Werk X: Die Arbeitersaga (Folge 3 & 4)

März 9, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Skination in der politischen Steilabfahrt

Stadtrat Fred Wiedergewinner in den Fängen der grausamen Groteske: Ines Schiller und Bettina Schwarz. Bild: © Alexander Gotter

Es dauert, bis Bettina Schwarz als mephistophelisch-clownesker Conférencier die sechzig möglichen Geschlechtsidentitäten sind gleich das Publikum begrüßt hat. Ein killing joke der leibhaftigen Gründgens-Fratze als Entrée in einen Abend, der Politik alles andere als p.c. abhandelt, eine Groteske zum Quadrat, weil’s große Kunst ist, eine Wirklichkeit zu verzerrspiegeln, die per se schon eine Farce ist. Gemäß dem auf keinem Wahlplakat zu findenden -spruch:

Humor ist, wenn das Stimmvolk lacht, hat das Werk X einmal mehr die Reflektor-Funktion übernommen, mit dem Mammutprojekt der Peter Turrini-Rudi Palla’schen „Arbeitersaga“ das Krankheitsbild der Sozialdemokratie zu persiflieren. Die TV-Serie, die sich ein Theater draus macht, ist mit „Teil II (Folge 3 & 4)“ in der finalen Runde. Bei „Müllomania“ hat Martina Gredler Regiehand angelegt; mit Bettina Schwarz spielen Ines Schiller, Lisa Weidenmüller und Annette Isabella Holzmann; Akkordeonistin Jana Schulz sorgt für den apokalyptisch kakophonischen Sound.

Die Weltuntergangsstimmung ist nicht von ungefähr, ist die Story doch um nichts weniger obskur als der Schutzkreis ums Krankenhaus Nord. Ich glaub‘, ich steh‘ im Rinterzelt, möchte man ob des ganzen Zirkus denken, Sanitärstadtrat Fred Wiedergewinner hat das Millionenprojekt einer Müllrecyclinganlage zu verantworten, doch das mit dem Aus-Alt-wird-Baustoff haut nicht hin, öffentliche Gelder sollen in der Parteikasse versickert sein – und während sich die Seilschaft zwischen Gutruf und Club 45 verlustiert, steigen dem Medienfut-zi (sic!) des Kommunalkorruptler allmählich die Grausbirn‘ auf.

Gredler karikiert mit ihrer geballten Frauenpower Männer, Macht und Machogehabe, sie zeigt eine queere Kraftlacklpartie mit Schiller als populistische Phrasen dreschendem Poser, eine „Dreck-Queen“ mit dem MA48er Slogan „Ganz Wien bleibt clean!“, Weidenmüller als Pressesprecher Rudi Blaha, ein Kasperl dessen überdimensionierte Schulterpolster nicht verbergen können, dass er sich krumm gekatzbuckelt hat, und Holzmann als Investigativjournalist im Detektiv-Trenchcoat.

Dessen storchenhafter Gang, wie überhaupt jede Figur eine charakterisierende Choreografie verpasst bekommen hat, wohl seine Mühe zeigt, nicht auch im Wiener Freunderlwirtschaftssumpf steckenzubleiben. Im rotmaroden Drei-Pfeile-Bühnenbild von Thea Hoffmann-Axthelm enttarnt sich der Spaß als sozialpolitischer Todernst, das Quartett spielt bei ebendiesem seine Jokerkarten aus, aus dem Bla-Bla-Blaha wird ein inhaftierter Hecht im verbeamteten Karpfenteich, ein Strippenzieher hinter Gittern, dessen überhebliches Gehabe hart an der Scherzgrenze ist.

