Die Erscheinung

März 15, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Welche Wahrheiten braucht ein Wunder?

Ein Wunder oder doch Geschäftemacherei? Die 18-jährige Novizin Anna wird umringt von Gläubigen: Galatéa Bellugi. Bild: © Filmladen Filmverleih

Dass Regisseur Xavier Giannoli ihm das Drehbuch auf den Leib geschrieben hat, macht sich ab der ersten Szene bemerkbar. Frankreichs Leinwandstar Vincent Lindon schlüpft nicht nur in die Rolle des schwer traumatisierten Kriegsberichterstatters Jacques Mayano, er hat sich diesen Charakter anverwandelt. Zu Beginn von Giannolis aktuellem Film „Die Erscheinung“, ab 15. März in den heimischen Kinos, sieht man ihn in einem syrischen Hotelzimmer.

Sein bester Freund, ein Fotograf, ist gerade während der Arbeiten zu einer Reportage erschossen worden, und Mayano putzt mit einem Handtuch das blutbefleckte Objektiv von dessen Kamera. Später, zurück in Paris, wird er zum Schrecken seiner Frau, die Fenster mit Kartons verrammeln. Ohne, dass diese seelischen Wunden vernarbt wären, setzt ihn das Schicksal auf die Fährte eines angeblichen Wunders. Der Anruf kommt vom Vatikan höchstselbst, wo man wünscht, der absolut integere, für seine messerscharfen Analysen bekannte Journalist möge in einem Provinzkaff den Fall einer jungen Frau namens Anna untersuchen, die von so aufsehenerregenden Marienerscheinungen berichte, dass die Ströme der Katholiken die Kleinstadt mittlerweile regelrecht überfluten. Diesem Mysterium soll Jacques als Teil einer kanonischen Untersuchungskommission aus Geistlichen, Historikern und Psychiatern auf den Grund gehen. Und tatsächlich, als er ankommt, wird er von einem Pilgerbus beinahe überfahren und gerät in einen Jahrmarkt von nach Erlösung suchenden Menschenmassen.

Die Kamera von Eric Gautier schwebt über diesen Beladenen, die andächtig zu einer Marienstatue aufsehen, und selten wurde eifrige Entrückung in der Mimik so eindrücklich festgehalten, wurde die Kraft eines Wallfahrtsorts auf so elegische Weise im Bild gebannt. Dann aber schwenkt er frech über Heilige Jungfrauen en miniature – in Schneekugeln. Und während unter den Begutachtern die Horrorfilmworte „Exorzismus“ und „Satans Werk“ fallen, fragt sich der Betrachter, wie lukrativ die Geschäftemacherei mit den Devotionalien wohl ist. Ein Zynismus, der am Drama abprallen muss. Denn Xavier Giannoli zeigt große Achtung vor dem Glauben und den Gläubigen.

Skeptisch liest Journalist Jacques Mayano die Vatikan-Akte über die Marienerscheinungen: Vincent Lindon. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Die Erscheinung“ ist keine reißerische Abrechnung mit der Religion, sondern ein leiser, unaufgeregter Film, ohne Voreingenommenheit und ohne Dogmatismus, weder anmaßend noch arrogant, Giannoli auf Augenhöhe mit dem Thema, stets Beobachter, nie Beurteiler. Doch, wer Subtext lesen will, der kann. Wenn Giannoli die Schuld der Nonnen zeigt, deren täglich Brot das Befüllen von Decken mit Gänsedaunen ist – denn diese stammen immer aus tierquälerischem Lebendrupf.

Wenn Bischof und Pater einen kirchenpolitischen Autoritätsstreit austragen, der der Sache in keiner Weise dient, andererseits, wenn im improvisierten, riesigen Gebetszelt ein „Flüchtlinge willkommen“-Transparent weht und Annas Beschützer Père Borrodine, dargestellt von Patrick d’Assumçao, eine Predigt gegen „die Globalisierung der Gleichgültigkeit“ hält. Wieder andererseits, wenn Anatole Taubman als deutscher Priester Anton bereits die weltweite Vermarktung des Phänomens Anna samt Fernsehübertragungen bis in die USA plant. Inmitten dieser entlarvenden Sequenzen über Vermögen und Unvermögen der Kirche, tut Giannoli den Teufel, das Geheimnis um Annas Visionen zu lüften.

Das gelingt, durch das wunderbare Nachwuchstalent Galatéa Bellugi, deren Darstellung des süßen Leidens eine Auserwählte zu sein, an Jennifer Jones als Franz Werfels Bernadette erinnert. Bellugis stille Präsenz trägt den Film ebenso wie Lindon mit seinem vom Leben zerknautschten Gauloises-Gesicht und seinem zwischen Zorn und Resignation changierenden Spiel. Alles an Bellugis Anna ist intensiv, scheu, aufrichtig, immer wieder zeigt die Kamera ihr Gesicht in Großaufnahme, und da ist die Einsamkeit und die Niedergedrücktheit dieses von der Menge bedrängten Mädchens beinah mit Händen zu greifen.

Rund um Lindons Journalisten Mayano entwickelt sich ein kompliziertes Verweisspiel. Denn Anna, vom Heim- zum Pflegekind zur Novizin geworden, wird ihm rätselhafter, je mehr er über sie recherchiert. Zwar ist auch er fasziniert von der streng gläubigen Anna, doch zugleich stößt er auf Ungereimtheiten, lose Enden im Lebenslauf, die ein Indiz dafür sein könnten, dass sie Teil einer mächtigen Manipulationsmaschine ist. Indes, je mehr er aufdeckt, umso weniger scheint die Kommission an diesen Zusammenhängen interessiert. Mayano steigt hinab in eine brutale Welt aus Erziehern, Pflegefamilien, ehemaligen Mitinsassen in den Kinderheimen. Und siehe: Die ganze Angelegenheit scheint mehr mit ihm zu tun zu haben, als es ihm zur Wahrung seiner kritischen Distanz recht sein kann. Denn umarmt von Anna macht er eine spirituelle, eine heilende Erfahrung, die er für sich nicht für möglich gehalten hätte …

Doch Anna wird auch Jacques berühren und ihm zu einer spirituellen, heilenden Erfahrung verhelfen: Vincent Lindon und Galatéa Bellugi. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Die Erscheinung“ einen raffinierten Thriller zu nennen, ist nicht verkehrt. Giannoli hat mit französischer Eleganz und psychologischer Präzision inszeniert, und sich nicht der Eitelkeit ergeben, Wahrheiten hinter dem Wunder zu suchen oder das Mysterium bis zum letzten Buchstaben durchzudeklinieren. Dies neben den brillanten Schauspielern die größte Stärke dieses Films, der noch dazu mit Arvo Pärts betörender Musik zu punkten vermag.

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15. 3. 2019