Werk X: Harald Posch im Gespräch über „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“

Februar 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Hetz-Maschinen gibt es in Österreich derzeit drei“

Die Boulevardpresse bedrängt Katharina Blum: Daniel Wagner, Peter Pertusini, Jennifer Frank, Sören Kneidl und Wiltrud Schreiner. Bild: © Alexander Gotter

Im Werk X stellt Harald Posch, gemeinsam mit Ali M. Abdullah künstlerischer Leiter des Hauses, Heinrich Bölls 1974 erschienene Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf die Bühne. Der Text beschreibt, wie eine bisher unbescholtene Frau wegen eines One-Night-Stands mit einem mutmaßlichen Straftäter Opfer der menschenverachtenden Berichterstattung der Boulvardpresse wird – bis sie schließlich tatsächlich eine Wahnsinnstat begeht.

Poschs Inszenierung dieses „Pamphlets“, wie der Autor selbst es nannte, soll beleuchten, wie Sensationsjournalismus wirkt und wie die Wahrheit in der „Post-Truth“-Ära immer wieder unter die Räder gerät – auch, weil sie weder in den Medien noch in der Politik ernsthafte Verteidiger mehr hat. Es spielen Daniel Wagner, Peter Pertusini, Jennifer Frank, Sören Kneidl und Wiltrud Schreiner. Premiere ist am 21. Februar. Harald Posch im Gespräch:

MM: Die Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ hat einen zweiten Titel, der lautet „Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann“. Was hat Sie jetzt angesprochen, auf diesen Text zurückzugreifen?

Harald Posch: Böll beschreibt eine mediale Hysterisierung, einen Übergriff durch Boulevardmedien. Er macht das aufgrund eines Einzelschicksals, aber im Prinzip stand auch damals in den 1970er-Jahren, zu Beginn der RAF-Zeit in Deutschland, klare Meinungsmache dahinter, die politische Ziele verfolgt hat. Diesbezüglich ist die Parallele zur Gegenwart sofort da, nämlich so etwas wie eine gesellschaftliche Außenfeindbestimmung. So wie damals die Linke dazu benutzt wurde, viel mehr daraus zu machen, als tatsächlich da war, wird das heute – Stichwort Migrationsdebatte – gemacht. Und der Boulevard setzt sich da natürlich genüsslich drauf, um die Diskussion am Dampfen zu halten und voran zu treiben. Und in diesem Vakuum lässt sich gut Politik machen, da spaltet man die Gesellschaft schön und trifft im Hintergrund politische Entscheidungen, die damit überhaupt nichts zu tun haben. Das hat mich an der „Katharina Blum“ sehr interessiert.

MM: Böll selbst ist sehr angegriffen worden, weil er einen Essay über Ulrike Meinhof geschrieben hat. Man hat ihm Sympathien für die RAF unterstellt. Die Zeitung, gegen die er sich gewandt hat, gibt es immer noch. Kann man gegen Medien überhaupt etwas bewirken?

Posch: Der Springer-Verlag, den er im Speziellen aufs Korn genommen hat, ist nach wie vor sehr mächtig, auch hierzulande. Aber das war ja einer der Gründe, warum Böll die „Katharina Blum“ geschrieben hat, damit er an die Öffentlichkeit gehen kann, der „Krieg“ ist dadurch ja sehr intensiv geworden. Böll war sehr erfolgreich, hat sechs Millionen Exemplare verkauft, worauf der Springer-Verlag in den eigenen Zeitungen die Bestseller-Listen nicht mehr veröffentlicht hat, da ist also viel in Bewegung geraten. Aber natürlich ist die Macht des Boulevards ungebrochen, und man weiß das auch. Der letzte, der versucht hat, dagegen oder nicht ganz im Einklang mit ihm zu marschieren, war der vergangene österreichische Bundeskanzler, der mit seinem Amt dafür gebüßt hat.

MM: Wobei man hierzulande das Gefühl hat, dass sich der Boulevard in zwei politische Lager spaltet: für Türkis-Blau und dagegen.

Posch: Das wäre fast etwas, das zu wünschen wäre, aber Boulevard arbeitet immer opportun, mit Sensationsjournalismus, mit Unwahrheiten, mit aufgeblasenen Nebensächlichkeiten vor allem, mit Gewaltdarstellung und Sexismus. Wenn dagegen was tun, dann so wie Katharina Blum auf die exakte Bedeutung jedes einzelnen Wortes Wert legen. Sie streitet in der Einvernahme mit der Polizei darüber, ob jemand zudringlich oder zärtlich wurde, weil Zudringlichkeit etwas nicht Einvernehmliches ist, Zärtlichkeit schon, et cetera. Immer wieder beharrt sie darauf, dass etwas nicht ausdifferenziert dargestellt ist.

MM: Das heißt, sie beharrt auf Sprachgenauigkeit.

