Theater zum Fürchten: Equus

Oktober 31, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pferdegott im Bondage-Geschirr

Alan Strang erkennt in Nugget seinen Pferdegott Equus: Angelo Konzett und Tom Wagenhammer. Bild: Bettina Frenzel

Diese Frage, auch wenn er sie mit einem verschmitzten Lächeln beantwortet, und die Kostüme selbstverständlich wie stets von Alexandra Fitzinger sind, muss sich Regisseur und Raumgestalter Sam Madwar schon gefallen lassen – nämlich in welchem Erotikshop er eigentlich die Ausstattung für seine Pferdegeschöpfe erstanden hätte. Leithengst Nugget und seine beiden Mitrösser tänzeln ihr aufreizendes Dressurballett schließlich bestrapst, mit um die Brust geschnalltem Bondage-Geschirr, an die

Kandare genommen mit einer BDSM-Trense. Tom Wagenhammer, Eduard Martens und Bernardo Ribeiro verkörpern die kraftvollen, anmutigen Tiere mit dem Stolz eines Pegasus, regelrecht majestätisch tragen sie ein Drahtgestell um ihre Köpfe, das die größeren der Vollblüter simulieren soll. In mondblaues Licht getaucht ereignet sich im Reitstall derart Zauberisches, und man begreift die Magie des Glaubens, die von Alan Strang Besitz ergriffen hat. Auch wenn Sam Madwar die Aura zwischendurch bricht, um die Arena zum Ort der Auseinandersetzung mit Arzt oder Eltern des Siebzehnjährigen zu machen.

Das Theater zum Fürchten zeigt in der Scala die Wien-Premiere seiner aktuellen Produktion „Equus“, ein Text des britischen Stardramatikers Peter Shaffer, im Entstehungsjahr 1973 noch ein Skandalstück samt Zoophilie-Schock und Masturbationsandeutung und etlichen Nacktszenen, und äußerst mutig von Sir Laurence Olivier am Royal National Theatre zur Uraufführung gebracht. Anthony Hopkins am Broadway, Anthony Perkins am Theatre Royal Plymouth und Richard Burton in der Sidney-Lumet-Verfilmung spielten den Dr. Martin Dysart; der bekannteste Alan ist bis dato wohl Daniel Radcliffe, der sich mit der Rolle des verstörten Teenagers bravourös von seinem Harry-Potter-Image löste.

In Madwars Inszenierung sind Anselm Lipgens und TzF-Debütant Angelo Konzett als Psychiater und Patient zu sehen. Die auf einer True Story beruhende Geschichte ist diese: Dysart, der als Erzähler die Handlung zusammenhält, wird von Richterin Heather Salomon aka Christina Saginth ein außergewöhnlich schrecklicher Fall zugewiesen. Er soll den Jungen Alan Strang therapieren, der in einem Reitstall gearbeitet hat, bis er sechs seiner Schützlinge aus ungeklärter Ursache mit einem Hufkratzer die Augen ausstach. Wie Konzett den schwierigen Charakter seiner Figur schultert, ist grandios. Der Körper angespannt vor Schuld, die Glieder wie steifgefroren im Versuch, die pubertär-sexuellen Gefühle zu verbergen, doch die ganze Renitenz eines Heranwachsenden ins Gesicht geschrieben, so agiert Konzett, wenn er die Fragen Dysarts zunächst nur mit dem Singen von Werbejingles beantwortet.

Psychiater Martin Dysart und Richterin Heather Salomon: Anselm Lipgens und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Bedrohliches Pferdeballett: Wagenhammer, Eduard Martens, Konzett und Bernardo Ribeiro: Bild: Bettina Frenzel

Vater Frank sieht, wie sich sein Sohn mit einem Strick züchtigt: Christoph Prückner, Lipgens und Konzett. Bild: Bettina Frenzel

Ein Besuch im Sexkino hat dramatische Folgen: Wagenhammer, Konzett, Angela Ahlheim und Robert Stuc. Bild: Bettina Frenzel

Konzetts explizite Darstellung passt perfekt in Madwars ebensolche Arbeit, in der sich nicht geschont und niemand verschont wird. Dr. Dysart, selbst ein Mann in beruflichem wie privatem Ausnahmezustand, gelingt es im zähem Zweikampf nach und nach „mit funzeliger Taschenlampe“ in Trotzkind Alans Inneres zu dringen, und je mehr dieser Prozess vonstattengeht, umso eindrücklicher gestaltet Lipgens die Seelennöte des Seelenheilers, der nicht nur an seiner vergeblichen Sinnsuche laboriert, sondern auch an der nach wodurch auch immer evozierten tieferen Empfindungen. Es ist fast eine Form von Neid, die er gegenüber dem Kranken empfindet, verbunden mit der Angst vor der Aufgabe, diesen „normal“ zu machen, heißt: so kalt und grau wie die meisten.

