Aura Xilonen: Gringo Champ

Juni 4, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schnellste Faust von Mexiko

„Und da durchfährt es mich, als die Mickerficker der schönen Chica nachsteigen, im Disturbomodus, und ihr dreckig ins Ohr sülzen: Ich kann mich in ein anderes Leben hangeln, wenn ich diese fokkin Meridianer trashe. Bin schließlich tot auf die Welt gekommen und habe kein Fünkchen Schiss.“ So beginnt Aura Xilonens Debütroman „Gringo Champ“, und wenn es über dieses Sprachwunderwerk etwas zu sagen gilt, dann über ebendiese, hat die junge mexikanische Autorin für ihren Protagonisten doch einen Kunstgangstaslang erfunden, der sich liest, als würde sie Bilder von Frida Kahlo, Amado de la Cueva und Rufino Tamayo Snapchat-tauglich machen.

Ungeniert mixt sie die Worte zu neuen Klängen, erschafft neu, was ihr an Vokabular fehlt, jongliert mit Silben und Sätzen, und dies alles, ohne, dass der Ausdruck Schaden nimmt. Sie lässt auf hämmernden Prosa-Beat Stellen von geradezu betörend schöner Suggestivkraft folgen, etwa wenn der Ich-Erzähler seine armselige Existenz derart fliehen will: „Ich wünschte mir ein Laubblatt, das mich in den Orbit befördert und mich dort sanft in den Schlaf wiegt, zwischen den Scheißsternen.“

Kaum je kamen Four-Letter-Words lyrischer zum Einsatz als hier, dass sich das auch in deutschsprachiger Übersetzung erschließt, ist das sagenhafte Verdienst von Cervantes-Expertin Susanne Lange, die Xilonens Tanz vom Trash zum Tragischen mitgeht, als wär’s das Wenigste. „Gringo Champ“ ist ein märchenhafter Entwicklungsroman, in dem die devastierte Sprache die Gemütsverfassung des jugendlichen Helden abbildet. Liborio heißt er, ein Name, der sich wohl nicht von ungefähr an Libro/Buch anlehnt, und ist einer, der noch vor Trumps Mauerbauplänen illegal über die Grenze gegangen ist. Sein Schicksal offenbart sich nach und nach in seinen Erinnerungen. Der Tod der Mutter, die prügelnde Patentante, die Flucht durch den „Scheiß-Rio-Bravo“, dann splitternackt in die Gringo-Wüste, wo ihm die Sonne fast bis zum Sterben die Haut vom Körper brennt.

Endlich ist der „Drexmex“ im Heiligen Land USA angekommen, findet einen Drecksjob in einer Buchhandlung, und weil ihm deren cholerischer Chief befiehlt „lies gefälligst was, wenigstens die Klappentexte, damit du weißt, worum es verdammt noch mal geht, und ein fokkin Book verkaufen kannst und nicht so ein brunzdummer Bastard bleibst“, beginnt Liborio sich mithilfe eines Wörterbuchs durch die Weltliteratur zu ackern.

Bild: pixabay.com

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Was seinen Sprachschatz bald zum Funkeln bringt. In die Chica, die er eingangs vor ihren Verehrern rettete, Aireen, verliebt er sich „pygmalionmäßig“, ihre Silhouette, die er durchs Fenster beobachtet, erscheint ihm wie ein „rembrandifiziertes Kunstwerk“.  In seine Unflätigkeiten streut Liborio nun in doppeltem Sinne Erlesenes. Doch wie seine Schöpferin über eine archaische Sprachgewalt, verfügt Liborio über ein großes Talent: eine schnelle, eine eiserne Faust. Wer sich mit ihm anlegt, spuckt Blut: „Zack! Bumm! Kawatsch! Ich niete ihm die Zähne um, bis er nur noch sein rotes, feistes Mus sieht.“ Und so tut sich ihm, knapp bevor er in der amerikanischen Vorhölle vor die Hunde geht, eine einmalige Chance auf – statt des Geklopfe auf der Street zum Profiboxer ausgebildet zu werden.

Die Odyssee dieses Outlaws, seinen auch mit Bibelsprüchen gepflasterten Passionsweg, begleiten wundersame Gestalten. Die irre Nora Dabbelju, die Liborio erst für eine Obdachlose hält, die sich aber als Journalistin entpuppt, die seine Geschichte veröffentlichen will. Abacuc Shine, der Betreiber einer Herberge für von ihren Eltern im Stich gelassene Kinder, in der Liborio wohnen und arbeiten wird, und der sich vorgenommen hat, den Jungen zu fördern. Mister Bald, so genannt, weil kahlköpfig, der sein Trainer wird. Und Naomi, die im Rollstuhl sitzt, weil ihr der Vater das Rückgrat gebrochen hat, hochintelligent und Liborio in Computerfragen wie Herzensangelegenheiten weit voraus. Dass ihr der letzte Satz des Buches gilt, will was bedeuten.

Bei allen Schilderungen von Gewalt, die Menschen Menschen antun, ist „Gringo Champ“ kein Unterschichtsblues. Kein weinerliches Klagelied auf die Vereinigten Staaten, wo schießwütige Ranger, Watchmen und selbsternannte Immigrantenjäger, diese fürs Freiwild ihrer Aggressionen halten, ebenso kein Melodram über die Situation der Mexikaner zwischen Drogenkartellen und deren Mörderbanden. Dafür lässt Aura Xilonen zu viele Fünkchen Hoffnung selbst in den schwärzesten Szenen aufblitzen. So wie sie die Möglichkeit eines kleinen Glücks für den einzelnen gegen das große Unglück, die Ungerechtigkeit der Welt aufwiegt, hat sie einen Corrido geschrieben. So nennt man die mexikanischen Volkslieder, in denen der Aufstieg eines einfachen Mannes zum Héroe national besungen wird. Damit kratzt sie natürlich an den Gefühlen des Lesers. Und das ist gut so.

Über die Autorin: Aura Xilonen wurde 1995 in Mexiko-Stadt geboren. „Gringo Champ“ ihr erster Roman. Er wurde mit dem Premio Mauricio Achar ausgezeichnet.

Hanser Verlag, Aura Xilonen: „Gringo Champ“, Roman, 336 Seiten. Übersetzt aus dem Spanischen von Susanne Lange.

www.hanser-literaturverlage.de

  1. 6. 2019