Posch: Auf Darstellungsgenauigkeit, auf Fakten. Nicht so, wie Herr Gudenus unlängst gepostet hat, Migranten schleppten die Krätze ein. Es ist so unfassbar, in jedem anderen europäischen Land wäre er rücktrittsreif, bei uns tritt nicht einmal jemand in die Nähe eines Rücktritts. Oder Herbert Kickl, der sich hält, weil er der Rechtsintellektuelle, der Stratege in der Partei ist. Ohne ihn wäre die FPÖ nicht halb so weit, wie sie heute ist.

MM: Um den Text zum Kern zu bringen: Katharina Blum hat einen One-Night-Stand. Sie nimmt einen Mann mit, der sich im Nachhinein als zwielichtig zeigt. Wie ist das genau?

Posch: Genau, sie lernt jemanden kennen, ist aber in Wahrheit eine sehr auf sich selbst bedachte, in sich gekehrte Frau. Am nächsten Morgen stürmt die Polizei ihre Wohnung, sie sagt, sie weiß nicht, wohin der Mann gegangen ist, und man eröffnet ihr, dass er staatspolizeilich gesucht wird, weil man ihm ein zunächst ein nicht näher benanntes Verbrechen anhängt, und er sogar in Verdacht gerät, ein politisches Verbrechen geplant zu haben, Waffendiebstahl, Mord und so weiter. Alles im Rahmen der medial geschürten RAF-Hysterie. Blum wird einvernommen, man drängt sie immer mehr in die Ecke, weil man ihr nicht glaubt, dass sie den vorher wirklich nicht gekannt, mit ihm nichts Konspiratives aufgebaut hat, und plötzlich dringen die Informationen, die nur die Polizei haben sollte, an die Medien.

MM: Die was tun?

Posch: Die wiederum veröffentlichen, bauschen immer mehr Halbwahrheiten auf, skandalisieren sie als Person bis zum „Verbrecherflittchen“. Die Journalisten gehen zu Blums Mutter ins Krankenhaus, zu ihrem Arbeitgeber, holen sich von überall Informationen, alle in der Richtung, in die sie sie brauchen, veröffentlichen Fotos, wie man sie in der Früh abführt, wie man das klassisch kennt, bis sie so bedrängt wird, dass sie beschließt, den Journalisten, der die Geschehnisse hauptverantwortlich trägt, zu erschießen. Was sie auch tut, und das ist natürlich ein Skandal, weil Journalistenmord per se eine No-Go-Area und zu Recht ein totales Tabu ist. Da spielt Böll mit Moral auf zwei Seiten, deshalb ist der Untertitel „Wie Gewalt entsteht“ so wichtig. Aus Gewalt entsteht wieder Gewalt.

MM: Die Statistik besagt, 2018 sind 64 Journalisten und 13 Blogger ermordet worden.

Posch: Und diese Taten rücken in unmittelbare Nachbarschaft, siehe Slowakei, wo Ján Kuciak und seine Verlobte Martina Kušnírová erschossen wurden, den haben wir sogar im Stück drin, auch die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia …

MM: … Ján Kuciak, das muss man dazu sagen, der zuvor vom deswegen später zum Rücktritt gezwungenen Premierminister Robert Fico ob seiner Recherchen als „dreckige, antislowakische Prostituierte“ bezeichnet wurde.

Posch: Aufgrund seiner Korruptionsrecherchen und weil der der ganzen Regierung Mafia-Kontakte nachweisen konnte. Da ist, dass Fico gehen musste nicht viel, da hätte sich die ganze Regierung verabschieden müssen. Galizia war an den Panama Papers dran und hat Verbindungen zur maltesischen Regierung nachgewiesen. Das Interessante ist, ohne dass ich zu viel über die Premiere verraten möchte, dass alle diese Journalisten keine Boulevardjournalisten waren, sie standen alle nicht für eine rechte publizierende Seite. Das waren Aufklärungsjournalisten, seriöse Investigativjournalisten, und das ist unfassbar, das muss statistisch festgehalten werden.

MM: Sie nennen Ihre Inszenierung ein Stück aus der Post-Truth-Ära. Was meinen Sie damit?

Posch: Die Post-Truth-Ära ist angeblich erst mit Trump großgeworden, und bedeutet, dass die Politik medial bewusst mit der Unwahrheit arbeitet, um eine Gesellschaft restaurativ zurück zu entwickeln. Das hat viele reaktionäre Ausformungen, dazu kommen im Gegensatz zu Bölls Zeiten die sozialen Medien, und was da anvisiert passiert, siehe Cambridge Analytica, Bot-Armeen, ist kaum fassbar. So gesehen sollte, den Wahrheitsgehalt einer Meldung zu überprüfen, mittlerweile oberstes Gebot von jedermann und jederfrau sein, und wenn’s die letzte Facebook-Meldung ist, die man bekommt.

MM: Aber wie einfach ist das noch? Gerade von den sozialen Medien wird ja sehr richtig gesagt, dass sich jeder in seiner Blase bewegt. Wie kann ich da noch eine Meldung überprüfen?

Posch: Sucht man die Fake News, ist der Prozess sicher ein schwieriger. Wenn man aber jemand ist, der seriös informiert sein möchte, hat man doch die Möglichkeit, verschiedene Printmedien herzunehmen und zu schauen, kann das stimmen oder nicht. Man muss Quellen auf ihr Vertraulichkeit checken, wofür sich allerdings viele Leute leider die Zeit nicht nehmen.

