mumok: Gelebt – Ingeborg Strobl

März 9, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Clash von Natur und Kultur

Ingeborg Strobl: Keramikobjekte, 1973 –1974 (Detail). mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, Schenkung Ingeborg Strobl, 2017. © Bildrecht Wien 2019. Bild: © mumok

Unter der Hülle seiner Zivilisiertheit ist der Mensch immer noch ein Tier. Diese Einsicht hat Ingeborg Strobl nie verlassen. In ihren Collagen, Fotografien, Grafiken, ihrer Kunst am Bau umkreiste die steirische Künstlerin das Verhältnis zwischen der Natur einerseits und dem Menschen und seinen Dingen andererseits, diesen „Clash der Kulturen“, wie sie einmal sagte. In ihren Arbeiten nehmen Natur- und Tiermotive als Spiegelbilder des Gesellschaftlichen eine zentrale Rolle ein.

Auch zeigt sich in ihrem Werk eine Vorliebe für das Randständige, Verborgene, das allzu leicht Übersehene oder Verdrängte sowie eine damit verknüpfte Abneigung gegen Produktions- und Konsumwahn, ihre Beachtung und Wertschätzung des Peripheren und Flüchtigen spiegelt sich ebenso wider. Strobl hat dem mumok ihr Archiv mit zahlreichen Werken und Drucksorten als Schenkung überlassen. Diese Archivalien bilden den Kern der Ausstellung „Gelebt – Ingeborg Strobl“, die ab 6. März zu sehen ist, eine Retrospektive, die noch gemeinsam mit der Künstlerin – vor deren Tod im April 2017 – konzipiert wurde und einen repräsentativen Einblick in ihr umfangreiches Werk gibt.

Am Beginn ihres Oeuvres stehen Buntstiftzeichnungen und darauf basierende Keramiken mit zahlreichen Tiermotiven. Die fragmenthafte und geometrisierende Darstellung des Organischen verweist dabei auf den verschwenderischen Umgang mit natürlichen Ressourcen und die Reglementierung gesellschaftlicher Freiräume. Damit lieferte Strobl einen eigenständigen kritischen Beitrag zur Technologie- und Fortschrittsgläubigkeit der 1970er-Jahre, und schuf die Grundlage für die in ihrem weiteren Werk immer wieder auftauchenden Bildpoesien, die für ihre Malereien mit collagierten Bild- und Texteinschüben kennzeichnend sind. Diese sind zum Teil wie tagebuchartige „Notizen“ entstanden und angelegt. Persönliches und Privates verbindet sich darin mit Zeitgeschichtlichem.

Ingeborg Strobl: Pig, 1996. Cover einer Publikation anlässlich der Ausstellung Moving In, Randolph Street Gallery, Chicago/Illinois, USA, 1996. © 1996 Ingeborg Strobl / Bildrecht Wien 2019. Bild: © mumok

Ingeborg Strobl: ungewöhnliches Geschöpf ohne Aggressionstrieb, 2000. Zeitschriftenausschnitt. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, Schenkung Ingeborg Strobl, 2017. © Bildrecht Wien 2020. Bild: mumok

Ingeborg Strobl: Eat / Horse, 1996. Coverrückseite einer Publikation anlässlich der Ausstellung Moving In, Randolph Street Gallery, Chicago/Illinois, USA, 1996. Bild: Alfred Damm. © 1996 Ingeborg Strobl / Bildrecht Wien 2019. Bild: © mumok

Auf ihren Reisen in die Länder des ehemaligen Ostblocks, Asiens und Afrikas hat Strobl ihren Blick auf die Natur mit einer Fokussierung auf soziokulturelle und gesellschaftspolitische Übergangsszenarien verknüpft. Sie hat insbesondere solche Orte aufgesucht, an denen der Zahn der Zeit seine Spuren hinterlassen hat. Wenn sich in ihren Fotos und Videos beispielsweise die überwuchernde Natur Zivilisatorisches zurückholt und es zerstört, so bilden sich gerade darin auch geschichtliche Turbulenzen wie etwa der rasante gesellschaftliche Wandel im postkommunistischen Europa ab. Ihre immer wieder sichtbar werdende Hinwendung an Verfall, Tod und Vergänglichkeit – etwa in zahlreichen Friedhofsfotos – ist, fernab jeder Weltflucht, als feinsinnige Auseinandersetzung mit den Lebenden sowie als Interesse am Gegenwärtigen und Kommenden zu werten.

Ingeborg Strobl: Friedhof Warschau, 2013. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, Schenkung Ingeborg Strobl, 2017. © Bildrecht Wien 2020. Bild: Ingeborg Strobl

Auch in der Produktion und Vermittlung ihrer filmischen Arbeiten umgeht die Künstlerin die Konventionen des Aufwendigen und Exklusiven. Die meisten ihrer Videos sind auf YouTube unter dem Nutzernamen Inga Troger, einem Pseudonym, das die indische Version ihres Vornamens mit dem Mädchennamen ihrer Mutter verknüpft – für jedermann zugänglich. All dies fügt sich zu einem Puzzle, in dem das mit subtiler Poesie und kritischem Esprit erfasste Flüchtige, Fragile und scheinbar Beiläufige als das eigentlich Konstante und Prägnante in ihrem Werk sichtbar wird.

www.mumok.at

4. 3. 2020