Seelischer Kraftakt: „Das Kind“ am Volkstheater

April 20, 2013 in Bühne

In Wahrheit ist man allein

Das Bühnenbild: ein weißes Haus. So wie’s Kinder zeichnen. Ein Dreieck, das auf zwei Strichen aufgesetzt ist. Polsterschlachten, Schulbänke und -uniformen, wilde Fangerl-Spiele. Eine Nackte unter der Dusche. Betten, um darin geboren zu werden. Und zu sterben. Das Künstlerpaar Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf, besser bekannt als Theaterduo „wennessoweitist“, sie zuständig für Regie und Ausstattung, er für die Produktion und die Dramaturgie, brachten am Wiener Volkstheater ihre neueste Arbeit „Das Kind“ zur Uraufführung. Nach „Die Reise“, den ergreifenden Berichten von Migranten, Flüchtlingen und Asylwerbern, ist dies die zweite Koproduktion des Projektteams mit dem Haus. Dreißig Menschen (dabei die beiden Volkstheater-Schauspielerinnen Martina Stilp und Annette Isabella Holzmann) wurden von den beiden diesmal ausgewählt, um ihre Geschichte zu erzählen: Über’s Kindsein, aber auch übers Mutter-und-Vatersein. Über Deformation durch Erziehung, Elternliebe, das Spielballdasein von Scheidungskindern, Prügel, Missbrauch. Vieles tragisch, manches zum Schmunzeln, einiges so Alltäglich, dass es banal klingt, zwei, drei Auftritte zu langatmig. Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend. Sagte Mark Twain. Von der Dichte der „Reise“ ist dieser Abend allerdings ein Klassenzimmer weit entfernt.

Peter Wolf und Ensemble Bild. © Helmut Wimmer

Peter Wolf und Ensemble
Bild. © Helmut Wimmer

Doch immer wieder ist wunderbar anzuschauen, welche Darstellungskraft Kornmüller aus ihren nicht hauptberuflichen Schauspielern hervorbringt. Welch Kraftakt muss es für die Dreißig sein, sich vor ein Publikum zu stellen, und über das Intimste zu reden, das es gibt. Über sich selber. Die Familie. Berührend schildert Helmut, ein Krisenpflegevater, wie es ist, Gewalt, Sex und Verwahrlosung entrissenen Kinder bei sich aufzunehmen. Er übt mit allen seinen „Grundsound zum Einschlaferln“ dieser Traumatisierten. Sch-sch-sch.Witzig ist Nikolai, den die Mutter ins Ballett schickte – weil: „GELL, du willst das EH!“ -, während er seinen Freunden was von Sport vorlog. Ratlos bleibt Ibrahim auf die immer wieder gestellte Frage: „Warum kriegt ihr Afrikaner eigentlich so viele Kinder?“

Das sind die Gefühlsbäder, die den Abend ausmachen. Wenn Laura von ihren Großeltern erzählt – die Tochter aus besserem Hause ließ sich mit dem Mopedfahrenden Briefträger ein. Ergo Schwangerschaft und eine Hochzeit in Schwarz, weil in der Franco-Zeit die Braut so ihre „Schande“, ihre „Sünde“ öffentlich machen musste. Als die Oma krank wurde, lernte Opa mit 80 noch kochen. Eine Liebe fürs Leben. Wenn Veronica, die schon bei der „Reise“ dabei war, deren Familie 1938 von Wien nach Argentinien emigrierte, vom sadistischen Vater und den Sadisten im Internat spricht. Wenn die Holzmann, zweifache Mutter, über die „Eifersucht des Ausgeschlossenseins“ des Kindervaters, wenn sie stillt, lachen muss. Wenn Günter, ein ehemaliges Heimkind, übers „Spielen“ mit seinem Erzieher sagt, dass er, also gar nicht weiß, „wie ich das sagen soll – dass also ich das Fohlen bin und er das erwachsene Pferd, und halt dass sein Penis wie ein Euter ist, und ja …“

Eine der Darstellerinnen wirft ein schwarzes Tuch über sich: „In Wahrheit ist man allein.“

Zum Schluss: Peter Wolf. Auch er schont sich nicht beim kollektiven Seelenauswinden. Sein Vater/Chefarzt starb am Strand von Griechenland. Gerade noch war Urlaub, Sandburgenbauen mit dem Sohn. Dann er hilflos, allein, bis Hilfe kam. Und bis heute die Ungewissheit: Hätte ich was tun können, um den Vater zu retten? Sich Gedanken über „Das Kind“ zu machen, ist schwerer auszuhalten, als man meint.

www.volkstheater.at

www.wennessoweitist.com

Interviews zur Produktion: www.mottingers-meinung.at/urauffuhrung-von-das-kind-am-wiener-volkstheater

Von Michaela Mottinger

Wien, 20. 4. 2013