Stewart O’Nan: Henry persönlich

Dezember 28, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie Liebe mit den Jahren wächst

Diese Überschrift bezieht sich nicht nur auf die Protagonisten in Stewart O’Nans aktuellem Roman, sondern auch auf die Leser desselben. Emily und Henry Maxwell sind Fans des Pittsburgher Autors nämlich bestens bekannt. In „Abschied von Chautauqua“ lud Emily die gesamte Familie ein letztes Mal ins zum Verkauf stehende Sommerhaus, in „Emily, allein“ ist sie achtzig und bereits seit Jahren verwitwet, und führt ein, wenn nicht vom Selbststress gebeuteltes, ruhiges Leben – in erster Linie mit ihrem mit ihr alt gewordenen Hund Rufus.

Nun hat O’Nan die Zeit zurückgedreht und endlich Henry ein Buch gewidmet, das heißt: natürlich nicht ausschließlich ihm. Emily ist da, und Rufus gerade mal vier Jahre alt, und zwischen den Buchdeckeln wechseln die Jahreszeiten vom für Kinder wie Enkelkinder unvermeidlichen Urlaub am See zum ebenfalls unabwendbaren Thanksgiving-Get-Together zu Weihnachten. 75 wird Henry auf diesen Seiten, ein mit viel Puderzucker bestreuter Zitronenkuchen macht ihn so glücklich, dass es ihn mit Wohlwollen für alles und jeden erfüllt, doch sein Hausarzt ist kürzlich im gleichen Alter gestorben. Da denkt er auch an sein Herz und sein Ende.

O’Nan verfasst seine Texte mit feinster Feder, kein Alltagsdetail scheint ihm zu banal, zu unwichtig, als dass er es nicht mit zarten Strichen festhalten würde, ob der Garten gewässert wird oder Sandwiches gemacht werden. Die Washington Post schrieb einmal, O‘Nan sei offenbar unfähig, auch nur eine falsche Zeile zu Papier zu bringen, und tatsächlich gelingt ihm, aus seinen Betrachtungen eines Rentnerdaseins samt dessen Routinebeflissenheit ein Sittenbild des – nicht nur in den USA, und ab der Pension umso mehr – ökonomisch gefährdeten Mittelstands zu entwerfen. Ihm genügt sein beschaulicher Platz an der Furt, um die Tiefe des Menschseins auszuloten.

Henry und Emily, das sind 50 Jahre Ehe, er der Besonnene, Pflichtbewusste, Pragmatische, sie, die in ihren besten Momenten freimütig zugibt, „schon immer eine Plage gewesen zu sein“, temperamentvoll, unberechenbar, aufbrausend. Dass er sie mit seiner Jonglage der knapper werdenden Finanzmittel nicht aufbringen will, ist verständlich, doch ihr Nichtwissen wird „Emily, allein“ beinah zum Verhängnis. Diskussionen, denn Streit gibt es keinen, erledigen sich so: „… noch immer musste er den männlichen Drang unterdrücken, ihr zu erklären, wie die Welt funktionierte. Zugleich würde sie eine allzu schnelle Zustimmung als Beschwichtigung ansehen, ein noch schlimmeres Vergehen, und so entschied er sich, wie so oft in Angelegenheiten von geringer Bedeutung, für die ungefährlichste Reaktion und schwieg. ,Und?‘, fragte sie. ,Hast du gar keine Meinung?‘“

Eine andere Beschreibung an anderer Stelle, anlässlich der Thanksgiving-Vorbereitungen: „,Sag mir, was ich tun kann‘, sagte er, ein Angebot, das sie mit einem herablassenden Blick von sich abprallen ließ, als hätte er einen Scherz gemacht.“ Ein durchschnittliches Paar und seine unauffälligen Biografien, beobachtet in der Gleichförmigkeit seiner Tage, nichts geschieht, doch dauernd passiert etwas, das alles ist logischerweise nicht halsbrecherisch ereignisreich, aber so wahrhaftig, so liebevoll, so von Herzen innig, dass man zum eigenen Schatz sagen möchte, wie die zwei, so wollen wir werden. Er liebt und begehrt sie, wenn auch zweiteres nicht mehr ganz so zügellos, sie liebt und sorgt sich um ihren großen Schweiger. Früher oder später ohne einander zu sein, steht als melancholische Gewissheit im Raum, aber man will nicht zu viele Gedanken daran verschwenden, außer jeder für sich den einen, dass man das Vorrecht haben möge, als erster zu gehen.

