Tommy Orange: Dort Dort

Oktober 8, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Blut klebt fest an ihren Federn

Erst in Teil IV beginnt das Powwow, drei Viertel des Buches wird auf diese festliche Zusammenkunft im Oakland Coliseum langsam hingeschrieben, nun aber erhöht der Autor die Schlagzahl seiner Trommler. Die Tänzer treten auf, unter ihnen Orvil Red Feather; Tony Loneman ist ebenfalls im Stadion, auch Dene Oxendene und Opal Viola Victoria Bear Shield mit ihrer Schwester und Orvils Großmutter Jacquie. Sie alle, über die man bis dahin seitenweise erfahren hat, erleben jetzt in wenigen Sätzen, wie sich über den Sound der Schlägel das Stakkato von Schüssen legt.

Vor Bestürzung schnell liest man bis zu diesem beklemmenden Schluss – um endlich zu wissen, wen die Kugeln getroffen haben, und wo ihr Ziel verfehlt. Nun ist es gewiss bei Rezensentenehre verboten, ein Romanende zu spoilern, doch im Fall von „Dort Dort“ ist dies alles abschließende Massaker gleichbedeutend mit dem Leitgedanken von Tommy Oranges literarischem Debüt. Orange, selbst aus Oakland und Mitglied der Cheyenne and Arapaho Tribes of Oklahoma, schildert in seinem Erstling sozusagen aus erster Hand das Schicksal jener Native Americans, die von Reservatsbewohnern längst zu „Urban Indians“ wurden.

Schildert ihre bei der Absorption durch die Großstädte nicht geringer gewordenen Probleme von Arbeitslosigkeit bis Alkoholismus – und die daraus resultierende Gewalt. Und natürlich stellt Orange, Mutter weiß, Vater Cheyenne, er selbst ob seines Äußeren oft als „Chinese“ beschimpft, auch immer wieder die Identitätsfrage, wie es ist, ambiguously nonwhite / nicht eindeutig nichtweiß zu sein.

„Dort Dort“, der Titel bezieht sich auf Gertrude Steins „The trouble with Oakland is that when you get there, there isn’t any there there“ aus „Everybody’s Autobiography“, womit die Schriftstellerin wohl ausdrücken wollte, dass sich das Oakland ihrer Kindheit so verändert hätte, dass es für sie dort kein Dort mehr gibt, „Dort Dort“ also entwickelt durchs Erzählen vom Leben von zwölf Charakteren einen Sog, dem sich zu entziehen unmöglich ist. Kein Wunder, dass Barack Obama den mittlerweile Pulitzer-Preis-Finalisten auf seine legendäre Sommerleseliste setzte. Bevor Tommy Orange den Leser allerdings in die Handlung entlässt, behandelt er in einem Prolog, beinah zu bestialisch, um es wiederzugeben, Klischees über die und Gemetzel an der „Rothaut“.

„Wir wurden von allen anderen definiert und werden hinsichtlich unserer Geschichte und unseres aktuellen Zustands als Volk nach wie vor verleumdet“, schreibt Orange, und rechnet ab mit dem Westernbild eines John Wayne, Wolfstänzer Kevin Kostner und dem Film-„Häuptling“ Chief Bromden, der, statt wie im Buch Protagonist, auf der Leinwand nur noch der schweigsame Waschbeckenwerfer sein darf. „Wir sind die Erinnerungen, die wir nicht mehr haben“, sagt Orange, und „die Kugeln flogen ins Nichts falsch geschriebener Geschichte. Diese verirrten Kugeln und Konsequenzen schlagen auch heute noch in unsere arglosen Körper ein …“

Bild: pixabay.com

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Deutlicher lässt sich eine von Rassismus und Repression bestimmte Realität kaum fassen. Orange spannt den Bogen von der „unversorgten Wunde“ von damals zum entzündlich-unverheilten Jetzt. Immer noch klebt das von Landspekulanten und Kolonisten vergossene Blut der Native Americans fest an ihren Stammesfedern, Symbol dafür – die Coverillustration. Sein Dutzend Figuren präsentiert Orange zunächst einzeln, bevor er es über Verwandtschaftsverhältnisse allmählich zusammenführt. Zu den wichtigsten zählen: Tony Loneman, 21, Cheyenne-Abstammung, Säuferinnenkind mit fetalem Alkoholsyndrom, Drogendealer in Ermangelung einer anderen Erwerbstätigkeit, der in voller Tracht zum Powwow gehen will.

Dene Oxendene, Angehöriger der Cheyenne und Arapaho Tribes, dem sein Onkel als Erbe ein Dokumentarfilmprojekt überlassen hat, für das er beim Powwow Storys und Anekdoten von Oakland-Indianern sammeln will. Die Halbschwestern Opal Viola Victoria Bear Shield und Jacquie Red Feather, erstere „ein Fels, aber in ihr wohnt wildes Wasser“, zweitere eine ständig mit dem Trockenbleiben kämpfende Drogenberaterin, beide 1969 von ihrer Mutter zur Besetzung der ehemaligen Gefängnisinsel Alcatraz mitgenommen, wo Angehörige verschiedener Tribes gegen die „Indianerpolitik“ des Weißen Hauses protestierten, beide durch die brachiale Vorgehensweise bei dieser Inbesitznahme traumatisiert.

