Theater in der Josefstadt: Die Saison 2019/20

Mai 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Claus Peymann inszeniert Thomas Bernhard und Martin Vischer kommt vom Burgtheater

Herbert Föttinger präsentierte das Programm der Saison 2019/20. Bild: Jan Frankl

„Alle haben mir gesagt, ich muss ganz ruhig bleiben und darf nicht schimpfen“, hatte sich der stets streitbare Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger für den heutigen Vormittag und die Präsentation des Programms 2019/20 zumindest fix vorgenommen. Dass er, was ersteres betrifft, naturgemäß versagen musste, war klar, als er das Gespräch bereits eingangs statt auf die bevorstehenden Premieren auf die österreichische Kulturpolitik brachte.

Und zwar mit den Hinweis, durchaus Verständnis dafür zu haben, dass sich derzeit „alles ums Volkstheater und die dort fehlenden drei Millionen dreht“, dass aber auch sein Haus bei Subventionen in der Höhe von 14,8 Millionen Euro realiter um 3,5 Millionen unterdotiert sei. Was ihm Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler, für die Föttinger „eine Lanze brach“, in einer Unterredung nicht nur bestätigt, sondern auch versichert hätte, sie werde für die Valorisierung und eine Sockelerhöhung der Wiener Bühnen kämpfen. Was den Verantwortlichen des Bundes, Minister Gernot Blümel, betrifft, so findet es Föttinger „befremdlich“, dass dieser es in eineinhalb Jahren noch nicht einmal geschafft habe, in der Josefstadt zu Gast zu sein. Föttinger: „Ich empfehle Herrn Blümel eine der letzten drei Vorstellungen der ,Reise der Verlorenen‘ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29430), das ist ein empathisches Stück über Flüchtlinge, das müsste ihm doch liegen.“

Dass es Ähnliches künftig vielleicht gar nicht mehr geben wird, sei finanziell begründet: „Das neue Programm ist kein Sparprogramm, aber wir werden auf Stücke mit so vielen Mitwirkenden verzichten müssen“, sagte Günter Rhomberg, der Vorsitzende des Stiftungsvorstands. Bevor’s nach dem bisschen Polemik um den Spielplan ging, nannte der kaufmännische Geschäftsführer Alexander Götz noch erfreuliche Zahlen: Die Gesamtbesucherauslastung der Josefstadt und der Kammerspiele liegt derzeit bei 89 Prozent, womit die laufende die bis dato beste Saison sei, die ökonomische Auslastung liegt bei 70 Prozent, die Eigenfinanzierung bei 40.

Was die Premieren betrifft, so setzt das Theater in der Josefstadt auch weiterhin auf die Pflege heimischer Literaten und Dramatiker, man ist gewillt wie bisher Flagge zu zeigen und strikt für Humanismus und Empathie einzutreten. Das macht sich auch im Spielplanheft bemerkbar, für das Peter Turrini und Silke Hassler diesmal Sprüche wie „Hier arbeiten einige links-Linke. Im Parlament sitzen etliche rechts-Rechte“, „Der allerneueste Klimawandel: Vom Mitgefühl zur Gleichgültigkeit“ oder „Demokrat ist noch kein Schimpfwort“ beigesteuert haben.

Die Reise der Verlorenen: Ensemble. Bild: Sepp Gallauer

Matthias Asboth, Herbert Föttinger, Günter Rhomberg und Alexander Götz. Bild: Herwig Prammer

Die Premieren – Theater in der Josefstadt

Die Strudlhofstiege am 5. September: Die Uraufführung des großen österreichischen Romans von Heimito von Doderer stellt die Fortsetzung des Österreich-Schwerpunkts dar. Doderer siedelt seinen Roman knapp vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und bald nach dessen Ende an. Föttinger: „In seiner Bühnenbearbeitung dehnt Nicolaus Hagg die Geschehnisse bis 1945 aus, und zeigt eine Zwischenkriegszeit, in der eine Apathie, der Rückzug aus dem Politischen gewisser gesellschaftlicher Kreise anderen Kräften Raum gab, um an die Macht zu kommen. Das hat etwas sehr Zeitgenössisches, wenn man die jetzige Opposition betrachtet.“ Es inszeniert Janusz Kica, das vom Burgtheater ans Haus kommende neue Ensemblemitglied Martin Vischer ist als René Stangeler zu sehen.

