Akademietheater: Heisenberg

Dezember 22, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Unschärferelation im Zwischenmenschlichen

Ein Heisenberg-Teilchen ins Auge bekommen? Caroline Peters als Georgie Burns schaut Burghart Klaußner als Alex Priest tief in ebendieses. Bild: © Sebastian Hoppe

Mit 20. Jänner wird die bis dato als Gastspiel des Düsseldorfer Schauspielhauses dargebotene Produktion „Heisenberg“ fix ins Repertoire des Burgtheaters übernommen, und sich die Inszenierung mit Caroline Peters und Burghart Klaußner am Akademietheater anzusehen, sollte ebenso fix unter den diesjährigen Neujahrsvorsätzen aufgenommen werden. Denn der Abend ist schlichtweg fabelhaft. Regisseurin Lore Stefanek macht bei der

deutschsprachigen Erstaufführung aus dem Zwei-Personen-Stück von Simon Stephens eine Screwball Comedy – der Beziehungsschmäh von den Gegensätzen, die sich anziehen, dabei wohltemperiert, fein ziseliert, so dass die beiden Schauspielstars besten Boulevard bieten, wortwitzig, situationskomisch, schrullig, liebenswert von der ersten bis zur letzten der 90 Minuten, ohne dem Antagonistenpaar aber seine leise Melancholie zu nehmen. Die Story ist bekannt, es ist die von den Öffis, in denen einem plötzlich ein Unbekannter ein Ohr abkaut. Bei Stephens ist das Georgie Burns, die am Londoner Bahnhof St. Pancras den ihr völlig fremden Alex Priest auf den Nacken küsst. Ein Versehen, eine Verwechslung beteuert sie sofort verschämt.

Doch ist dem tatsächlich so?, lauert die exaltierte Amerikanerin dem 33 Jahre älteren, irisch-stämmigen Fleischhauer schließlich alsbald in seinem Laden auf. Mit einer neuen Lebensgeschichte als zuvor, nämlich der, nicht sexy Servierkraft in einem Islingtoner Nobelrestaurant, sondern schmucklose Sekretärin an einer Volksschule zu sein. Es bleibt im Laufe der Begegnungen dem Publikum überlassen, zu entscheiden, was an Georgie Dichtung und Wahrheit ist, und genau diese Verunsicherung ob des nie vorhersehbaren Verhaltens dieser Frau bringt wieder Leben in den festgefahrenen Alltag des Mannes, ihr unstetes Wesen wird für ihn zur befreienden Unordnung. Dass Peters und Klaußner das fabelhaft verkörpern, bedarf eigentlich keiner Erwähnung. Sie als Biografien-Erfinderin und Plaudertasche bewältigt bravourös den Balanceakt auf dem schmalen Grat zum Overacting. Er gibt den lakonischen Stoiker, porträtiert mit hängenden Schultern und ebensolchen Mundwinkeln allerdings einen, der Emotionen aus seinem Dasein zu verbannen trachtet – und doch von ihnen überrannt wird.

Nicht zufällig greift sich Klaußner immer wieder ans Herz, eine wunderbar doppeldeutige Geste für Alex‘ Überforderung, seine Herausforderung durch Georgie. Hinreißend ist das, wenn Sprachspieler Stephens seine Charaktere sagen lässt „Finden Sie mich anstrengend, aber liebenswert?“ oder „Ich fühle nicht, ich denke!“, worauf Georgie Alex „intellektualisiert“ nennt. Die Peters spielt mit Verve eine flirrende Nervensäge, deren Hände genauso aufdringlich durch den Raum flattern wie ihre Sprüche, wenn sie ihn mit einem bemerkenswerten Mix aus mitfühlend-oberflächlich auffordert, sich ihr endlich zu öffnen, und trotz dieser verrückten Volten spiegelt ihre Georgie stets eine abgrundtiefe Einsamkeit, in den Augen ihre Sehnsucht nach Nähe und Halt, im Dick-Auftragen ihre Dünnhäutigkeit.

Der Fleischhauer ist misstrauisch. Bild: © Sebastian Hoppe

Georgie sucht Alex und seinen Laden. Bild: © Sebastian Hoppe

Erschöpfung nach dem ersten Mal. Bild: © Sebastian Hoppe

Doch noch ein Happy End. Bild: © Sebastian Hoppe

Werner Heisenberg übrigens, der titelgebende, war Quantenphysiker und Nobelpreisträger, und postulierte als seine wichtigste These die Unschärferelation, mit der er, kurz gesagt, der Welt ihre Berechenbarkeit absprach, da nie exakt bestimmt werden könne, an welchem Ort und dort mit welchem Impuls sich ein Teilchen aufhalte, ja, dass diese Teilchen sich unter Beobachtung sogar anders verhielten, als ohne Observation. Den Verweis auf die abstrakte Dimension seines Textes hat Stephens Georgie in den Mund gelegt, es geht in diesen Zeilen um ihren nach New Jersey abgehauenen Sohn Jason und 15.000 Pfund, um die sie Alex erleichtern will – hier also der Hintergedanke zum vielleicht gar nicht zufälligen Stationsschmatzer.

Und so, wie ein naturwissenschaftliches Experiment den Gegenstand seiner Untersuchung beeinflusst, so werden aus Georgie und Alex zwei Bühnenquanten, die über die Unschärferelation im Zwischenmenschlichen verhandeln – bei gegenseitiger Anpassung des vom jeweils anderen betrachteten und bewerteten Benehmens. So abstrakt diese Heisenberg-Idee, so abstrakt das Setting von Janina Audick, ein Laufsteg, der Fleischhauerei, Tanzsaal, Schlafzimmer sein kann, vorne eine überdimensionale Digitaluhr, hinten eine Steilwand, und hinter dieser Sinnsprüche wie Goethes „Es hört doch jeder nur, was er versteht“. Auf dieser schmalen Spielstätte gestattet Lore Stefanek ab und an auch etwas Slapstick.

Etwa, wenn Peters Klaußner wie einen Fisch an imaginierter Angel einholt, oder er seinen Musikgeschmack der vergangenen 50 Jahre swingt, rockt, rhythm ’n‘ bluest, rappt … ein Kabinettstück von Klaußner im Gene-Vincent-T-Shirt, sein Brummbär Alex, der sich zunehmend behaglich fühlt. Der schönste und für diese Arbeit bezeichnendste Moment, liegt in der Love-Story, die sich logischerweise anbahnt, erst die elegische Erschöpfung nach dem ersten Mal – nach langer Zeit wieder, dann ein lautstark vorgetäuschter Orgasmus für die rundum lauschenden Nachbarn. Es ist diese Art Tragikömodie, die „Heisenberg“ ausmacht, und Stefaneks Entscheidung, schnickschnacklos auf ihre Darsteller zu fokussieren, holt einen hautnah an Peters und Klaußner heran.

Die Frage, wie exakt man einen anderen Menschen bestimmen kann, wie genau beobachten, ohne ihn aus den Augen zu verlieren, ohne ihn in seinen Möglichkeiten einzuschränken, beantwortet Georgie, als Alex zum Schluss doch noch sein Innerstes preisgeben will, ihn unterbrechend mit den grandiosen Liebesworten: „Das genügt mir, mehr brauche ich nicht, mehr muss ich nicht wissen.“ Denn der scheint’s so unbewegliche Alex kommt am Ende zu einer überraschenden Entscheidung, und das bedeutet, dass es für Georgie und ihn zumindest auf unbestimmte Zeit ein relativ unscharfes Happy End geben wird.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2019