Schauspielhaus Wien: Im Herzen der Gewalt

November 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch auf der Bühne äußerste Selbstentblößung

Nach dem Sex bedroht One-Night-Stand Reda den erschrockenen Édouard mit einer Schusswaffe: Steffen Link und Josef Mohamed. Bild: © Matthias Heschl

Der Schwere der Aufgabe stemmt sich Schauspieler Steffen Link mit seinem Lausbubencharme entgegen, und Regisseur Tomas Schweigen mit bemerkenswertem Mut zur grotesken Pointe. Schließlich führt in der Romanvorlage ein One-Night-Stand zur Bedrohung mit einer Schusswaffe zur Vergewaltigung, das alles wegen eines gestohlenen Smartphones, und über weite Strecken nicht geschildert vom Protagonisten ist gleich

Gewaltopfer, sondern aus der Perspektive von dessen Schwester in der Provinz. Kein einfaches Unterfangen also, Édouard Louis‘ „Im Herzen der Gewalt“ auf die Bühne zu heben, doch Schweigen und sein Chefdramaturg Tobias Schuster haben’s am Schauspielhaus Wien gewagt, und mit ihrer Spielfassung alles gewonnen. Wie auch im Buch changiert Louis‘ literarisches Ich zwischen Scham, Scheu und äußerster Selbstentblößung, und Steffen Link, der nach dieser Hauptrolle nach München wechselt, hat sich den Charakter bis in die Édouard‘isch blondierten Haarspitzen einverleibt.

Seine Performance, im Zusammenwirken mit Josef Mohamed als Reda und Clara Liepsch als Schwester Clara, macht den Abend im Wortsinn zum atemraubenden Kraftakt, in dessen Zentrum ganz klar des Autors Kampfansage an die feindliche Übernahme der eigenen Geschichte, und sei’s ein von gutmeinenden Freunden betriebener Wahrheitsraub, Louis‘ Kriegserklärung an alle Arten von Repression, Rechtsruck, Xenophobie, Homophobie steht. Aber apropos, Wahrheit: Befragen Interviewer den Schriftsteller zu intensiv nach deren Gehalt, kann’s schon sein, dass er aufsteht und geht; die Schuld am Geschehenen trägt bei ihm immer „das System“, das Menschen so oder so zu Untieren macht. Gleich einem autobiografischen Gedächtnis spüren Louis wie Schweigens Bühnenfigur dem plötzlichen Aufbrechen paranoid rassistischer Ressentiments bei sich selbst nach.

Passiert ist nämlich dies: Ausgerechnet in der Heiligen Nacht, auf dem Heimweg von einer Feier bei Freunden, trifft Édouard Louis auf den Kabylen Reda, der Algerier macht ihm Avancen, man erregt sich, eins führt zum anderen, heißt: ins Bett. Nach Sex und Sex und noch einmal Sex erzählt Reda über sich, seine nordafrikanische Herkunft, sein Leben in der Banlieue, seinen Gastarbeiter-Vater, Demütigungen, kulturelle Tabus wie das Schwulsein … Es ist der Treppenwitz dieser Geschichte, dass hier ein gesellschaftlich Ausgegrenzter, der vor seiner reaktionären Prekariatsfamilie in der Picardie nach Paris flüchtete, Louis‘ Vater bezeichnet ihn prinzipiell als „Tunte“, die Mutter beschwerte sich in einer TV-Talkshow nicht darüber, vom Sohn als Le-Pen-Wählerin geoutet, sondern als arm bezeichnet worden zu sein, auf einen anderen trifft.

Reda vergewaltigt den körperlich unterlegenen Édouard: Steffen Link und Josef Mohamed. Bild: © Matthias Heschl

Die Freunde Didier und Geoffroy beim imaginären Begräbnis: Josef Mohamed und Clara Liepsch. Bild: © Matthias Heschl

Im Morgengrauen die Handy-Sache, die Leidenschaft wird brachial, die Angst wächst, Reda würgt Édouard mit seinem Schal, dann der Revolver. Es ist Liepsch als Clara, die ihrem Ehemann von dieser Schreckenstat berichtet, in deren Wohnküche in Hallencourt, einem der Guckkästchenzimmer, die Bühnenbildner Stephan Weber wie querfahrende Paternosterkabinen aneinandergereiht hat und die mit der repetitiven Handlung im Kreis fahren. An diesem Punkt ist Link längst an den Rand von Louis‘ Erlebnis gerückt, er steht tatsächlich „außen vor“, der Poet, der der Pragmatikerin beim Interpretieren und Bewerten seines Traumas zuhören muss, Link, der in großartig komischer Pantomime versucht, ein geschwisterliches Zwiegespräch zustande zu bringen.

