Landestheater NÖ: Das Programm der Saison 2019/20

September 2, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Highlights der startenden Spielzeit

Präsentierten das Programm der Spielzeit 2019/20: Ludwig zur Hörst, Julia Engelmayer, Marie Rötzer und Olivia Khalil. Bild: Franziska Liehl

Eröffnet wird die vierte Spielzeit von Marie Rötzer am Landestheater Niederösterreich am 12. September im Großen Haus mit der Premiere von Friedrich Schillers Der Parasit. Der große klassische Dramatiker Schiller erweist sich auch in dieser Komödie als Meister des Spannungsaufbaus und der Figurenzeichnung. Die Handlung des Stücks stammt aus der Feder von Louis Benoît Picard. Bei Schiller ist der Parasit auf den mittleren Sprossen der Karriereleiter zu finden.

Dort siedelt er im gehobenen Beamtenmilieu sein furioses Lustspiel an, das mit feinstem Komödienbesteck die Winkelzüge des titelgebenden Parasiten Selicour und die Mechanismen von Manipulation und Machtgewinn filetiert. Der junge Schweizer Regisseur Fabian Alder inszeniert die überraschende, in „schillernder“ Sprache verfasste Komödie als Koproduktion des Landestheaters Niederösterreich und des Stadttheaters Klagenfurt. Als Gäste im Ensemble sind unter anderen Heike Kretschmer und Tobias Voigt zu sehen.

Am 27. September steht im Großen Haus die Premiere von William Shakespeares Hamlet auf dem Spielplan. Der junge Prinz erlebt seine Wirklichkeit wie einen bösen Traum, in dem sämtliche Regeln und Gesetze außer Kraft gesetzt sind. Denn wie kann es anders sein, wenn seine Mutter den Mann heiratet, der seinen Vater ermordet hat? Und Claudius, nun der Stiefvater Hamlets und neue König, den Mord tief und fest verleugnet? Wie kann Gerechtigkeit herrschen, wenn die Welt auf Lügen aufgebaut ist? Der junge britische Regisseur Rikki Henry war Teilnehmer des Marstallplan-Festivals 2018 für junge Regie am Residenztheater München und früherer Mitarbeiter der Theaterlegende Peter Brook. In seiner ersten Arbeit am Landestheater Niederösterreich inszeniert er Shakespeares rätselhafte Tragödie als modernen Mythos über Macht und Moral.

Der Parasit: Heike Kretschmer, Tobias Artner, René Dumont und Tobias Voigt. Bild: Alexi Pelekanos

Hamlet: Tim Breyvogel übernimmt die Rolle des dänischen Prinzen. Bild: Alexi Pelekanos

Scharfsichtig und mit witzigen Dialogen spiegelt Ödön von Horváth in seiner abgründigen Komödie Italienische Nacht die politischen Verhältnisse der 1930er-Jahre und ihre Folgen. Noch während die Proben zur Uraufführung in Berlin liefen, sprengten im Februar 1931 Nationalsozialisten eine Versammlung der Sozialdemokraten. Horváth war Zeuge der Massenschlägerei, die 26 Verletzte und mehr als 100 kaputte Bierkrüge hinterließ. Nach „Das goldene Vlies“, „Dantons Tod“ und „Ödipus / Antigone“ inszeniert die spanische Regisseurin Alia Luque erneut einen hochpolitischen Theaterstoff am Landestheater, Premiere ist am 30. November.

Am 30. Jänner findet im Großen Haus die Uraufführung von Figaros Hochzeit (Aber nicht die Oper!) – Die Geschichte eines revolutionären Friseurs nach Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo Da Ponte statt. Gemeinsam mit seinem Schauspiel-Ensemble begibt sich der Regisseur Philipp Moschitz lustvoll auf eine musikalisch-theatrale Entdeckungsreise in die unbekannten Regionen des Mozart’schen Kosmos. Moschitz hat in der vergangenen Spielzeit mit seiner Inszenierung der Komödie „Um die Wette“ für Begeisterung gesorgt und wurde damit zum renommierten internationalen Regie-Festival „Radikal jung“ in München eingeladen.

Es ist die Zeit der weltpolitischen Krisen und gesellschaftlichen Verunsicherungen am Vorabend des Ersten Weltkrieges, als Thomas Mann mit Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull seinen erfolgreichsten Roman beginnt. Mit der ihm eigenen Ironie und Doppelbödigkeit schildert er seine „Helden des Zeitalters“, die gespaltenen Figuren, die am Widerspruch zwischen Schein und Sein, zwischen äußerer Geltung und innerer Einsamkeit leiden. Regisseur Felix Hafner, der zuletzt sehr erfolgreich am Landestheater Stefan Zweigs „Flucht ohne Ende“ inszeniert hat, nimmt die Geschichte des gerissenen Kriminellen und Phantasten zum Anlass, um die Frage „Will die Welt betrogen werden?“ neu zu stellen. Premiere ist am 14. März in der Theaterwerkstatt.

Als der Entdecker und Seefahrer Christoph Kolumbus 1492 in See sticht, um die Weststrecke nach Indien zu erkunden, befindet sich Europa mitten in extremen Umbrüchen. Es ist der Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, zum Beispiel, dass die Erde keine Scheibe ist, verändern den Kontinent in all seinen Gewissheiten. Was für die einen den Weltuntergang bedeutet, ist für die anderen der Weg in eine strahlende Zukunft. Der kroatische Dramatiker Miroslav Krleža, 1893 in Zagreb geboren, gilt als einer der großen europäischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. In seinem 1917 entstandenen Stück Christoph Kolumbus verdichtet er die Ideale des Sozialismus mit der Botschaft aus der katholischen Heilsgeschichte.

