Jörg-Uwe Albig: Zornfried

April 22, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Navi warnt vor Neonazis

Dieser Spessart gefällt Jan Brock gar nicht. Er hatte mehr an Wirtshaus, Spukschloss, Hänsel und Gretel gedacht, nicht an diese Eintönigkeit in Reih und Glied stehender Bäume, durch die er nun mit seinem klapprigen Peugeot fährt. Dass ihm das Navi angesichts eines Astes, den ein Sturm auf die Straße geschleudert hat, „Drehen Sie, wenn möglich, um“ empfiehlt, ist ein schöner Gag, allerdings keine Option. Denn der Journalist, der fürs Feuilleton der Frankfurter Nachrichten schreibt, ist unterwegs nach „Zornfried“. So der Titel des hochaktuellen, so amüsanten wie aufdeckerischen Romans von Jörg-Uwe Albig.

Der Name muss einem erst einmal einfallen – Zornfried, ehemals eine Ordensburg der Nationalsozialisten, nun Hort der Neuen Rechten, wo sich deren Vordenker versammeln. Unter ihnen Brocks obskures Subjekt der Begierde, der dunkle Ritter der neuen Intelligenz, von der Außenwelt durch den Burgherrn Hartmut Freiherr von Schierling schützend abgeschirmt, der Dichter Storm Linné, über den Ich-Erzähler Brock eine mit Interviews unterfütterte Reportage zu schreiben gedenkt. Aufmerksam geworden ist der Pressemann auf das Phänomen, als eine Handvoll von dessen Jüngern eine linksintellektuelle Diskussionsveranstaltung störten.

Ausgerechnet eine, die sich Aufgeschlossenheit gegenüber Andersdenkenden auf die Fahnen geheftet hat, in der über „die Grenzen des Sagbaren“ und das Vermeiden von „Denkverboten“ philosophiert wird, wogegen der Storm-Trupp ein Linné-Zitat an die Wand sprüht. Beim Sparta-Verlag ist der dazugehörige Lyrikband schnell bestellt, ein Brock’scher Verriss folgt, gefolgt von Hasspostings, signiert mit Namen wie waldgaenger510 oder freyschaerler, gefolgt von einer Einladung Schierlings zum „zwanglosen Gedankenaustausch“.

Vor jedes Kapitel seines Buches stellt Albig ein Linné-Gedicht. „Schwertleite“ heißt eines: „Wachsam sind wir. An dunklen horizonten / Versammelt sich schon längst das fahle heer / Die krummen sicheln scheel gebeugter triebe / Verschorfter blätter büschel hinterm meer / Erwarten unsren schlaf. Doch wenn sie nahen / Dann schießt aus tiefer wurzel auf das schwert / Und schlägt herab die schlingende geile ranke / Und hackt die mispel fort die volkes saft begehrt.“ „Rattenkönig“ ein anderes, „das mich minutenlang husten ließ“, und ein Schelm, wer bei diesem schwülstig überspannten Blut- und Bodenpathos an gestrige Ostergrüße denkt. Man glaubt Albig aufs Wort, dass ihm das Reimen dieser völkischen Verse einen Riesenspaß gemacht hat, es ist beim Lesen auch gut Lachen, doch steckt in jeder dieser Oden ein beklemmender Rest, der über die Persiflage hinausgeht.

„Zornfried“ ist mehr als nur ein gelungene satirische Stimmimitation neonazistischer Bewegungen der Gegenwart, Staatsverweigerer und Identitärer und Wehrsportgruppen, der Roman ist auch eine messerscharfe Analyse des (social) medialen Umgangs mit diesen gesellschaftlichen Hervorbringungen. Ab wann macht man sich mit den Gemeinen gemein? Albig hinterfragt mit seiner elegant-pointierten, den Finger in die Wunden legenden Prosa sowohl den sensationsfreudigen Eifer in der Berichterstattung als auch den Sinn von den Dialog fordernder Toleranz im Windschatten liberaler Werte. „Man dürfe diesen versprengten Spinnern keine Bühne bieten“, meint etwa Brocks Feuilletonchef. „Wir können diese Leute nicht mehr ungeschehen machen“, so die durch keinerlei Distanz zu Rechts irritierte Kollegin vom Konkurrenzblatt, die sich ebenfalls auf Zornfried aufhält. „Unterstellungen, sagte sie dann, treiben sie nur noch tiefer in ihre Burg. Und alle Unentschlossenen gleich mit.“

Bild: pixabay.com

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Brock selbst gerät schließlich in Gefahr vom teilnehmenden Beobachter zum beobachtenden Teilnehmer zu werden. Sein Maß der Dinge ist, wie er sagt, brisante Entwicklungen im Keimstadium zu erkennen, um als erster etwas über sie zu Papier zu bringen. Mit dem Preis, samt ihnen mitunter vom Wege abzudriften. „Dass ich allmählich anfing, mich in Schierlings Redestrom treiben zu lassen, war, wie ich mir einredete, vielleicht schon das Eintauchen, das ich mir vorgenommen hatte“, denkt er so befangen wie gefangen: „Ich hörte mir Schierlings Reden an und spürte weniger Abscheu als Stolz.“ Brock, stellt der Leser fest, registriert mehr als er reflektiert, der Reporter erweist sich als Durchschnittstyp, als mittelmäßiger Held, nicht als kämpferischer Publizist.

