Wiener Festwochen: Die Kinder von Wien

April 29, 2013 in Bühne

Ein Gespräch (und mehr) mit Regisseurin

und Rechercheurin Anna Maria Krassnigg

„Howeverstillalive“ ist nicht nur der Untertitel der literarischen Entdeckung von Chef-Salo5istin Anna Maria Krassnigg (Rechte: Thomas Sessler Verlag). Der große streitbare Satiriker Robert Neumann hat sich selbst so genannt – wie auch immer: noch am Leben. 1946, so vermeldete der New Yorker Herald Tribune schrieb er „a violent, gentle story“. „Children of Vienna“ führt in den Winter 1945/46, in ein fiktives Nachkriegswien. Zwischen Ruinen und Bombentrichter. Zu Schleichhändlern, Amts-Alliierten, einem schwarzen Nichts-Erlöser-USA-Missionar – dem kindlichsten Kind in dieser kinderfeindlichen Umgebung. Führt zu Läusen, Dreck und Wanzen. Fünf irgendwie überlebende Jugendliche hausen in einem Keller. Eine Wohngemeinschaft des Mangels, aber auch einer anarchischen Freiheit. Sie begegnen dem Leben ohne Moral, aber mit tierischer Zähheit und einem Witz, der beißt. 1948 schimpfte das „Neue Österreich“ gegen die „Überfülle von Widerwärtigem“. „Es geht nicht an, dass Österreich widerspruchslos ein Buch akzeptiert, das für das Land, für die Stadt, ihr millionenfaches Blutopfer und die jahrelange Bitterkeit gequälter Menschen nichts anderes übrig hat als ein zynisches Kaleidoskop.“ Neumanns geniale Parabel hat die Jahre überlebt (sie wurde in 18 Sprachen übersetzt, nicht aber ins Deutsche. Fast drei Jahrzehnte nach Kriegsende, 1974 veröffentlichte Neumann sie erstmals in Deutschland in eigener Übersetzung. 1979 erschien eine Ausgabe mit einer Einführung von Christine Nöstlinger), hat die Wegstrecke zum Heute mühelos eingeholt, ein Zeitstück über „displaced persons“.

Foto Christian Mair

Foto Christian Mair

2013 kommen sie von allen Kontinenten. Versuchen sich mit ihrem „displaced slang“ ein neues Leben aufzubauen, doch da bleibt die Wut im Bauch und das Lachen im Hals stecken … „Flüchtlinge in der Votivkirche, an den Euro-Randzonen, wir können nicht so tun, als hätte das nichts mit uns zu tun“, empört sich Anna Maria Krassnigg. Ab 15. Mai will die Theatermacherin in der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik ihr Projekt stemmen. Es spielen Werner Brix, Petra Gstrein, Daniel Frantisek Kamen, Jens Ole Schmieder, Kirstin Schwab, Martin Schwanda und David Wurawa. „Trüffelschweine“, liebevoll, nennt Krassnigg ihren Bekanntenkreis, der ihr half, diesen „originär-originellen, nicht zurückgeholten, unglaublichen Wiener Literaturschatz“ ausgegraben zu haben. „Dieser schnelle, böse Humor!“ Acht große Romane hat Neumann geschrieben; Krassniggs „Überziel“ wäre eine Neuauflage des Werks zu initiieren. „Wobei“, sagt sie, „man das parabel-, märchenhafte, fantastische der ,Kinder von Wien‘ sofort erkennen muss. Das Buch ist keine dokumentierte Wahrheit, es ist seelische Wahrheit, und die ist stärker als jedes Dokument. ,Ich muss ein Märchen schreiben, denn nur Märchen sind wahr'“ meinte Neumann. Die Saturday Review of Literature nannte es dann „a nightmarish fairy tale.“ Eine Story über den Menschen durch Krieg und Faschismus. Krude, radikal, verzweifelt, beklemmend. Alles ist kaputt und verdorben.

So ist auch die Konstellation der Protagonisten: Da ist der gerissene Schleichhändler Jid aus dem KZ, der blonde Goy aus einem Kinderverschickungslager und „Curls“, Besitzer der Kellerruine. Ewa, 15 Jahre alt, ist Prostituierte; ihre Freundin Ate war beim „Bund deutscher Mädchen“ und hat den Stechschrittsprech auch noch drauf. Im Babywagen liegt ein „Kindl“ mit Wasserbauch, um das sich alle kümmern. Eine todkomische, mitreißende, schonungslose Sprachfantasie soll da im zehnten Bezirk uraufgeführt werden, die Halle eine imaginär-zerstörte Stadt, ein wienerisch-gemütliches Inferno aus der radikal Neubeginn wachsen soll. Die Amis und ihre Preachers sind ja da. „Die Expedithalle wird unser Vienna“, bestätigt Krassnigg. „Eine Nachkriegsgeisterstadt, in der’s dort nobel zugeht, wo das Schiebergeld locker sitzt.“ Erni Mangold, Zeitzeugin, und unsentimental wie man sie kennt und liebt, war Krassnigg eine große Hilfe. Sie stellte lapidar fest: „Die Leut‘ werden a Sach ned verstehen: Das es so war! Wie willst anarchistische Freiheit vermitteln? Des is schwer. Da musst ned nur a Lehrstunde über Hitler, sondern auch über Dollfuß und Schuschnigg abhalten.“

