Wiener Festwochen: Le Metope del Partenone

Juni 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kehrgerät beseitigt den Tod

Leiche Nummer eins in der Kunstblutlacke. Bild: © Guido Mencari, Paris

Auf das Leben folgt der Tod, nach „La vita nuova“ also „Le Metope del Partenone“, beides Arbeiten des italienischen Regisseurs und Festwochen-Stammgasts Romeo Castellucci, die er mit seiner Kompagnie Socìetas dies Jahr in den Gösserhallen zeigt. War erstere eine Art Messias-Suche durch eine mysteriöse Bruderschaft, Propheten eines Aufbruchs, eines Neuanfangs, so geht es nun um letzte Momente und ums Sterben. Und das ziemlich drastisch.

Sechs Mal wird auf verschiedene Weise verschieden, der Zuschauer, ganz klein in dem riesigen Spielort, zum genauen Hinsehen auf das Grauen gezwungen. Als wär’s die Strafe für jeden, der jemals schaulustig an einer Unfallstelle stand. Ein Taumeln, ein Keuchen, ein Umkippen. Schon legt sich eine junge Frau auf den nackten Boden, wird von sachkundigen Weißgewandeten, wie’s davor auch die Bruderschaft war, mit Kunstblut aufs Leichendasein vorbereitet. Eintrifft mit ohrenbetäubendem Signalhorn und Blaulicht der Einsatzwagen des Roten Kreuz. Die Rettungskräfte sind tatsächliche, sie bemühen sich um die Verunfallten. Hilfe, wo es keine mehr gibt, das ereignet sich sozusagen ununterbrochen, laut Weltstatistik sterben täglich an die 150.000 Menschen, mehr an ihrem Lebensstil, heißt: Genuss von Alkohol und Tabak, als durch Kriege.

Castellucci führt das mit seinem wie stets klang- und bildgewaltigem Werk vor, dessen Titel sich auf die Reliefs im Tempel der Pallas Athene auf der Akropolis bezieht, die mythische Kampfszenen zwischen Göttern, Giganten, Kentauren und Griechen darstellen. Von ihm streng choreografiert kommt unweigerlich der Exitus. Die Ursachen dafür sind Säure, die ein Gesicht verätzt, Verbrennungen, mal wird ein Bein abgetrennt, mal quellen Gedärme aus einem Leib. Einen Mann im Anzug durchschüttelt offenbar ein Herzinfarkt, inmitten seiner Urinlacke muss er auch noch die als Schmach ertragen. Schmerz, Entstellung, gellende Hilferufe an der Grenze des Erträglichen, schließlich Ohnmacht, den Schauspielern Silvia Costa, Dirk Glodde, Zoe Hutmacher, Liliana Kosarenko, Maximilian Reichert und Sergio Scarlatella bleiben nicht viel Mittel, als Mimik und Gestik entgleisen zu lassen.

Echte Rettungskräfte im gefakten Einsatz. Bild: © Guido Mencari, Paris

Siehe, sagt Castellucci, so schnell wird man zum Opfer zum Objekt. Denn von Fall zu Fall stellt sich der Herzmonitor auf Flatline, ein Tuch wird den Entschlafenen geworfen, Stille setzt ein, und bei manchen ist man froh, dass endlich eine Ruh‘ ist. Was aber nicht so bleibt, lösen sich die Leichen doch aus ihrer Starre und schreiten als höchst würdevolle Untote durch den Raum. Zu den Wiederauferstehungen werden rätselhafte Sätze von Claudia Castellucci an die Wände projiziert:

„Ich bin allein, aber unter vielen“ oder „Ich bin nie gewesen, aber im Werden begriffen“, „Ich habe keinen Körper, aber du kannst mich sehen“, was eindeutig – und Castellucci würde diesen Konflikt mutmaßlich gar nicht abstreiten – mehr nach Römisch-Katholisch als nach Antik-Griechisch klingt. Mehr Erkenntnisgewinn hat Castellucci diesmal nicht zu bieten. Seine 2015 in Basel erstaufgeführte Performance wird nicht zu einem der von ihm sonst so empathisch angelegten Elementarereignisse. Das „Erlebnis“ Tod, das dem Unabwendbaren Ausgeliefert-Sein verfängt nicht beim Betrachter, daran zu erkennen, dass das Publikum den finalen Zuckungen der Darsteller meist mit abwehrend verschränkten Armen gegenübersteht. Überforderung statt Einfühlung, und keine Katharsis nirgendwo. Am Schluss: eine Kehrmaschine. Kommt und fegt die falschen Körpersäfte weg …

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  1. 6. 2019