Madwar spielt Shaffers bipolare Konfrontation des dionysischen und des apollinischen Prinzips in den Beziehungen genussvoll aus. Dysart, als bacchantischer Typ mit einer „anbetungsfernen“ Frau gestraft, macht sich mit Alans Eltern bekannt, Birgit Wolf und Christoph Prückner als Dora und Frank Strang wie Grant Woods Gemälde „American Gothic“ entsprungen, auch sie wie die Götter ein Gegensatzpaar, die Wolf wunderbar in Doras sich ereifernder Bigotterie, sie nach eigener Bekundung „was Besseres“, Prückner – mit leichtem Basedow – ein politisch linksorientierter Drucker, ein bodenständiger Proletarier. Und Alan? Am emotionalen Ertrinken in diesem Wechselbad von verhuschter, überfürsorglicher Mutter, autoritärem, rechthaberischem Vater, von Religiosität und Atheismus, der einen die Bibel alles, dem anderen pure Gewaltpornografie, Alans Welt eine der Verbote und Vorschriften.

In gut zweieinhalb Stunden legt Madwar die Motive, Manien, Merkwürdigkeiten der Strangs und Alans gefühlsmäßige Deformierung dank deren Erziehungsmethoden bloß. Aus dem mütterlichen Vorbeten der Offenbarungsstelle über den Reiter Treu und Wahrhaftig, der vom Himmel auf einem weißen Pferd herniederkommen wird, und dem geschenkten Schimmel-Poster vom Vater, erschafft sich Alan eine Pseudoreligion mit Pferden, versenkt sich in der Hingabe an einen Herrn namens Equus, diese inklusive Selbstzüchtigung mit Zaumzeug-Strick, will Alan doch so leiden wie sein Heiland – das Pferd, seit seiner Zähmung die vom Menschen in Kriegs- und Arbeitsdienst am meisten geschundene Kreatur, sein Messias, der am ganzen Körper blutend Richtung Golgatha geht.

Mutter Dora hat dem Doktor einiges zu beichten: Birgit Wolf, Anselm Lipgens und Angelo Konzett. Bild: Bettina Frenzel

Alans Akt der Hingabe: Tom Wagenhammer und Angelo Konzett. Bild: Bettina Frenzel

„Kann man einem Menschen etwas Schlimmeres antun, als ihm seinen Gott zu nehmen?“, zweifelt Dysart zunehmend, ob die fehlgeleitete, aber schöpferische Obsession des Jungen eine zu behandelnde Psychose ist oder ob er Alan und all seinen Patienten nicht im Grunde ein gesellschaftskonformes Dasein aufzwingt, das sie ihrer wahren Identität beraubt.

Auf Harry Daltons aka Robert Stucs Gestüt wird, was weiter geschieht, eindeutig sexuell konnotiert. Vom Striegeln und Streicheln übers Besteigen bis zum mächtigen Ritt galoppieren Wagenhammer als nunmehr Equus und auf seinem Rücken der entkleidete Konzett über jedes Tabu. Die Schenkel gegen die Flanken gepresst, brüllt Konzetts Alan seine Lust heraus, versagt aber später im Stall, als er unter den Blicken der Pferde mit einer Frau zum Orgasmus kommen will. Angela Ahlheim, auch sie erstmals auf einer TzF-Bühne, legt diese Jill Mason zwischen burschikos und mädchenhaft an, punktgenau dosiert, zwischen resolut und romantisch. Die Ereignisse überschlagen sich nach einem Besuch im Erotikkino, in dem Alan Vater Frank findet, Alans Qualen sind kaum noch auszuhalten – also die Wahnsinnstat am allwissenden, alles sehenden, „denn ich, der Herr, bin ein eifersüchtiger“ Gott …

„Equus“ in der Inszenierung von Sam Madwar und großartig gespielt vom TzF-Ensemble geht in mehr als einer Beziehung an die Grenzen. Ein schmerzhafter, intensiver, auch irritierender Abend. Eine Empfehlung.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 10. 2019