„Thomas Bernhard hätte die ganze Sache wahrscheinlich ,Die Kinder von Wien. Eine Anstrengung‘ genannt“, lacht Krassnigg. Und ist sich eines weiteren Problems bewusst: Wie peinlich es sein kann, wenn Erwachsene Heranwachsende verkörpern.“ Sie hofft bei ihren Darstellern auf das von ihnen schon oft bewiesene „Gretchengen“ beziehungsweise eine „parsifalekse“ Spielweise. Auch Neumanns Sprache ist eine „Klischeefalle“, eine Mischung aus jiddisch, gaunerrotwelsch, wienerisch, US-Slang, ein Sprachbabylon, eine bewusst-ironische Kunstsprache, ein „displaced person“-Idiom. „Aber in Traiskirchen ist es auch nicht anders“, so Krassnigg. Und außerdem habe jeder der Schauspieler Unterstützer gefunden. Kamen, der den Jid gibt, etwa „zwei entzückende jüdische Damen, die Neumann noch kannten, und mit Daniel üben.“ Auf einer zweiten Spielebene findet ein „Maturatreffen der Geister“, eine Verfremdung, eine Zeitreise, eine Kommentarebene, „was typisch Krassnigg’sches eben“ statt. Die Kinder scheinen einander nach Jahrzehnten wieder zu treffen. Aber ohne konkrete Erinnerung. „Waren wir nicht gemeinsam auf Landverschickung?“, fragt BDM-Ate beim Tee in der Konditorei die KZ-Ewa.

Damit niemals vergessen wird, hat der Abend einen zweiten Teil: Von 12. bis 14. Juni werden im Salon 5 Zeitzeugen zu Wort kommen und sich der Diskussion stellen. „Da wird der ehemalige Schuster aus Ottakring genauso dabei sein, wie berühmte Forscher oder Künstler.“ Erni Mangold, Franz Stadler, Helmut Schüller oder Zukunftsforscher Peter Zellmann sind eingeladen. Am 23. und 24. Oktober gastieren „Die Kinder von Wien“ dann im Posthof Linz.

Zur Person Robert Neumann: 1897 in Wien geboren, Studium der Medizin, Chemie und Germanistik, danach unter anderem Bankangestellter, Effektenkassierer, Schwimmtrainer und Matrose. Mit seinen Parodien „Mit fremden Federn“ (1927) und „Unter falscher Flagge“ (1932) erreichte er literarische Bekanntheit. Manche nannten ihne wegen seiner Mischung aus Witz, Spott, Angriffslust sogar einen heimlichen Moralisten, versteckt hinter der Maske des Spachvirtuosen. Freund Erich Kästner – und Neumann hatte nicht viele Freunde – schrieb über ihn: „Halb ein Bürgerschreck und halb ein erschrockener Bürger dichtet er sich leicht frierend durch das Menschengewühl.“ 1934 Emigration nach England, wo er weiter als Autor arbeitete; ab 1939 Tätigkeit für den österreichischen und internationalen P.E.N., dessen Vizepräsident er 1950 wurde. Neumann veröffentlichte mehr als 100 Bücher, Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher, zählt heute jedoch zu den großen unterschätzten Romanciers Österreichs, dessen Wiederentdeckung und literarische Neueinschätzung noch aussteht. Er starb 1975 in München.

Wieder zu entdecken wären: „An den Wassern von Babylon“, „Ein leichtes Leben“ (Geschichten aus dem Internierungslager, in das die Briten „feindliche“ Emigranten steckten), „Die Parodien“.

www.festwochen.at

www.kindervonwien.at

Ein „Wienerlied“ zum Reinhören: kindervonwien.at/?p=328  
Werner Brix und David Wurawa singen ein Update ((Musik: Christian Mair) des legendären Wienerliedes vom „Lieben Augustin“ über Pest und Überlebenswillen. Alle Vertriebseinnahmen werden der Gruft, dem Caritas-Betreuungszentrum für Obdachlose, zur Verfügung gestellt. 30 Käufer, die je 0,99 Euro bezahlen, finanzieren bereits eine warme Mahlzeit, eine Woche lang. „Howeverstillalive“ wurde unter eigenem Label (saucybark) verlegt und kann ab sofort online über iTunes, Google Play und zahlreiche andere Musikplattformen erworben werden.

www.salon5.at

www.ifflandundsoehne.com

www.dramashop.eu