Paraderolle für Nicholas Ofczarek

Mai 6, 2013 in Bühne

„Liliom“ am Burgtheater: Mit offenem Herzen

ins Messer gefallen

Manchmal ist es von Vorteil, erst weit nach den Kollegen mit einer Rezension bei der Hand zu sein. Da kann man nämlich, während man Barbara Freys Burg-Inszenierung von Molnars „Liliom“ sieht, deren Meinungen Revue passieren lassen. Die zynischen, wie: der Ofczarek hätte den Prater endgültig nach „Braunschlag“ verlegt, die besorgten, wie: „Also, der Niki bleibt allmählich im Rollenfach armseliger Alkoholiker hängen. Und jetzt noch der Lumpazi …“ Mitleidiges Kopfschütteln.

Presse: Fotos bei Nennung des Fotografen für die aktuelle Berichterstattung freigegeben.

Nicholas Ofczarek (Liliom), Katharina Lorenz (Julie)
Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Im Gegenteil. Nicholas Ofczarek eröffnet der Legende vom Vorstadt-Hutschenschleuderer eine neue Dimension. Sein Liliom ist nicht mehr „eigentlich eh lieb“ (Josef Meinrad, dessen Figur sich am End‘ am meisten selber leid tat), kein charmantes Schlurferl, ka Lausbua wie Karlheinz Hackl. Ofzareks Liliom ist so jähzornig wie jämmerlich, tänzelnd und trotzig, ein Goschnreißer mit voller Hose als Arbeitsloser. Il Brutto. Natürlich ein armseliger Alkoholiker. Aber auch einer, der die verzweifeltste Vatervorfreude seit Langem zeigt. Einer, der eine Sterbeszene von schmerzhafter Intensität hinlegt. Der sich aus Liebe selber das Messer ins offene Herz rennt. Und am Schluß (nach einer -hurra! – endlich einmal unpeinlichen Jenseitsszene) nach neuerlichem Sündenfall leise, ganz leise abtritt. Aus. Ofczarek spielt sich in dieser neuen (Parade-)rolle an die Rampe und die anderen dadurch naturgemäß in den Hintergrund.

Ein bisschen sehr schnell kommt Barbara Frey zu Lilioms irdischem Ende. Kaum lässt sie dem Publikum Zeit, die Tragödie, die Liebe oder Nichtliebe zwischen Julie und ihrem Praterstrizzi zu verarbeiten. Die Verelendung der beiden, den sozialen Abstieg, die Watschn, der verpatzte Raubmord … geht alles ruckzuck. Überhaupt wäre man gern Mäuschen gewesen, als Frey mit Katharina Lorenz die Rolle der Julie erarbeitet hat. Die ist als Dienstmädchen eine ehemals „höhere Tochter“, offenbar aus einer besseren Gesellschaftsschicht ins Milieu geraten. Oder hat sich auf dem falschen Heiratsjahrmarkt verirrt? Jedenfalls ist es das, was die Lorenz vornehm mimt. Solche sind in der k.u.k.-Literatur Gouvernanten geworden. Wieder einmal hat eine Burg-Inszenierung das Problem, dass zu keiner einheitlichen Sprache gefunden wird. Wobei – bitte, keine Missverständnisse! – nicht Dialekt gemeint ist. Aber da breites Wienerisch, dort Otto Falckenberg, das geht sich nicht aus. Eine „Melodie“ für alle, das wär’s.

Über die eine oder andere Fehlbesetzung zu schreiben, macht wenig Sinn. Erfreulicheres gibt es nämlich zu berichten: Barbara Petritsch ist eine herrlich-herrische Frau Muskat. Eine Grande Dame unter den Bissgurn, eine hochmütige, hochtrabende Etablissement-Chefin im roten Kostümchen, bei der Frust und Lust (auf Liliom) Zwillinge sind, die ihm nach Berechnung die Rechnung präsentiert. Eine Glanzleistung. Ebenso wie die von Mavie Hörbiger, die sich als naive Marie, elfenhaft-sexy in weißen Söckchen, den richtigen Ehemann angelt. Der Beifeld bringt’s – während sie von dümmlich über weinerlich zu bösartig wechselt – nämlich zu was! Vom Dienstmann zum Cafehausbesitzer. Ein sehr schönes Bild im Bühnenbild von Bettina Meyer: Bei Lilioms eintätigem Jenseits-Abstecher auf die Erde macht die Bühne eine Drehung, die zeigt, was in sechzehn Jahren aus den anderen geworden ist – von der mit weißen Lilien aufgebahrten Muskat bis zum soignierten Ehepaar Beifeld. Im Jenseits sorgt Peter Matic als Konzipist mit „himmlischer Geduld“ für ein paar Lacher. Dafür, wie fürs ganze Ensemble, gab es freundlichen Applaus.

www.burgtheater.at

Mehr über Nicholas Ofczarek:

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Von Michaela Mottinger

Wien, 6. 5. 2013