Kent Haruf: Abendrot

Oktober 5, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gemeinsam ist man weniger einsam

Bis vor zwei Jahren noch galt Kent Haruf absolut als Geheimtipp, sechs Romane hat der 2014 verstorbene US-Autor insgesamt verfasst, und erst als der letzte, „Unsere Seelen bei Nacht“, mit Jane Fonda und Robert Redford prominent verfilmt wurde, erlangten Harufs Bücher posthum Bestseller-Status. Bei Diogenes ist nun erstmals Band vier auf Deutsch erschienen, „Abendrot“, das Original bereits im Jahr 2004, und wie in allen von Harufs Arbeiten ereignet sich die Handlung auch hier in der fiktiven Kleinstadt Holt in den Great Plains, Colorado.

Kent-Haruf-Kenner werden also auf den einen oder anderen vertrauten Charakter treffen: Tom Guthrie taucht wieder auf, der Lehrer, dessen Ehefrau sich aus dem Staub gemacht hat, und der jetzt allein mit seinen zwei kleinen Söhnen den Alltag stemmen muss, auch Toms Kollegin Maggie Jones, die das schwangere, von der Familie vor die Tür gesetzte Mädchen Victoria auf der Ranch der beiden McPheron-Brüdern unterbrachte, den eingefleischten Junggesellen Harold und Raymond. An diesem Vorwissen kann sich, wer’s hat, erfreuen, es ist allerdings nicht notwendig, um die Lektüre von „Abendrot“ zu genießen.

Haruf, überzeugter Hillbilly aus dem Middle of Nowhere des Mittleren Westens, beschreibt, womit er sich auskannte: die einfachen und größtenteils liebenswerten und guten Gottesgeschöpfe in ihren Sorgen und Nöten, beschreibt die sich von Seite zu Seite stetig zu einem großen Ganzen verbindenden Schicksale der Holt-Gemeinschaft, schreibt über scheiternde Beziehungen und von ihren Eltern vernachlässigte Kinder, über das Standardbesäufnis am Wochenende, über ungeahnte Hilfsbereitschaft und leidenschaftlichen Hass, über Ängste, Niederlagen und Triumphe, über das kleine Glück und den Traum, aus dem be*** scheidenen Alltag auszubrechen und anderswo neu anzufangen.

Der besondere Zauber von Harufs Erzählkunst besteht in der kitschfreien, prägnanten Art, mit der er seine Storys festhält, seine schlichte Sprache, sein Kein-Wort-zuviel-Stil sind wie den Menschen vom Mund abgeschaut, und dabei von einer behutsamen, anrührenden Poesie – deren Verse sich auf die Wahrheit reimen, dass der Einzelne nur existieren kann, wenn ein anderer zumindest eine Zeit lang mit ihm den Lebensweg geht. Gemeinsam ist man weniger einsam …

„Abendrot“ ist einmal mehr eine Collage von mindestens einem Dutzend Geschichten, ein komplexes Gespinst aus x-en Figuren, Protagonisten, die sich Haruf nach und nach und voll Empathie für – fast – jeden von ihnen herauspickt, um sie samt ihren Problemen in pointierten Porträts zu präsentieren. Und so spielen im Holt’schen Mikrokosmos diesmal die kauzigen McPheron-Brüder die wichtigsten Rollen. Über sie erfährt man, dass Victoria inzwischen ihre Tochter Katie zur Welt gebracht hat, dann allerdings zum Studium nach Fort Collins umzog. Als Harold eines Tages von einem wütenden Bullen zu Tode getrampelt wird, ist Raymond plötzlich allein auf der Welt – bis Maggie und Tom ihn zu einem Samstagabendtanz mitnehmen, wo man „zufällig“ auf Rose Tyler trifft.

Bild: pixabay.com

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Die sich zu sehr in ihre Fälle involvierende Sozialarbeiterin, wie Raymond auch sie eine mit Ecken und Kanten, ist im Wortsinn neu in Holt, und mit ihr beleuchtet Haruf auch erstmals ihre randständige Klientel, die Parias des Prekariatsamerika, die, die der Turbokapitalismus längst abgehängt hat. Zu ihnen zählen Betty June und Luther Wallace und ihre Kinder Richie und Joe Rae, die in unsäglicher Ärmlichkeit in einem Wohnwagen hausen – was vor allem Richie zum Gespött der Mitschüler macht. Haruf skizziert die Wallaces als die Sorte von Leuten, denen ihr verpatztes Dasein die Energie geraubt hat, um sich noch irgendwie aus dieser Abwärtsspirale zu retten.

Selbst als Betty Junes cholerischer Bruder Hoyt Richie und Joe Rae bis aufs Blut prügelt, wissen sie nicht sich zu wehren, und als das Jugendamt die heißgeliebten Kinder einer Pflegefamilie übergibt, bringen sie nicht die Kraft auf, etwas zu unternehmen. Zu den zärtlichsten Episoden zählen die von DJ und Dena, beide elf Jahre alt, er beherbergt von seinem kranken Großvater, um den er sich mehr kümmern muss, als der’s um ihn kann, sie Tochter einer Mutter, die ihren Kummer in Hochprozentigem ertränkt, ist doch der Vater nach Alaska abgehauen. Wie sich diese beiden verlorenen Seelen finden und sich in einem desolaten Schuppen wie „Erwachsene“ ein Ersatzzuhause einrichten, das ist was fürs Herz.

Am Ende steht nicht immer ein Happy End, etliche Krisen-Situationen haben keinen alles klärenden Schluss, ihr Ausgang bleibt dahingestellt. Wie’s eben so geht mit Wünschen und Wollen und Erwartungen. In „Abendrot“ ist nachzulesen, wie schön und wie schrecklich es auf Erden zugehen kann. Wer unter anderem erfahren möchte, ob bei Rose und Raymond der Liebesblitz einschlägt, dem sei dieser großartige, mal humorvolle, mal traurige Roman aufs Wärmste empfohlen.

Über den Autor: Kent Haruf, geboren 1943 in Colorado, war ein amerikanischer Schriftsteller. Alle seine sechs Romane spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im US-Bundesstaat Colorado. Er wurde unter anderem mit dem Whiting Foundation Writers’ Award, dem Wallace Stegner Award und dem Mountains & Plains Booksellers Award ausgezeichnet. Sein letzter Roman, „Unsere Seelen bei Nacht“, wurde zum Bestseller und mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt. Haruf starb 2014.

Diogenes, Kent Haruf: „Abendrot“, Roman, 416 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von pociao.

www.diogenes.ch

  1. 10. 2019