Liepsch kann reden wie aufgezogen, sich lustig machen, veralbern, für ihren Mann Édouards überkandideltes Intellektuellengerede, das mutmaßlich Redas Ärger nur verstärkte, imitieren, wie nebenbei ihr Feindbild vom Araber befeuern, schnoddrig Vorurteilsphrasen dreschen – und trotzdem und ehrlich zärtlich-besorgt sein, sobald der Bruder bei ihr eintrifft. Wie sie ihm im Auto eine Zimtschnecke aufzwingt, über neu eröffnete Tankstellen und neu errichtete Wohnbauten plappert, das macht die Peinlichkeit der Situation mit Händen greifbar, doch um nichts weniger die hohe Sensibilität bei gleichzeitiger Gefahr, die von Josef Mohameds Reda ausgeht.

Ins Aus-der-Rolle-Fallen und Aus-der-Szene-Treten, ins Kommentieren, Neukonstruieren und Konfrontieren platzen keinesfalls chronologisch die Rückblenden, auch Albtraumsequenzen. Link und Mohamed lizitieren sich vom Weihnachts-Lustspiel zum Gewaltakt hoch, ersterer retrospektiv die Aggression loslassend, die er im Moment des Missbrauchs nicht erschaffen konnte, mit einem Gefühl, als würde „die Realität wie ein Ei durch das Loch in der Schale ausgeblasen“, zweiterer rasend wie im Rausch, beinahe besinnungslos, bis ihm schwant, was er angerichtet hat, es aber für eine Entschuldigung natürlich zu spät ist.

Aus Begierde wird bald nackte Todesangst: Steffen Link und Josef Mohamed. Bild: © Matthias Heschl

Trost vom Täter, beobachtet von der Schwester: Steffen Link, Josef Mohamed und Clara Liepsch. © Matthias Heschl

Die Spitalsärztin amüsiert sich prächtig über Édouards Namen: Steffen Link und Clara Liepsch. Bild: © Matthias Heschl

Am Ende sind alle Édouard: Steffen Link, Josef Mohamed und Clara Liepsch. Bild: © Matthias Heschl

Zu dieser zwischenmenschlichen Tragik mengt Schweigen gekonnt eine Art absurden Galgenhumor. Wenn sich Liepsch als Édouards erstversorgende Spitalsärztin gar nicht mehr einkriegt vor Lachen über dessen eigentlichen Namen Bellegueule, zu Deutsch: hübsche Fresse, während dieser verstört und verwirrt auf die Untersuchung seines Intimbereichs wartet. Oder, wenn wiederum Liepsch als die Louis‘ Anzeige aufnehmende Polizistin anzüglich nachhakt, ob denn der maghrebinische Typ sein bevorzugtes Love Toy sei, während Mohamed als uniformierter Kollege räsoniert, das käme davon, wenn man jedem Dahergelaufenen leichtsinnig Tür und Tor öffne.

In einer Irrsinnsimagination sieht Édouard seine besten Freunde Didier und Geoffroy, in Klarnamen die beiden Philosophen und Soziologen Eribon und De Lagasnerie, Mohamed gottvoll mit Denkerbrille, an seinem Grab stehen, zwei von den Einheimischen misstrauisch beäugte „merkwürdige Männer“. Das nimmt dem Vorgeführten kurz die Brisanz und entlässt das Publikum in ein befreiendes Lachen. Surreal wird’s auch zum Schluss, der mit Jeans und blauem Pullover nunmehr alle drei Darsteller als Édouard Louis ausweist. Im dramatischen Ringelreihen putzen sie nach dem Verbrechen wie besessen die Wohnung, alle Räume sind jetzt Édouards Schlafzimmer, um mit künstlichem Pfirsichduft selbst letzte Reste von Redas Körpergeruch zu tilgen. Nachgerade animalisch schnüffeln sie dessen Spur nach, das Erlittene in jede Faser eingeschrieben.

„Mein Körper gehört mir nicht mehr“, sagt Links Édouard. Im quasi Nachspann ist in Leuchtschrift zu lesen, dass es gegen den wirklichen Reda zu einem Gerichtsprozess kam, an dem Louis in seiner Betroffenheit nicht teilnahm. „Hör‘ auf damit, dich immer in andere hineinzuversetzen, das macht mich wütend“, sagt Clara an einer Stelle. Als ob’s nicht das wäre, was not täte. „Im Herzen der Gewalt“ ist derart ein Plädoyer dafür, dass es aus der fatalen Karussellfahrt von Furcht zu Verachtung doch irgendwo einen Ausstieg geben muss.

Video: www.youtube.com/watch?v=_F8HZXnR6d4          www.schauspielhaus.at

TIPP: Édouard Louis‘ „Wer hat meinen Vater umgebracht“ am Volkstheater, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36159

  1. 11. 2019