Es ist die große Kunst Albigs Anspielungen an die Wirklichkeit immer nur anzutippen und nie auszuformulieren. Albig betreibt dies Handwerk mit komödiantischer Ernsthaftigkeit. Wunderbar, wie er den so gar nicht – wie erhofft – dämonischen, rechtskonservative Kalendersprüche klopfenden Schierling in dessen Opferhaltung porträtiert, wenn er im Gespräch gequält zur Balkendecke starrt, weil über ihm schon wieder „die Nazikeule“ geschwungen wird. Großartig, wie er mit allen nur erdenklichen Klischees und Milieus spielt, etwa Brocks Beschreibung vom Provinzgasthof, in dem er sich einmietet: „Schon auf der Treppe schlug mir der übliche deutsche Mief entgegen: Kohlrabi, WC-Ente, Meldezettel. Der Teppichboden roch wahrhaftig nach Schäferhund“, wie er zwischen kleinkariert und kleingeistig das Deutschtum aufs Korn nimmt.

Und weil nichts deutscher ist, als der Wald, preist Schierling seinen starken, germanischen Buchenforst: „Ich will hier keinen kommunistischen Fichtenstaat, sagte er und hob die Stimme an. Ich will eine Gemeinschaft aus herrschenden und dienenden Bäumen“, während Brock an parasitären Pilzen krankende Geschöpfe sieht, „erstickt von Zwangsjacken aus phosphoreszierendem Moos“. Solche Sinnbilder sind typisch Jörg-Uwe Albig, seine Waldmetaphern durchziehen den Text. Dem Burgherrn beigesellt der Autor ein Panoptikum an Figuren. So wie dieser mit zwei, drei Strichen beschrieben ist, „Seine Brauen waren dünn; sie umkrallten die Augäpfel, als trüge er Monokel“, so knapp zeichnet Albig dessen Frau, die „aus nichts als Sehnen und Bändern zu bestehen“ scheint, „wie diese Plastinate aus Ausstellungen wie ,Körperträume‘“, und die Kinderschar, alles Mädchen, mit „Folienhaut und Wattehaar“ gleich unheimlichen Puppen.

Bild: pixabay.com

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Zu den sprechenden Namen Storm Linné – siehe Lyriker Theodor und Naturforscher Carl – und Schierlings Frigga, Walburga und Malmhild kommen ein sinistrer Sekretär, ein hinterlistiger Hausarzt und ein böswilliger Filmemacher, alle sind sie blond und zitieren pausenlos Linné, das Phantom, den „Großen Leidenden, der blute für seine Vision“, oder sinnieren über ihre wachsende Bedeutung in Europa von Ungarn über Kroatien bis Italien. „In Frankreich sei er bereits ein Schreckgespenst, sagte Schierling mit dem Blick eines Jungen, den man bei einem Streich ertappt hat, auf den er stolz ist … wer sein Land liebe, müsse die Welt kennen. Und dann erobern, fragte ich. Wenn sie so wollen, antwortete Schierling sichtlich geschmeichelt, was mich irritierte.“

Unversehens taucht auch eine Wehrsportgruppe auf, bleiche Computernerds mit über die Gürtel quellenden Speckwülsten, schwächliche Jünglinge und aufsässig dreinblickende Glatzenträger, auf ihren schwarzen T-Shirts ein gelbes W für „Wir, Wachstum, Waffen, Wölfe, Widerstand. Oder Waldgänger. Suchen Sie sich was aus“, erklärt der Sekretär, die rund um die Burg „Grenzkontrollen“ durchführen. Was, von Brock als Appetizer auf seine Story hochgeladen, von Youtubern, wie lucy_fer oder lichtkrieger88 mit „Jetzt können die antifanten sich warm anziehen“ und „Leider geil wo kann man mitmachen“ kommentiert wird. Allerdings ruft das Brock-Video auch eine Demonstration gegen Rechts auf den Plan, und es ist eine der stärksten Szenen des Buchs, wie die Herrschaften im Turm Sekt süffeln und dabei das traurige Trüppchen im Burghof belustigt von oben herab betrachten.

Der kultisch verehrte Linné hat weit in der zweiten Hälfte des Romans zwei Kurzauftritte, und er ist zumindest äußerlich keineswegs der „arische“ Charismatiker, den seine Anhänger in ihm sehen, auch wird mit ihm etwas geschehen, dass Brocks Artikel obsolet macht. Davor aber wimmelt sich während eines Festes ein Anzugträger an Brock heran, um diesen mit seiner Linné-Rezension zu konfrontieren. „Wissen Sie überhaupt noch, was Sie da geschrieben haben“, fragt er und singt zu Brocks Unbehagen ein Loblied auf jede Zeile der Literaturkritik, die ihn überhaupt erst auf den Gedichtband aufmerksam gemacht hätte. Dieses „Gutmenschen“-Dilemma ist der Kern, um den Jörg-Uwe Albigs famos furiose Geschichte kreist. Wie der Anzugträger ausführt: „Wenn ihr gegen etwas geifert, sagte er und blinzelte wieder, dann weiß man, dass die Sache sich lohnt.“

Über den Autor: Jörg-Uwe Albig, geboren 1960 in Bremen, studierte Kunst und Musik in Kassel, war Redakteur beim Stern und lebte zwei Jahre als Korrespondent einer deutschen Kunstzeitschrift in Paris. Seit 1993 arbeitet er als freier Autor in Berlin. Er schreibt unter anderem für GEO und das SZ Magazin. 1999 wurde sein Romandebüt „Velo“ veröffentlicht. Es folgten die Romane „Land voller Liebe“, „Berlin Palace“  und „Ueberdog“ sowie die Novelle „Eine Liebe in der Steppe“ und zuletzt der Roman „Zornfried“.

Klett-Cotta, Jörg-Uwe Albig: „Zornfried“, Roman, 159 Seiten.

www.klett-cotta.de

22. 4. 2019