Einen Jux will er sich machen am 10. Oktober: Stephan Müller, der derzeit mit „Der Besuch der alten Dame“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30004) einen großen Erfolg feiert, inszeniert, die Couplettexte werden vom österreichischen Autor Thomas Arzt neu geschrieben, der einen Blick auf das Schicksal der „Handlungsdiener des 21. Jahrhunderts“ und deren 12 Stunden-Arbeitstage werfen wird. Es spielen die Neuzugänge Robert Joseph Bartl und Julian Valerio Rehrl.

Rosmersholm am 7. November: Ulf Stengls Überschreibung von Henrik Ibsens Stück zeigt hochaktuell den politischen „Kampf“ und wie Wut und Verbissenheit politischer Kontrahenten in einer Katastrophe münden können. Wo es bei Ibsen noch ein Vorstoß demokratischer Ideen auf ein konservatives Werteverständnis ist, wird bei Regisseur Elmar Goerden der Angriff von einer populistischen, antidemokratischen Bewegung ausgehen, die die Grundwerte einer liberalen, offenen Gesellschaft erschüttern will. Herbert Föttinger ist in der Uraufführung als Johannes Rosmer zu sehen.

Der Kirschgarten am 5. Dezember: Für die renommierte Theater- und Opernregisseurin Amélie Niermeyer wird Tschechows letzte Tragikomödie die erste Inszenierung am Theater in der Josefstadt sein, und man hofft, so Föttinger, auf weitere Zusammenarbeit. Sona MacDonald spielt die Gutsbesitzerin Ranjewskaja, Raphael von Bargen den Unternehmer Lopachin. Otto Schenk wird die Rolle des Firs übernehmen. Föttinger: „Ich bete zu Gott, dass es ihm gut geht. Es wäre sehr schön, wenn wir seinen 90. Geburtstag mit dieser Rolle feiern könnten.“

Zwischenspiel am 30. Jänner: Schnitzler ist für die Josefstadt traditionell ein Fixstarter. Der vom Burgtheater zurückkehrende Peter Wittenberg inszeniert das Ehedrama, Maria Köstlinger und Bernhard Schir spielen.

Geheimnis einer Unbekannten am 12. März: In seiner berühmten Novelle „Brief einer Unbekannten“ zeichnet Stefan Zweig mit viel Fingerspitzengefühl die Psychologie einer Frau, die ihr Leben lang im Verborgenen geliebt hat. Oscarpreisträger Christopher Hampton wird diese Meistererzählung für die Bühne bearbeiten und auch für die Regie verantwortlich sein. Es wird – nach der Uraufführung seiner Bühnenrealisierung von „Eine dunkle Begierde“ – seine zweite Regiearbeit im Theater in der Josefstadt sein, die mit Martina Ebm und Michael Dangl besetzt ist. Die deutschsprachige Übersetzung der Uraufführung besorgt Daniel Kehlmann.

Das Konzert am 2. April: Hermann Bahrs Komödie ist ein österreichischer Dauerbrenner, der das Publikum seit fast hundert Jahren begeistert. Es inszeniert Janusz Kica, Herbert Föttinger und Sandra Cervik sind als Ehepaar Heink zu erleben.

Ein Fest für Boris am 28. Mai: Bernhard und Peymann – eine künstlerische Verbindung, die Theatergeschichte geschrieben hat, findet in der Josefstadt ihre Fortsetzung. Dass der Regisseur, der das Haus in seiner Wiener Zeit „das Schlaf- und Schnarchtheater der Stadt“ nannte, nun ebendort das Stück inszeniert, das er 1970 am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt hat, freut Föttinger besonders. Föttinger über den zuletzt während seiner Akademietheater-Inszenierung von „Die Stühle“ erkrankten Ex-Burg-Chef: „Ich freue mich sehr, dass er bei uns ist. Ich glaube, es geht ihm schon besser.“ „Die Gute“ wird Ulli Maier spielen.