Opal und Jacquie sind auch die, bei denen die meisten Fäden des Romans zusammenlaufen, über eine von der 17-jährigen Jacquie zur Adoption freigegebene Tochter, über den zur Zeit der Zeugung ebenfalls Teenager-Vater, deren Wege sich beim Powwow unerwartet kreuzen, über Jacquies Enkel Orvil, Loother und Lony, allesamt einstige Heroinbabys, die ihr Dasein mit einem Entzug begannen, da Kinder von Jacquies am goldenen Schuss gestorbenen Tochter Jamie. Powwow-Praktikant Edwin Black, weiße Mutter, Vater unbekannt, sucht ebendiesen via Internet – und findet ihn als Master of Ceremonies im Coliseum, alldieweil die eigentlich Kleinkriminellen Octavio, Carlos, Charles und sein Bruder Calvin einen Überfall auf das Powwow planen, wo es immerhin 50.000 Dollar an Preisgeldern zu erbeuten gibt.

„Wir sind Vollblut, Halbblut, Viertel, Achtel, Sechzehntel, Zweiunddreißigstel. Mathematisch nicht darstellbar. Ein unerheblicher Rest“, sagt Dene an einer Stelle. Es ist dieses Neben-, Mit-, Durcheinander von Stimmen, das Oranges Buch so stark macht. Weil es nie genug geben kann, um dem hämischen Stereotyp der homogenen Indianer-Masse die tatsächliche Vielfalt von Menschen entgegenzusetzen. Während Tommy Orange also derart sein Panorama der Native Americans entwirft, dabei aber nicht vergisst, über Ausweglosigkeit und Selbstmordrate, Drogenmissbrauch und Bandenzugehörigkeit zu berichten, und übers Private so das Politische einbringt, verquickt er auch die Biografien mehr und mehr.

Bild: pixabay.com

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Über diese Welt, in der das Verfluchen gefürchtet und der Aberglaube über Dachshaare und Spinnenbeine allgegenwärtig ist, niederträchtige Frauen alligatorgrüne Augen und schamanische Männer eine Medizinkiste haben, in der schlimme Jungs denken, sie hätten „dieses alte Etwas, das verdammt wehtut und einen boshaft werden lässt“, und viele mit weißem Elternteil am Zwiespalt laborieren, dadurch von einem Volk abzustammen, „das nahm und nahm und nahm. Und einem Volk, das genommen wurde“, steht im Zwischenspiel „Blut“:

„Wenn du es dir leisten kannst, nicht über Geschichte nachzudenken, … dann kannst du dir sicher sein, dass du an Bord des Schiffes bist, … während andere draußen im Meer treiben, ertrinken oder sich an kleine Rettungsinseln klammern, die sie reihum immer wieder aufblasen müssen … Und oben auf der Jacht sagt jemand: ,Was für ein Jammer, dass diese Menschen dort unten faul und nicht so schlau und geschickt sind wie wir hier oben‘.“ Treffender ist auch das EU-Verhalten zu den übers Mittelmeer Flüchtenden nicht zu umschreiben.

Beim Powwow schließlich sind alle anwesend, Blue, Edwin, Jacquie, Harvey, Opal und der große Rest, und da dem Leser inzwischen schon klar ist, wer wann mit wem, finden einander vor Jahrzehnten Verlorengegangene wieder, wird Teilverschüttetes neu geborgen, doch nicht ausschließlich, fehlt es doch manchem im plötzlichen Kugelhagel an Gelegenheit sich und seine Geheimnisse zu offenbaren. Orange erzählt seine brutale Story mit sensibler Courage, sein Roman sowohl eine durchaus drastische Geschichtslektion über den Völkermord an den Indigenen, als auch ein Auftreten gegen den perfiden kleinen Alltagshass, seine Figuren bei aller Gewalt- und Suchtmittelberauschtheit von herzzerreißender Naivität und Hoffnung und Sehnsucht nach Zärtlichkeit.

„Dort Dort“ ist ein „Red Power“-Buch, das Menschenwürde und Menschenrecht gegen Feindbild und Feindseligkeit in die Waagschale wirft, eines, das ohne die Paraderollen vom edlen Wilden, weisen Medizinmann oder vom wütenden Skalpjäger und Marterpfähler auskommt. Am Ende von mehr als 500 Jahren Mord und Totschlag stehen einmal mehr dieselben, und jene Stille des Sterbens, die einen verstört zurücklässt. Wer aus dem Leben gehen muss, wer von den Geschossen ebenso getroffen, aber auch Erden bleiben wird, entdeckt einem Tommy Orange nicht. Eines seiner angeschossenen Geschöpfe verabschiedet er so: „[Er] muss jetzt leicht sein. Den Wind durch die Löcher in sich singen lassen, die Vögel singen hören. [Er] geht nirgendwohin. Und irgendwo dort drinnen, in ihm, wo er ist, wo er immer sein wird, ist es auch jetzt Morgen, und die Vögel, die Vögel singen.“

Über den Autor: Tommy Orange, geboren 1982 in Oakland, ist Mitglied der Cheyenne und Arapaho Tribes. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Angels Camp, Kalifornien.

Hanser Berlin, Tommy Orange: „Dort Dort“, Roman, 288 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Hannes Meyer.

Tommy Orange im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=JXCbmuIFD8M           www.hanser-literaturverlage.de

  1. 10. 2019