Kunsthistorisches Museum Wien: Caravaggio & Bernini

Oktober 11, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Entdeckung der menschlichen Emotionen

Michelangelo Merisi da Caravaggio: Narziss. Um 1601. Rom, Gallerie Nazionali d’Arte Antica, Palazzo Barberini. © Gallerie Nazionali di Arte Antica – Bibliotheca Hertziana, Istituto Max Planck per la storia dell’arte/Enrico Fontolan

Ab 15. Oktober zeigt das Kunsthistorische Museum Wien die Superschau „Caravaggio & Bernini“, ein großes und überwältigendes visuelles Barockspektakel. Im Zentrum stehen dabei die bahnbrechenden Werke des Malers Michelangelo Merisi da Caravaggio und des Bildhauers Gian Lorenzo Bernini. Erstmals sind die beiden weltberühmten Protagonisten, die jeweils auf ihre Art stilbildend für die europäische Kunst des 17. Jahrhunderts waren, gemeinsam in einer Ausstellung vereint. Was sie verbindet, ist eine neue Aufmerksamkeit für die wirklichkeitsnahe Naturdarstellung und für das Pathos großer Gefühle.

Die Entdeckung der menschlichen Regungen als theatralisches Anliegen des Barocks ist dann auch das zentrale Thema der Ausstellung, die – von Caravaggio bis Bernini – etwa siebzig Meisterwerke römischer Malerei und Skulptur in einen einzigartigen Dialog setzt. Obwohl das Kunsthistorische Museum den umfangreichsten und wertvollsten Bestand an Werken Caravaggios und seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger außerhalb Italiens besitzt, hat in Österreich bislang noch keine Ausstellung zu diesem Maler und seiner Zeit stattgefunden. Werke des um eine Generation jüngeren Bildhauers Gian Lorenzo Bernini, dessen Kunst auch für den österreichischen Barock prägend werden sollte, waren hierzulande bisher ebenfalls kaum zu sehen. Die Schau spürt dem Phänomen des aufblühenden Barockzeitalters nach und stellt die revolutionäre Kunst im Rom dieser Zeit vor. Der Maler Caravaggio und der Bildhauer Bernini waren dabei die führenden Persönlichkeiten, die mit ihrer neuartigen Ausdrucksweise ebenso wie mit ihrem unkonventionellen Lebensstil in Rom für Furore sorgten.

Gian Lorenzo Bernini: Hl. Sebastian. Rom, 1617. Privatbesitz; als Leihgabe im M. Thyssen-Bornemisza. © Bild: Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid

Michelangelo Merisi da Caravaggio: Heiliger Johannes der Täufer. Um 1602. Rom, Musei Capitolini. © Sovrintendenza Capitolina, Musei Capitolini – Pinacoteca Capitolina, Roma

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In sehr kurzer Zeit wurde Rom zu einem blühenden Zentrum innovativer Ideen und Erfindungen. Die Ausstellung konzentriert sich auf die künstlerischen Umwälzungen, die in der Heiligen Stadt zwischen 1600 und 1650 stattfanden und weitreichende Auswirkungen auf ganz Europa hatten. In diesen Jahrzehnten wurde die Stadt zu einem Anziehungspunkt für zahlreiche talentierte Künstler, die aus Florenz, Neapel und der Lombardei, aber auch aus Frankreich, Deutschland, Flandern und den Niederlanden kamen. Sie alle experimentierten mit den neuen Bildthemen und kompositorischen Lösungen. Es entstanden faszinierende Werke voller Dramatik und Leidenschaft, die sich durch Darstellung exzentrischer wie starker Bewegung und Gefühlsregung sowie durch eine theatralisch inszenierte Farbregie auszeichnen.

