Kosmos Theater: SHE HE ME

März 2, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein verpixeltes Gesicht bedeutet Gefahr

Platons Kugelmenschen, bevor Gott Zeus sie in zwei Hälften schnitt: Josef Mohamed, Alev Irmak und Sandra Selimovic. Bild: a.c.schiffleitner

Amahl Khouri beginnt bei den Kugelmenschen. Der Philosoph Platon legte den Mythos in seinem Dialog „Symposion“ einst dem Komödiendichter Aristophanes in den Mund, die Geschichte von den glücklichen drei Geschlechtern, männlich, weiblich, androgyn – deren Stärke Zeus zu fürchten begann, weshalb er sie in zwei Hälften zerschnitt. Seither, sagt die antike Legende, irren die Erdenkinder auf ebendieser herum, auf der Suche nach ihrer verlorenen Ganzheit …

„SHE HE ME“ heißt dieser Text, den Amahl Khouri, ein*e jordanische*r Autor*in und Theatermacher*in, schon als szenische Lesung an den Münchner Kammerspielen präsentierte; nun hat Regisseur Paul Spittler im Kosmos Theater kongenial die Uraufführung inszeniert. Über Jahre hinweg hat Khouri Gespräche mit Trans-, Inter- und Homosexuellen im arabischen Raum geführt, das Destillat daraus sind drei Figuren, Trans*mann, Trans*frau und eine non-binäre Person, Randa, Rok und Omar, dargestellt von Alev Irmak, Sandra Selimovic und Josef Mohamed. Und siehe, was in dieser erklärenden Einleitung nach bierernstem Proseminar in Sachen Genderproblematik klingt, entpuppt sich auf der Spielfläche als das genaue Gegenteil.

Rok erzählt der Mutter, dass sie als Mann leben möchte: Sandra Selimovic und Alev Irmak. Bild: a.c.schiffleitner

Omar wurde wieder einmal gedemütigt und geschlagen: Josef Mohamed. Bild: a.c.schiffleitner

Amahl Khouri hat mit diesem semidokumentarischen Stück eines geschrieben, das erschüttern und erheitern kann, die Sogwirkung des sprachmächtigen Skripts noch verstärkt durch das grandios intensive Schauspiel, das Komik und Tragik wunderbar in der Waage zu halten weiß. Khouris Kunst zwischen Witz und Wahnwitz der Situationen zu wechseln, verstehen der auch fürs Bühnenbild verantwortliche Paul Spittler und Modemacher Mael Blau optisch gekonnt umzusetzen. Mit Plüschtierberg und archaisch anmutenden Kostümen, diese allerdings in metallischen Pastellfarben. Derart changiert die Aufführung zwischen Körperperformance, Choreografie: Jasmin Avissar, Schattenspiel und den Videosequenzen von Oliver Stotz, zwischen Mutters theatralischen Brustschlägen, kuschelig-rosa Barbapapa und von Josef Mohamed frech verwendeten „Gay-Gesten“.

Zwischen Codes und Konnotationen und unverschämten Fragen zum Geschlecht – häufigst gestellte die, was man denn jetzt „da unten“ tatsächlich hätte. Denn während eine*r die Geschichte eines Charakters erzählt, schlüpfen die anderen beiden in die Rollen von Eltern, Brüdern, Polizisten, Imamen. Alev Irmak ist die algerisch-stämmige Randa, die vom Mann zur Frau werden will. Randa muss Hals über Kopf fliehen, Frau und Sohn zurücklassen, landet in einem libanesischen Männergefängnis, wird daraus befreit, kommt nach Wien, wo sie erstmals ganz als Frau in die Öffentlichkeit geht, und lebt nun in Schweden als politische Aktivistin – die erste Transsexuelle in einem dortigen Stadtrat. Was ihren Sohn betrifft, hofft sie, ihn vielleicht als „Witwe des verstorbenen Vaters“ eines Tages wiederzusehen.

Als Randa beschreibt Alev Irmak die beklemmende Begebenheit, wie sie es in der Inhaftierung, ständig sexuell bedrängt von den Mitinsassen, ohne Kopfbedeckung nicht wagt zu beten – bis ihr ausgerechnet Schwestern vom Orden der Mutter Teresa ein Tuch bringen. Als Roks Mutter wiederum liefert sie Stoff für die humorvollsten Szenen des Abends. Sandra Selimovic spielt den aus dem Libanon kommenden Rok, der seiner Familie zu versichern versucht, dass er sich als Mann fühlt. Ein Schritt, der erst gelingt, nachdem Rok zum Vater nach New Jersey auswandert. Als er die Mutter nachholt, gibt sie sein Geschlecht auf und sich Netflix hin.

Während Rok es ablehnt, sich zu verhüllen …: Sandra Selimovic und Josef Mohamed. Bild: a.c.schiffleitner

… ist Randa erleichtert, als sie im Gefängnis endlich ein Kopftuch erhält: Alev Irmak mit Josef Mohamed und Sandra Selimovic. Bild: a.c.schiffleitner

Neben Diskriminierungen und Drohungen, Schmach und Schande, befasst sich „SHE HE ME“ unter anderem auch mit dem schwulen Sexismus, mit der permanenten Selbstdisziplin Betroffener, mit dem Normierungsdruck. Das Bühnen-Trio wirft sich gleich übermütigen Kindern ins Teddybär-Gewimmel und rennt verzweifelt gegen die Wände an. Doch mehr Frei-Raum gibt es für sie nicht. Josef Mohamed sagt als schwuler Omar, sein Bruder würde ihn an der mentalen Hundeleine Gassi führen. Als jordanischer Ministersohn ist Mohamed entzückend.

So schön, wie der ägyptische Gesangsstar Oum Kulthoum will er sein, vor Klassenkameraden führt er exaltierte Fashionshows auf – und wird deshalb verprügelt. Nicht nur unter den Angehörigen stößt er auf Ablehnung bis hin zur Morddrohung, auch die Flucht in die homosexuelle Szene ermöglicht ihm kein Ausleben seines Selbstbildes, weil dort ebenfalls Erwartungen punkto Geschlechterrollen an ihn herangetragen werden. Was „SHE HE ME“ in diesen Momenten deutlich macht, ist, dass das Wesen eines Menschen ohnedies nur außerhalb seiner Biologie erfahrbar ist.

Am Ende folgt eine utopische Geburt, die Frage an die/den Doktor*in: „Was ist es denn?“ und die Antwort: „Da müssen wir warten, bis es sprechen und es uns mitteilen kann.“ Am Ende sieht man auf den Leinwänden die wirklichen Randa, Rok und Omar – eine Frau mit rotgetöntem Bob im Auto, einen Mann mit feschem Drei-Tage-Bart und fester Freundin, ein Gesicht verpixelt. Das macht unsagbar betroffen, weil man nachvollziehen kann, was das für Omars Leben bedeutet. Nämlich: Gefahr.

www.kosmostheater.at

  1. 3. 2019