Mit seinem typischen, wohldosiert semiresignativen Witz, mit Respekt und spürbarer Zuneigung nähert sich O‘Nan jenen Charakteren, die ihn seit fast zwei Jahrzehnten begleiten. Henrys kettenrauchende, chaotische, niemals verheiratet gewesene Schwester Arlene – hier für Emily noch ein blassrotes Tuch, werden sich die beiden Frauen über die Bände zu einer Zweckfreundschaft zusammenraufen; die erwachsenen Kinder, der gemütvolle, ein wenig tapsige Kenny, dessen Ehefrau – Lisa aus besserem Hause – Emily versnobt findet, die alkoholkranke und in „Henry persönlich“ erst vor ihrer Scheidung stehende Sorgentochter Margaret, die je zwei und zwei erziehungsdeformierten, ergo verhaltensoriginellen Enkelkinder – alles Leute wie du und ich und die von nebenan.

Bild: pixabay.com

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Die Besuchsszene mit der Flugverspätung, also verzögertem Abendessen, also verärgerter Emily ist einem von früher bekannt, neu sind diesmal Henrys, und nur seine, Erinnerungen an erfüllte und unerfüllte Sehnsüchte. An den Vater, der als Henry in den Krieg ziehen musste, ihm, zu keiner Umarmung, zu keinem Kuss fähig, nur die Hand schütteln konnte. An bestialisch zu Tode gekommene Kameraden. An seine erste und einzige Liebe vor Emily, Sloan, „eine Whitney“ – im Sinne von begütert, die ihm Angst machte und ihn erregte: „Er hatte noch nie einen schwarzen BH gesehen und war schockiert“, steht da, bevor sie sein Bettgestell zertrümmern.

Derart macht O’Nan „Henry persönlich“ auch zu einer Reise in die USA der 1950er-Jahre, er verflicht Vergangenheit, Vergänglichkeit und die Art Lebenslust, die keine Frage des Alters ist, zum elegant ziselierten Porträt eines Mannes, der an den Wehwehchen seines maroden Hauses in Permanenz herumbastelt, die seinen aber verschweigt, damit Emily ihn nicht mit medizinischen Zeitungsartikeln verrückt macht, dessen Zufluchtsorte der Golfplatz und der Baumarkt sind, ein Pittsburgh Steelers- und Pirates-Aficionado, der für den Kirchenbasar das sammelt, was Emily wieder auspackt, weil sie es nicht weggeben will, während sie sich leichterhand von den Tischdeko-Trauben von Henrys Mutter trennt, und der es selbstverständlich als seine Aufgabe ansieht, bei Wind und Wetter mit Rufus Gassi zu gehen.

Auch Emilys und Henrys lakonisch humorvolle Gespräche mit dem Hund klingen dem Tierbesitzer authentisch, Rufus, der von seinem Platz aus ein Unmutsknarzen von sich gibt, wenn Emily im Bett zu lange liest, vor dessen Pinkelattacken Henry vergeblich seinen Rasen zu schützen versucht, der eheliche Umarmungen wie ein Ringrichter, der eine unfaire Umklammerung aufbrechen muss, auseinander drängt, und der in „Emily, allein“ ohne deren Hilfe nicht mehr ins Auto einsteigen wird können. „Rufus schlief auf dem Kaminvorleger, und [Enkelin] Ellas Hand lag auf seinem Bach. Vom Feuer und von einem Schluck Scotch gewärmt, dachte Henry: Das hier.“

Es sind diese Sätze, an die man sich beim Lesen verschenkt, an diese trotz aller Probleme und mitunter durchaus auftretenden Misstöne in Liebe verbundene Familie. Und immer, immer denkt man, ja, genau so ist es, O’Nan im Erzählen so präzise und unprätentiös wie seine Figur Henry. Das Buch endet, wie schön, am Neujahrsmorgen und den dazugehörigen Vorsätzen. Mit Rufus unterwegs auf der üblichen Runde, entdeckt Henry, eigentlich zuerst der Hund, ein Rudel Hirsche in der schneefreien Mulde unter einem Baum. „Während er verzückt mit Rufus dastand, wusste er nur, dass er etwas Seltsames und Sakrales wie die Vision eines Heiligen erlebte, und war dankbar, überwältigt von seinem Glück … Als er durch die strahlend helle, perfekte Welt nach Hause stapfte, konnte er es kaum erwarten, Emily davon zu erzählen.“

Über den Autor: Stewart O’Nan wurde 1961 in Pittsburgh/Pennsylvania geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte an der Cornell University Literaturwissenschaft. Heute lebt er wieder in Pittsburgh. Für seinen Erstlingsroman „Engel im Schnee“ erhielt er 1993 den William-Faulkner-Preis. Zuletzt veröffentlichte er „Die Chance“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10235), „Westlich des Sunset“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20041) und „Stadt der Geheimnisse“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30273).

Rowohlt, Stewart O’Nan: „Henry persönlich“, Roman, 480 Seiten. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Gunkel.

www.rowohlt.de           stewart-onan.com

  1. 12. 2019