Ken Loach: Sorry We Missed You

Februar 25, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Arbeitsmarkt verlangt nach Selbstausbeutung

Wenn Vater und Tochter gemeinsam Pakete ausliefern, scheint sogar einmal die Sonne: Kris Hitchen als Ricky Turner und Katie Proctor als Liza Jane. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Wir zahlen keine Löhne, sondern ein Honorar. Du bist nicht angestellt, sondern arbeitest selbstständig. Und natürlich kannst du jederzeit selbst entscheiden, ob du zur Arbeit kommst oder nicht.“ So sagt‘s Malony, der Fahrteneinteiler des Paketzustellservice PDF – „Parcels delivered fast“, zu Ricky Turner. Da glaubt der Familienvater, der für den Job als Lieferbote den auf Baustellen geschmissen hat, noch an die neue Freiheit des „Franchising“.

Dass die eine Schimäre ist, kann der Zuschauer aber schon an Malonys aka Ross Brewsters virtuos verbiestertem Gesicht ablesen, und sorgenvoll schaut man in das vor Zuversicht strahlende von Ricky. Von nun an läuft die Zeit, und Ricky, grandios und mit Geordie Accent gespielt von Kris Hitchen, läuft mit – im Teufelskreis eines Tagelöhnersystems, das den „Bin-mein-eigener-Boss“-Träumer zum Sklaven seiner selbst macht. Der Arbeitsmarkt verlangt nach Selbstausbeutung, sogar den Lieferwagen muss der nun Leib-eigene stellen. Die Pipi-Plastikflasche hat er im LKW dabei, denn fürs Klogehen anzuhalten, vermindert den Verdienst. Zeit ist Geld. Verspätet sich Ricky, gibt’s eine Geldbuße, als einmal der Strichcode-Scanner kaputt geht, sind 1000 Pfund fällig. Der Scanner ist das Zentralorgan des Paketdepots, ein allwissender, perfekter Überwachungsapparat. „Die schwarze Kiste“, sagt Malony, „entscheidet, wer stirbt und wer überlebt. Mach‘ die Box glücklich, Ricky!“

In seinem jüngsten Film „Sorry We Missed You“, ab Freitag in den Kinos zu sehen, beschreibt Regie-Altmeister Ken Loach die Auswirkungen der Gig Economy auf die Gesellschaft am Fallbeispiel einer aus dem Mittelstand abrutschenden Familie aus Newcastle. Eigentlich wollte der 83-jährige Godfather des britischen Sozialrealismus den mit den Goldenen Palme ausgezeichneten Film „Ich, Daniel Blake“ seinen letzten sein lassen. Doch, ein Glück, der Chronist der sich zunehmend in einzelkämpferische Working Poor verwandelnden Class kann’s nicht lassen, auf politische Unfähigkeit und soziale Ungerechtigkeit zu reagieren.

Und zwar mit einem filmischen Aktivismus, bei dem ihm seit einem Vierteljahrhundert Drehbuchautor Paul Laverty als kongenial Gleichgesinnter zur Seite steht. „Als wir für unsere Daniel-Blake-Recherchen Essensausgaben besuchten, wurde uns klar, wie viele der Menschen, die dorthin kommen, eigentlich ,Arbeit‘ haben. Teilzeitarbeit, Zeitarbeit, Provisionsjobs, oft so schlecht bezahlt und auf eigenes Risiko, dass es nicht fürs Leben reicht. Die sogenannte Gig Economy mit Honoraraufträgen, Kleinjobs oder Beschäftigung über Agenturen tauchte immer wieder in den Gesprächen auf. Daraus formte sich Stück für Stück die Idee für einen weiteren gemeinsamen Film“, so Loach über „Sorry We Missed You“.

Abbie arbeitet gerne als Altenpflegerin: Debbie Honeywood. Bild: © Filmladen Filmverleih

Noch glaubt Ricky an die Neue Selbstständigkeit: Kris Hitchen. Bild: © Filmladen Filmverleih

Loach erzählt wie stets ohne zu dozieren, doch diesmal ohne den sonst üblichen tragikomödischen Satireanteil. „Sorry We Missed You“ ist still und traurig, intensiv und hart. Es passiert kein großes Drama, es ist die Alltäglichkeit der Szenen, die Routine der Zumutungen, die einen bedrückt, weil sie zeigt, dass es für die in der Tretmühle gefangenen Turners kein Entrinnen aus der Abwärtsspirale gibt. Loach betrachtet seine Figuren mit aufmerksamer Anteilnahme, mit inständigem Blick, er schenkt ihnen und ihrer Geschichte die Zeit, die sie sich selbst nicht gönnen. Aus dem Bewusstsein ihrer Misere, „Was tun wir uns da nur dann?“, fragen sich Ricky und seine Ehefrau Abbie bald, entwickelt er einen zu Herzen gehenden Humanismus, heißt: dass nicht nur dieses mitfühlt, sondern der Kopf zum Mitdenken, zum Widerstandsdenken aufgefordert ist.

