Stücken, deren Schärfe gegen die russische Justiz und Bürokratie ohne Vergleich war und ist.“ Sein Komödien-Scherz „Tarelkins Tod“ von 1869 ist der letzte und wildeste Teil, „eine Farce, die sich an den Grand Guignol und den Trivialroman anlehnt, von dem das Motiv des darin vorkommenden Vampirs stammt …“

Johanna Wokalek macht mit Sätzen wie „Aufgepasst, ich springe direkt rein in die Wupper! Anders ist der ,Wupper‘ nicht beizukommen. Denn sie mäandert durch Sprache, Bilder und Farben“ neugierig auf Else Lasker-Schülers gleichnamiges expressionistisches Schauspiel aus dem Jahr 1919, das die Schicksale der Unternehmerfamilie Sonntag und der Arbeiterfamilie Pius schlaglichtartig beleuchtet. „Es herrscht Hexensabbat zwischen und unter den Geschlechtern. Triebe und sexuelle Abhängigkeiten peitschen die Menschen zu- und auseinander. In den Köpfen lodert fortwährend die Walpurgisnacht. Wer, wenn nicht Else Lasker-Schüler, könnte davon erzählen?“

Daniel Kehlmann erinnert sich an seine Wiederbegegnung mit George Bernard Shaws „Die heilige Joahnna“, das er für von der Zeit angegraut und verstaubt wähnte: „Dann aber sah ich das Stück im Mai 2018 in der Inszenierung von Daniel Sullivan im New Yorker Friedman Theatre, vor ausverkauftem Haus, auf dem Höhepunkt der #MeToo-Bewegung. Keine opulente Produktion: Die Bühnenbilder waren zu Andeutungen reduziert, die Kostüme der Schauspieler unauffällig, alles konzentrierte sich, wie im angelsächsischen Theater üblich, auf die Leistung der Schauspieler. Im Zentrum verlieh Condola Rashad Johanna eine fröhliche Energie, eine Kraft und eine blitzende Intellektualität, die plötzlich wieder das ganze anarchische Potential dieses Schriftstellers spüren ließ.“

Ein sinnliches Erleben, dass auch dem Leser von „Spielplan-Änderung!“ schon unterlaufen ist, das Buch eine Empfehlung zum Anheizen der Theaterleidenschaft, zur Erweiterung des literarischen Horizontes – und als papierener Trost, bis es auf den Bühnen wieder „Vorhang auf!“ heißt.

Über den Autor und Herausgeber: Simon Strauß, geboren 1988 in Berlin, Sohn von Dramatiker Botho Strauß, studierte Altertumswissenschaften und Geschichte in Basel, Poitiers und Cambridge. Er ist Mitgründer der Gruppe „Arbeit an Europa“. 2017 promovierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer althistorischen Arbeit über Konzeptionen römischer Gesellschaft. Er lebt in Frankfurt und ist Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sein Erstlingswerk „Sieben Nächte“ fand viel Beachtung bei Kritik und Publikum.

Tropen Verlag, Simon Strauß (HG.): „Spielplan-Änderung“, Theatertexte, 262 Seiten.

www.tropen.de           www.faz.net/redaktion/simon-strauss-14532467.html

7. 4. 2020