MAK: Otto Prutscher. Allgestalter der Wiener Moderne

November 20, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Hommage an den Designer des Dianabads

O. Prutscher: Apotheke „Zum goldenen Adler“, 1911. © Archivio Famiglia O. Prutscher, Mailand

Siebzig Jahre nach seinem Tod und zwanzig Jahre nach der letzten großen Ausstellung in Wien beleuchtet das MAK das Werk von Otto Prutscher neu. Die Ausstellung „Ootto Prutscher. Allgestalter der Wiener Moderne“ verdeutlicht ab 20. 11. die mannigfachen Rollen, die Prutscher als Architekt und Designer, Ausstellungsgestalter, Lehrer und Mitglied aller wichtigen Reformkunstbewegungen – von der Secession bis zur Wiener Werkstätte und dem Werkbund – für die Entwicklung der Wiener Moderne spielte.

Ausgewählte Beispiele aus seinem komplexen Œuvre dokumentieren seine jahrzehntelange einflussreiche Rolle als Entwerfer und Berater für die bedeutendsten Kunstgewerbefirmen seiner Zeit. Trotz seiner Schaffenskraft und Vielseitigkeit wurde das Werk des großen Kunstgewerblers und Architekten bis dato nicht entsprechend gewürdigt. Prutschers Vermächtnis umfasst unter anderem mehr als 50 Bauwerke, Villen, Wohnhäuser, Portale, etwa 50 Ausstellungen, die er künstlerisch und organisatorisch gestaltete oder mitgestaltete, circa 170 Einrichtungen, mehr als 300 Entwürfe von Einrichtungen sowie mehr als 200 Einzelmöbel und Garnituren. Eine großzügige Schenkung von 139 Entwürfen, Objekten in Silber, Glas und Keramik sowie Möbeln durch die Sammlerin Hermi Schedlmayer nimmt das MAK zum Anlass für diese Personale.

Der Wiener Jugendstil war die Wiege, in der Otto Prutscher heranwuchs und sich entwickelte. Zehn Jahre jünger als Josef Hoffmann und Adolf Loos, zählte Prutscher zur ersten Generation der Schüler an der Wiener Kunstgewerbeschule, die von der Reform des Unterrichts im Sinne der Reformkunst unter der Direktion Felician von Myrbachs und von jungen Professoren wie Josef Hoffmann und Koloman Moser profitierten. Materialbeherrschung eignete sich Prutscher in der Kunsttischlerei seines Vaters Johann Prutscher sowie im Zuge einer Maurerlehre und einer Zimmermannspraxis an, die er in den Sommermonaten absolvierte.

Otto Prutscher in einem Sessel von Josef Zotti, 1913. Bild: Karl Ehn. © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand

O. Prutscher: Musterzimmer mit Lampen, Tapeten und Stoffen der Wr. Werkstätte, um 1910. Bild: © Archivio Famiglia O. P., Mailand

Nach der Aufnahme an der Wiener Kunstgewerbeschule 1897 belegte Prutscher einen Kurs für ornamentales Zeichnen bei Willibald Schulmeister und studierte später zwei Semester in Josef Hoffmanns Fachschule für Architektur. Anschließend belegte er zwei Semester bei Franz Matsch in der Klasse für Zeichnen und Malen. Der Unterricht beim secessionistischen Architekten Hoffmann und beim vormodernen Maler Matsch hinterließ Spuren: Prutschers Entwürfe und ausgeführte Werke weisen einerseits eine hohe zeichnerische Qualität auf, andererseits orientieren sie sich an den jeweils aktuellen Tendenzen der Architektur. Von 1903 bis 1907 war er Assistent an der k. k. graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, ab 1908 Lehrer am k. k. Lehrmittel Bureau in Wien.

Ab 1907 wurde er für die Wiener Werkstätte aktiv. Sein Lehrer Josef Hoffmann schlug ihn 1909 erfolgreich als Professor an der k. k. Kunstgewerbeschule vor: Dort leitete er bis zu seiner Zwangspensionierung aufgrund der jüdischen Herkunft seiner Ehefrau im Jahr 1939 den offenen Entwurfszeichensaal für Gewerbetreibende. Prutschers Entwürfe wurden von mehr als 200 Unternehmen umgesetzt, allen voran von der Wiener Werkstätte und wichtigen Herstellerbetrieben wie Backhausen, Klinkosch, Augarten, Meyr’s Neffe, Schappel, Melzer & Neuhardt oder den Deutschen Werkstätten in Dresden. Für Thonet, Loetz Witwe und Wienerberger war er künstlerischer Berater.

Otto Prutscher: Interieur des Café Ronacher, Schottenring, Wien I., Wien, 1913. Bild: © Archivio Famiglia O. P., Mailand

O. Prutscher: Warmwasserbeckenraum im Dianabad, Wien, 1913/14. Bild: © Archivio Famiglia O. P., Mailand

Die Ausstellung bietet mit etwa 200 Entwürfen aus dem Otto-Prutscher-Nachlass im MAK, der Sammlung Schedlmayer und dem Familienarchiv Otto Prutschers in Mailand sowie ausgeführten Objekten und Möbeln aus den Sammlungen des MAK und der Familie Schedlmayer sowie von privaten Leihgebern einen Überblick über das Werk des „ Allgestalters“. Viele der Entwürfe – auch für Objekte im Besitz des MAK – werden erstmals gezeigt und konnten bei Recherchen im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen im Familienarchiv Otto Prutschers, das im Besitz seiner Enkelin Beba Restelli steht, in Mailand identifiziert werden. Highlight der Präsentation ist die von Otto Prutscher entworfene Vitrine für den„Raum für einen Kunstliebhaber“ aus der Wiener Kunstschau 1908, die dem MAK von Hermi Schedlmayer geschenkt wurde.

Die MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung verfügt über etwa 1200 Grafiken, Zeichnungen, Pläne, Entwürfe und Fotografien, von Prutscher und damit den größten grafischen Bestand seiner Werke in einer öffentlichen Sammlung. Die ersten 18 Blätter gelangten 1955 im Zuge der Übergabe des Archivs der Wiener Werkstätte in die MAK-Sammlung. Der erste umfangreiche Teilnachlass wurde dem MAK 1979/80 dank der Initiative seiner in Italien lebenden Töchter Helly de Kuyser Prutscher und Ilse Restelli-Prutscher als Donation überlassen. 2018 vervollständigte die jüngste Schenkung durch Hermi Schedlmayer den Otto-Prutscher-Bestand im MAK.

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20. 11. 2019