Und apropos, Wider-: Kris Hitchens Ricky trotzt den widrigsten Umständen, falschen Adressen, Strafzetteln, Stress mit Kunden und Nachbarn, die sich weigern ein Paket zu übernehmen, lange mit zäher Widerstandskraft. In Rickys Stimme und Körperhaltung schwingt zwar die Resignation mit, Hitchens müde Augen sagen mehr als die besten Dialoge, sein Gesicht eine Landkarte des Losertums, doch die Hoffnungslosigkeit, und Hitchen gestaltet sie demütig-stoisch und schaumgebremst, nimmt erst überhand, als seine prekäre berufliche Situation beginnt, den Haussegen zu zerstören. Wie Ricky ist auch Abbie eine Ich-AG, sie arbeitet als Alten- und Behindertenpflegerin nach einem Null-Stunden-Vertrag.

Was bedeutet, dass ihr ausschließlich die Arbeit am Klienten bezahlt wird, die Leerzeiten, wie beispielsweise die Fahrten von-nach, gehen auf ihr Konto. Und diese Leerzeiten werden nun länger, weil Abbie ihr kleines Auto wegen des Lieferwagen-Kredits verkauft hat und jetzt öffentlich unterwegs ist. Wie beiläufig berichten Loach und seine beiden großartig wahrhaftigen Hauptdarsteller, wie die Ehe in diesem Moment aus der Balance gerät, denn Abbie verliert mit der Mobilität jene Autonomie, die Ricky zu gewinnen wünscht. Debbie Honeywood macht aus Abbie eine liebevolle Seele, sie ist – und das völlig kitschfrei – die Güte in Person, während sie wartet, wenn die Betagten in ihren Erinnerungen versinken, bis die Bettlägerigen ihre schlechte Laune an ihr ausgelassen haben. „Behandle sie als wären sie deine Mutter“, ist ihr Leitspruch, doch die Verweildauer ihrer Visiten ist streng limitiert, die Klienten sind Kennziffern im Pflegeplan und müssen effizient verwaltet werden.

Familie Turner wird den Gürtel schon bald enger schnallen müssen: Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone und Katie Proctor. Bild: © Filmladen Filmverleih

Am Charakter Abbies thematisiert Loach jene Menschlichkeit, die im neoliberalistischen Weltbild und im zynischen Humankapital-Sprech nicht vorgesehen ist. Zynisch gesagt: Ein guter Mensch zu sein, bringt Abbie im Leben nicht weiter. Einmal hat sie den Albtraum, im Treibsand zu versinken, und da ist ihr die Chance aus diesem aufzutauchen längst entglitten. Töchterchen Liza Jane, Katie Proctor, bleibt ein braves Mädchen.

Doch Teenager-Sohn Seb, Rhys Stone als präpotent pubertierender Konsumrebell, wird, als er einmal den Kopf aus der Hoodie-Kapuze und dem Online-Spiel steckt, wegen eines Taggeranschlags auf Werbeplakate, deren angepriesenen Luxus er sich nicht leisten kann, von der Polizei festgenommen. Der Vater hat gegen dieses Aufbegehren wegen der von Seb so empfundenen elterlichen Vernachlässigung kein Mittel außer Ohrfeigen zur Hand. Wie daheim Autorität verkörpern, wenn man sichtlich draußen keine hat? Je mehr seine Protagonisten gehetzt sind, desto ruhiger scheint’s läuft Loachs Film. „Sorry We Missed You“ ist auf besondere Art diskret, wie eine unauffällige Gerichtsprotokollantin hält die Kamera von Robbie Ryan den Prozessverlauf bis zu dem Moment fest, von dem an kein Urteil zu entscheiden vermag, wo die wirtschaftspolitische Verantwortung für die Verhältnisse endet und der persönliche Veränderungswille einsetzen sollte.

„Sorry We Missed You“ ist eine allgemeingültige Story über die Auswirkungen sogenannter flexibler Arbeit auf das Leben, oder besser, dem Rest, der davon übrig bleibt, ist ein anrührendes, nie rührseliges, ein anklagendes Familiendrama in einer Bis-Zum-Umfallen-Arbeitswelt, die jeden Winkel des Daseins in Besitz nimmt und zersetzt. Für Ken Loach ist das Kapitalismus in seiner brutalsten Form. Er macht den Menschen zu Ware und produziert Existenz- ohne -grundlage. Loach ist darob, kein Zweifel, wütend, doch als Filmemacher ist er vor allem von der Liebe zu seinen hart arbeitenden Helden angetrieben.

Es tut weh zu sehen, wie die Turners um ihr Miteinander ringen, während ihnen in „Take back Control“- Großbritannien die Kontrolle übers Selbst, Boris Johnsons heiß propagierter Brexit-Wert, bereits entzogen ist. Das letzte bittere Bild zeigt, wie der verzweifelte, verschwollene, da bei einem Raubüberfall grün und blau geschlagene, weinende Ricky frühmorgens am Steuer seines Transporters sitzt. Sein Es-muss-gehen jenseits der Grenzen des Bis-zum-Gehtnichtmehr bleibt einem lange im Gedächtnis …

www.sorrywemissedyou-derfilm.de

25. 2. 2020