Die Figuren zeigten jetzt in ihrer ausholenden Gestik, ihrer starken Mimik und in ihrem Handeln intensive Gefühle. Es wurde regelrecht zur künstlerischen Aufgabe, das Publikum emotional zu berühren. Nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in Dichtung und Literatur sowie in Musik und Theater kann man die fünf Jahrzehnte von 1600 bis 1650 als „Geburtsmoment“ einer Kunst der Affekte bezeichnen. Plötzliches Erschrecken, wie beispielsweise bei Caravaggios „Knabe, von einer Eidechse gebissen“, zeugen von dem regen Interesse an der Darstellung wirkmächtiger Gefühle. Charakteristisch für diese Epoche, die man später als Frühbarock bezeichnen wird, ist auch eine zunehmende Bereitschaft zur Zusammenarbeit unter den Künstlern, wie die Gründung einer gemeinsamen Akademie, der Accademia di San Luca, oder die persönlichen Freundschaften belegen.

Maler und Bildhauer arbeiteten zusammen an der Ausstattung kostspieliger Familienkapellen und großer Galeriesäle, in denen sich die Medien ergänzten, gegenseitig in der Wirkung steigerten, ja mitunter so nebeneinander erschienen, dass ihre Grenzen fließend wurden ‒ ein weiteres Merkmal barocken Ausdrucks: Skulpturen konnten geradezu malerische Qualitäten aufweisen, während umgekehrt die Malerei illusionistisch Architektur und Skulptur hervorzubringen vermochte.

Michelangelo Merisi da Caravaggio: David mit dem Haupt des Goliath. Um 1600/01. Wien, Kunsthistorisches Museum. © KHM-Museumsverband

Gian Lorenzo Bernini: Medusa. Rom, 1638–1640. Rom, Musei Capitolini, Palazzo die Conservatori. © Sovrintendenza Capitolina, Musei Capitolini – Pinacoteca Capitolina, Rom. © Bild: Andrea Jemolo

Die Ausstellung erhofft sich durch die Zusammenschau von Malerei und Skulptur neuartige Perspektiven auf die römische Kunstlandschaft des frühen 17. Jahrhunderts. Eine vergleichbar groß angelegte Auswahl herausragender Kunstwerke dieser Zeit hat es außerhalb Italiens bislang nicht gegeben. Hauptwerke des römischen Frühbarocks werden zu einem einzigartigen Schauzusammenhang verdichtet, der erstmals die „Entdeckung der Gefühle“ als künstlerische Herausforderung thematisiert und die Besucher zugleich auf eine Reise in die Ewige Stadt mitnimmt: Ganz direkt begegnen Betrachter den zentralen Impulsen Caravaggios und Berninis, die begleitet werden von einem Kaleidoskop an Meisterwerken: von Malerinnen und Malern wie Artemisia Gentileschi, Annibale Carracci, Nicolas Poussin, Mattia Preti, Guido Reni oder Pietro da Cortona und von Bildhauern wie Francesco Mochi, Giuliano Finelli, Alessandro Algardi oder François Du Quesnoy.

Zu den Highlights der Ausstellung zählen neben den Gemälden aus dem Kunsthistorischen Museum weitere Schlüsselwerke Caravaggios wie der „Narziss“, der „Knabe, von einer Eidechse“ gebissen, der berühmte „Johannes der Täufer“ und das „Porträt des Malteser Ritters Antonio Martelli“. Aus dem Œuvre Berninis werden die „Medusa“, ein Modell des „Elefanten mit Obelisk“, eine Büste des Kardinal Richelieu, eine Statue des heiligen Sebastian und ein Modell für die Skulptur der „Verzückung der heiligen Theresa von Ávila“ in Wien zu sehen sein. Vier kleine, bisher nie gezeigte Bronzeköpfe, die einst die Kutsche des Architekten zierten und sich bis heute im Besitz der Bernini-Erben befinden, sind ebenso nach Wien gereist.

Zu den weiteren Highlights der Schau zählen Guido Renis „Bethlehemitischer Kindermord“ und das erst 2011 wiederaufgetauchte Werk „Maria Magdalena“ von Artemisia Gentileschi, der einzigen Künstlerin, die es in den Kreis der italienischen Meistermaler des frühen 17. Jahrhunderts geschafft hat. Erstmals wird das Gemälde aus Privatbesitz im Zuge der Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich sein.

www.khm.at           caravaggio-bernini.khm.at           Video: www.youtube.com/watch?v=SuB-h8mCGI0

11. 10. 2019