In starken, expressionistischen Bildern erzählt Krleža von Kolumbus’ abenteuerlicher Seefahrt und zieht Parallelen zwischen der Epoche der Renaissance und der revolutionären Aufbruchsstimmung Kroatiens vor dem Ersten Weltkrieg. Der kroatische Regisseur Rene Medvešek hat das Kolumbus-Projekt bereits 2014 in Zagreb als großes, formstarkes Musiktheater mit Schauspielern inszeniert. Mit den Ensembles des Landestheaters Niederösterreich und der Vereinigten Bühnen Bozen kommt es nun zu einer Neuinszenierung, deutschsprachige Erstaufführung ist am 20. März.

„Einer für alle, alle für einen!“ Diese Losung war eine politische Proklamation, denn die berühmte Soldatentruppe der Musketiere kämpfte im frühen 17. Jahrhundert mit ihren schnellen Degen im Dienst des französischen Königspaares Ludwig XIII. und Anna von Österreich. 200 Jahre später, im Jahr 1840, verband Alexandre Dumas die historischen Ereignisse mit erfundenen Geschichten rund um den jungen Gascogner Soldaten D’Artagnan. Entstanden ist mit Die drei Musketiere eines der berühmtesten Abenteuerepen über Treue und Tapferkeit, Liebe und Freundschaft. Eingebettet in einen stimmungsvollen Hintergrund, inszeniert Regisseur Robert Gerloff den Mantel-und-Degen-Stoff mit viel Humor, Live-Musik und packenden Kampfchoreografien für Jung und Alt. Premiere ist am 10. Juni.

Alex, ein junger Vater, erzählt von seinem privaten Familienglück, den alljährlichen Urlaubswochen in Südfrankreich, von einem idyllischen Sommertag. Schwimmen im Meer, Tauchen zu den Unterwasserklippen an der Steilwand, Sonnenbaden am Strand. Völlige Harmonie – bis das Entsetzliche passiert und eine kleine Unachtsamkeit Alex’ Leben für immer erschüttert. Simon Stephens, einer der wichtigsten britischen Dramatiker der Gegenwart und vielfach ausgezeichnet, stellt in Steilwand die universale Frage nach Schuld und Erlösung. Tim Breyvogel, seit 2016 Ensemblemitglied am Landestheater Niederösterreich, wird den dichten Monolog nicht nur schauspielerisch, sondern mit einem rhythmisch-klangvollen und vielstimmigen Sound aus seinem DJ-Pult als multimediales Erlebnis an unterschiedlichen Orten und Plätzen in St. Pölten auf die Bühne bringen. Die Orte und Termine werden noch bekannt gegeben.

Caligula: Ben Becker. Bild: Christina Baumann-Canaval

Schiller Balladen: Philipp Hochmair. Bild: Heike Blenk

An Gastspielen sind unter anderem angekündigt:

Schiller Balladen mit Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes. Feinste deutsche Lyrik meets Elektro-Beats: Philipp Hochmair und seine Band verwandeln Schillers berühmte Balladen in ein exzessives Rockkonzert. Die mehr als zweihundert Jahre alten Verse sind dem Schauspielerstar absolutes Lebenselixier, sie haben für ihn nichts mit Schulzwang und Bildungsbürgertum zu tun, sondern mit Techno, Industrial und Ekstase. Am 23. November. Mit Konfrontation!

NT Gent: Black/The Sorrows of Belgium I: Congo. In seiner Trilogie „Black“, „Yellow“ und „Red“, den belgischen Nationalfarben, verarbeitet Regisseur Luk Perceval die Geschichte und Identität Belgiens. Der erste Teil „Black“ befasst sich mit dem kolonialen Erbe im Kongo. Bei der Berliner Kongo-Konferenz 1884/85 wurde dem belgischen König Leopold II. der Kongo als Privatbesitz zugesprochen. Damit begann für die Bevölkerung des rohstoffreichen Landes ein Martyrium schrecklichen Ausmaßes: mit ungeheurer Brutalität wurde die gesamte Bevölkerung für die Kautschukernte herangezogen. Leopold II. war verantwortlich für grausamste Menschenrechtsverletzungen. Im Mittelpunkt der bildstarken und musikalischen Inszenierung steht der afroamerikanische Missionar William Henry Sheppard, der dies dokumentierte und Aufmerksamkeit schuf für ein Verbrechen, das in Belgien bis heute weitgehend verdrängt wird. Österreich-Premiere ist am 14. Februar.

Salzburger Landestheater: Caligula von Albert Camus. Die Sehnsucht nach dem Amoralischen treibt diesen tyrannischen Herrscher an – und der Wunsch, einmal den Mond zu besitzen. „Caligula“ ist die Tragödie maßlosen Machtwillens. Der vom Drang nach dem Absoluten besessene Caligula glaubt, die Treue zu sich durch die Untreue gegen die anderen gewinnen zu können. Caligula ist kein brutaler Despot, sondern ein raffinierter, intellektueller Verbrecher, der seine Untertanen immer weiter treibt, wie in einem Experiment, um zu prüfen, was sie alles erdulden. Als er endlich unter den Dolchen der Verschwörer zusammenbricht, sind seine letzten Worte: „Ich lebe. Ich lebe.“ Eine Paraderolle für Ben Becker, Inszenierung John von Düffel und Marike Moiteaux. Gastspielpremiere ist am 22. April.

www.landestheater.net

2. 9. 2019