Die Migrantigen – der Film: Faris Rahoma und Aleksandar Petrović als Benny und Marko. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Der Besuch der alten Dame: Andrea Jonasson und Michael König. Bild: Herwig Prammer

Die Premieren – Kammerspiele

Die Migrantigen am 7. September: Eine Wiener Migrationskomödie hat Herbert Föttinger zum Saisonauftakt in den Kammerspielen in Auftrag gegeben. Arman T. Riahis charmanter Film „Die Migrantigen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25292) stand Pate für dieses neue Theaterstück, das der Filmemacher gemeinsam mit seinen Hauptdarstellern Aleksandar Petrović und Faris Rahoma verfasst hat. Sarantos Georgios Zervoulakos wird die Uraufführung inszenieren, und nach dem Motto „No Blackfacing“ ein Schauspielerteam der zweiten und dritten Migrantengeneration, Luka Vlatković als Benny, Özaydin Akbaba als Oktay, die Bühne erobern, um mit Vorurteilen und Klischees aufräumen. Neuzugang Jakob Elsenwenger spielt den Marko.

Der Vorname am 3. Oktober: Folke Braband wird die Sitzkissenschlacht der überwunden geglaubten Beschränkungen und Beschränktheiten der französischen Autoren Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière inszenieren. Hochkomödiantisch streiten werden sich das neue Ensemblemitglied Michaela Klamminger, die Grazerin kommt vom Staatstheater Kassel nach Wien, Susa Meyer, Marcus Bluhm, Michael Dangl und Oliver Rosskopf.

Mord im Orientexpress am 21. November: Kein Geringerer als Ken Ludwig, Autor von „Othello darf nicht platzen“, hat Agatha Christies Meisterwerk für die Bühne dramatisiert und es geschafft, zusätzlich zur typischen Whodunit-Atmosphäre noch eine gewaltige Portion Humor zuzufügen.Werner Sobotka bringt die deutschsprachige Erstaufführung dieses Krimiklassikers auf die Bühne, Siegfried Walther ermittelt als Hercule Poirot.

Engel der Dämmerung. Marlene Dietrich am 6. Februar: Nach ihren „Billie Holiday“ und „Lotte Lenya“-Abenden setzen Torsten Fischer, Herbert Schäfer und Sona MacDonald die Reihe mit ihrer Uraufführung über das Leben des „Blauen Engel“ fort. Für Föttinger „eine Trilogie, die sich ruhig zur Tetralogie und darüber hinaus erweitern kann.“

Der Sohn am 27. Februar: Der Eltern-Kind-Konflikt von Florian Zeller steht in der Tradition jener Stücke, die das Programm der „neuen“ Kammerspiele prägen sollen: gut gebaute Well-Made-Plays, die sich durch einen komplexen, zeitgemäßen Inhalt definieren. In der Inszenierung der österreichischen Erstaufführung von Stephanie Mohr wird Julian Valerio Rehrl in der Rolle des Nicolas sein Debüt in den Kammerspielen geben.

Gemeinsam ist Alzheimer schöner am 23. April: Peter Turrini schreibt ein neues Stück zur Uraufführung in den Kammerspielen und zeigt ein Paar, das zwar sein ganzes Leben miteinander verbracht hat, einander aber in ihrer Demenz neu kennenlernt . „Ich habe heute erst mit ihm telefoniert und Turrini versichert, dass es nicht nur eine Komödie wird. Er will zeigen, dass Alzheimer kein besonders schöner Krankheitszustand ist – man merkt’s nur selber nicht mehr“, so Föttinger, der mit den Worten schloss: „Da Turrini ja von einem neuen politischen Fieber gepackt ist, wird es bestimmt auch ein gesellschaftskritischer Text werden.“

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15. 5. 2019