Ines Schiller, Annette Isabella Holzmann und Lisa Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Rudi Blaha fliegt das Plastik um die Ohren: Lisa Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Zeynep Buyrac als Maca Darac, Sebastian Thiers und Lara Sienczak (hi.). Bild: © Alexander Gotter

Bella Ciao: Oliver Welter, Lara Sienczak und Peter Pertusini. Bild: © Alexander Gotter

Jede Ähnlichkeit mit … ist … eh schon wissen, der Lügenpresse wird ein Plastikplatzregen als Recycling angedreht, ein Requiem auf die Arbeiter-Zeitung gesungen, und großartig ist die Telefon-Warteschleife „Menschlichkeit zählt. Rathaus, bitte warten!“ Garniert hat Martina Gredler das Ganze mit Zitaten aus SPÖ-Wahlkämpfen. „Wer das Ziel nicht kennt, der wird den Weg nicht finden“, ist nur eine der verlautbarten grausigen Wahrheiten, auch der Sager „Wir sitzen alle im selben Boot, also rudern Sie!“, und apropos: persönliches Highlight und von den Zuschauern mit Szenenapplaus bedacht, ist eine Rede von Johanna Dohnal, Bettina Schwarz, die zu Liberté, Égalité, Sororité dem Stadtrat den Hintern versohlt.

Vom Schwarzen Kameel auf die Skipiste, in Bernd Liepold-Mossers Hälfte des Abends, „Das Lachen der Maca Darac“ geht es um nichts weniger schräg zu. Ins Bühnenbild sind nun Skibindungen eingebaut, denn das Ensemble Zeynep Buyraç, Peter Pertusini, Lara Sienczak, Sebastian Thiers und der auch für die Musik zuständige Oliver Welter muss sich gut anschnallen – hat sich doch der Proporzslalom längst in eine politische Steilabfahrt verwandelt. Das Bild von der Skination macht Sinn, des Österreichers Stolz und Siegeswille ist ein gewachst gewachsener, und Liepold-Mosser ist diesbezüglich auch um kein Bonmot verlegen.

Nicht nur Peter Pertusini kann’s da auf gekonnt Kärntnerisch lai lafn losn, die Richtung – immer weiter den Hang hinunter? – stimmt angeblich auch nach diversen Spurwechseln, und am immensen Rückstand ist sowieso das Material schuld. Sagt der Kader im Chor „Proletariat“, hebt es ihn, hepp, kurz in der Hocke aus, ansonsten keine Bewegung, nicht einmal bei der von Welter als Holy Marx eingeläuteten Hüttengaudi.

Ein bissi posthysterisch ist dieses Themenkonglomerat schon, die Werk-X-tätigen Massen lassen von Konsumkapitalismus über Veganfetischismus bis zu Migration/Integration und präventiver Sicherungsverwahrung nichts aus. Bis die Darsteller aus den Schuhen in die Rollen kippen und die Turrini-Palla-Story aufgreifen, Pertusini als Kurt Höllermoser, der in einen Rudi Blaha’schen Waffendeal und dessen Fake News verstrickt wird, Zeynep Buyraç als illegale Einwanderin Maca Darac, die zwecks bevorstehender Ausweisung einen Mann zum Heiraten sucht …

Mit der Ski-Nation geht’s steil bergab: Peter Pertusini, Zeynep Buyrac, Lara Sienczak und Sebastian Thiers. Bild: © Alexander Gotter

Im Plastik-Schleier-Hijab rezitiert die potenzielle Braut „Ein Gespenst geht um in Europa“, das Manifest vom kleinbürgerlichen wie vom Bourgeoissozialismus heute bedrohter als zu Entstehungszeiten, und auch, wenn in Meidling alle Menschen „zur Sonne, zur Freiheit“ gerufen werden, mit der Vereinigung hapert’s. Denn wo zwischen Prolet, Prolo und Prekarier findet sich noch das echte, unverfälschte, von keinem Populismuskeim angesteckte Proletariat?

Fragen, auf die „Die Arbeitersaga“ keine Antworten, aber immerhin Idealismus bietet. Und siehe, auch damit kann man sich infizieren. Als die First-Class-Satire mit einem kämpferisch dargebotenen „Bella ciao“ endet, kann von Grabgesang keine Rede sein.  Im Gegenteil, es nimmt wunder, wie viele im Publikum das Antifa-Partisanenlied mitsingen können.

werk-x.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=Cp__IR9BRXM

Rezension von Teil I (Folge 1 & 2): www.mottingers-meinung.at/?p=36864                                                      Trailer: www.youtube.com/watch?v=0n2zUo-Or6g

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