Katharina Straßer und Christian Dolezal im Rabenhof

April 17, 2013 in Bühne

Der reizende Reigen des Herrn Werner Schwab. Schnitzler, freigemacht.

Wir sind in die Welt gevögelt und können nicht fliegen. Das war lange Zeit so ein Freecard-Spruch, den sich Intellektuelle und andere Irrlichter (ignis fatuus = Narrenfeuer) wahnsinnig gern an den Schreibtisch hefteten. Ja, DAS war noch ein Rebell, der Werner Schwab. Grazer Kampftrinker im Wiener Exil, wo er regelmäßig am Westbahnhof-Strich blutig geprügelt wurde. 1994 ein Tod mit 4,1 Promille im Blut. Unangepasster Bourgeoisie-Aufreger, Brachialpoet, Szene-Enfant-Terrible, Kulturbetriebsselbstinszenierer …

Was vergessen? Werner Schwab.

Katharina Straßer und Christian Dolezal Bild: Arnold Poeschl/Rabenhof

Katharina Straßer und Christian Dolezal
Bild: Arnold Poeschl/Rabenhof

Im Wiener Rabenhof gibt es nun eine würdige Enterdigung des großen Dramatikers. Eine ziemlich erdige. Andy Hallwaxx hat Schwabs „Der reizende Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler“ auf die Bühne gestellt (in einem fabelhaft multifunktionalem Bühnenbild von Judith Leikauf und Karl Fehringer übrigens). Comicgrell wird da die Sprache des Schriftstellers zur Tatwaffe. Und der Schwanz schrumpft vom männlichen Machtinstrument zum Witz. So er vorhanden ist – als Banane, zerbissen oder zerschnipselt und ausgespien, als Dildo, aufschraub- und abwaschbar. Frau macht Mann Sex. Aus purer Berechnung. Allein die Beischlafszenen (oder was davon übrig bleibt) der beiden Darsteller Katharina Straßer und Christian Dolezal sind einen Besuch dieses Theaterabends wert.

Schwab hat sich gar nicht weit von Schnitzler entfernt. Dessen Stil eigentlich verinnerlicht. War ja alles schon da. Das unzüchtige, aufreizende, anstößige Beziehungskarussell. Sigmund Freund und miteinander Verkehren. Konversationstonkopulieren, sozusagen. Schwab erweitert das nur um Schließmuskel, Stummelfickerkrüppel, Speicheldrüsen- und Sprechblasenentzündungen und andere Schweindlereien. So brutal, so direkt, so lebensphilosophisch bis zur Lebensuntauglichkeit, so pragmatisch, dass man sich vorm Lachen schrecken muss. Umgekehrt? Und Christian Dolezal spielt das genau so. Ein Autor-Alter-Ego. Fast. Sein Virilisationsgehabe verpufft unter den geübten Händen der Figurinnen, die die ausgezeichnete Straßer ihm hinhaut. Humor ist, wenn man trotzdem pudert.

Zu sagen, Hallwaxx hätte für seine Regiearbeit Karikaturen entworfen, greift zu kurz. Zu sagen, die Charaktere wären „Alltagsmonster“ ist eine Übertreibung. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Beim Koituskabarett. Beim Sehnsuchtsschnackseln. Die großen Pläne schmiedet der Schmied unter der Narrenkappe.

Was bei Schnitzler mit der Szene „Die Dirne und der Soldat“ beginnt, ist hier ein Treffen von Hur’ und Bürohengst. Dolezal ist in allen Ver- und Anwandlungen großartig. Als Hemmer-Klemmer, als herrischer Hausherr, als oberg’scheiter, aber begattungsunfähiger Gatte, als damischer Dichter, als – wenn sich der Reigen schließt – im Rollstuhl sitzender, impotenter Minister (statt Schnitzlers Grafen), der sich von der Dirne Wunder erhofft – und sie sich von ihm Protektion bei in jeder Hinsicht potenterer Kundschaft. Dolezal schlüpft in die Figuren, wie in die Bade- oder Pelzmäntel, die sie tragen. Sehr schön singt er unter der Dusche Georg Danzers „Weiße Pferde“: „Woran meine Liebe, glauben wir noch …“

Straßer schafft dasselbe Kunststück spielend. Mutiert von der Kaugummi kauenden Käuflichen zur „lustfidel“-quirrligen Friseurin zur naiven „Sekret“-ärin, zur Beischlaf-gegen-Betriebskostenerlass-Mieterin, zur gelangweilt ihre vorm Altar versprochenen Pflichten erfüllenden Ehefrau, zu Dichters Dummchen und Muse.

Zum Schluss wird sie mit dem Goldenen Pimmel ausgezeichnet. Verdient! Und das in der Woche, in der Goldenen Romy-Statuetten verliehen werden. Eine schnelle Ermittlung ergab, dass sie eh nicht nominiert ist. Also? Bravo!

www.rabenhoftheater.com

Trailer: www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=6g1YdTfZ8tE

Von Michaela Mottinger

Wien, 17. 4. 2013