MM: Das Phänomen ist älter als „Katharina Blum“. Hannah Arendt hat schon von den Wahrlügen gesprochen. Ist die einfache Botschaft tatsächlich immer die glaubhafte?

Posch: Ja, weil sie auch einfache Antworten oder Lösungen anbietet. Die Gesellschaft ist unglaublich komplex geworden, wir haben mit der Digitalisierung zu kämpfen, wir haben ökologisch zu kämpfen, haben mit einer wahnsinnigen Diversifizierung zu kämpfen. Das ist das Problem der linken Erzählung, dass es keine homogenen gesellschaftlichen Gruppen mehr gibt. Es gibt „die Arbeiterschaft“ nicht mehr – „das Volk“ hat es sowieso nie gegeben. Heute muss man jeden aus seiner individuellen Ecke abholen. Vieles wird den Leuten heute zu komplex, da greifen sie auf einfache Antworten zurück, und diese Vereinfachung ist natürlich politisch in jede Richtung brandgefährlich. Ein Thema, das wir auch in den Abend hineinschleifen ist, dass es am Ende gar keine Debatte um Links- und Rechtsschemata ist, was auch die Rechten gern ins Spiel bringen, indem sie die politische Mitte als links diffamieren, damit sie selber in die Mitte rutschen, doch das ist es nicht.

MM: Sondern?

Posch: Wir leben im Westen in einer neoliberalen Zeit. Dieser Neoliberalismus hat eine vollkommene Entgrenzung durchgesetzt, die keine sozialen Spielregeln in der Ökonomie mehr zulässt, was wahnsinnig viele Gruppen der Gesellschaft wirtschaftlich an den Rand gedrängt, eine neue Armut geschaffen hat, Menschen, die nicht mehr am Bildungs- oder am Gesundheitswesen partizipieren können. Und die werden nicht gehört, die haben keine politische Stimme. Und dann kommen die, die sagen: So wird’s funktionieren Leute, und denen wird geglaubt.

MM: Siehe der sogenannte Rust Belt in den USA, dessen Bewohner von den Ostküstenmedien immer nur als Hinterwäldler abgetan wurden, und der sehr stark Trump gewählt hat? Im Irrglauben, dass ein Superwirtschaftsboss ihre Stimmen vertreten wird?

Posch: Das ist das Schlimme an der Demagogie überhaupt, dass der Demagoge kein soziales Versprechen mehr abgibt. Er sagt, ich kann euch nicht versprechen, dass es euch besser gehen wird, wenn ihr mich wählt, dass wir dann genug für alle haben, aber wir werden dem anderen Hund den Knochen aus dem Maul reißen und wir werden ihn selbst fressen. Dass es dabei Kollateralschäden gibt, das wird immer sein, aber was da ist, das teilen wir uns unter einander, und die anderen bekommen nichts. Das ist so ein einfaches Bild, so schlüssig, und macht diesen großen Unterschied zwischen Demagogen und Demokraten, deshalb sind erstere nie, auch wenn sie sich nach dem National- das -Sozialistisch dazuschreiben, die Stimme des Volkes.

MM: Das Verbreiten von Fake News werfen heutzutage Politiker, die ihrerseits mit alternativen Fakten arbeiten, seriösen Medien vor. Warum funktioniert aus diesen Kreisen die Opferhaltung?

Posch: Weil die Leute, die sie vorgeben zu vertreten, tatsächlich Opfer sind. Nicht Opfer der seriösen Medien, sondern eben des neoliberalen Systems, das auf solche Leute pfeift, sie ausbeutet und wegschmeißt, wenn sie nicht mehr zu gebrauchen sind. Diese Menschen wissen und fühlen, was es heißt, Opfer zu sein, und wenn da einer hingeht und irgendeinen Schuldigen findet, das meinte ich vorhin mit Außenfeindbestimmung, einen der sagt, die Flüchtlinge sind schuld und die seriösen Medien sind schuld und die Linken sind schuld, dann wird das so angenommen. Wenn man einem weißen, 45-jährigen Arbeiter in Detroit sagt, er muss jetzt ein Binnen-I schreiben und seiner Homophobie abschwören, dann hat der deutlich ein paar andere Sorgen. Und dann kommt einer und sagt, diese Linken haben nichts anderes zu tun, als dich damit zu quälen, und zack, schon springt der an. Das ist der emotionale Brückenschlag.

MM: Wenn ich’s vorhin richtig verstanden habe, ziehen Sie Ihre Arbeit vom Jahr 1974 ins Heute herüber?

Posch: Natürlich, warum macht man „Katharina Blum“ sonst im Jahr 2019? Ich habe den Text radikaler gemacht, aber es sind ohnedies genug Parallelen da. Böll schreibt über „die ZEITUNG“ als Medienmaschine, aber er nennt die Springer-Verlags-Medien nie beim Namen. Von diesen „Hetz-Maschinen“ gibt es in Österreich aber derzeit gleich drei. Ich halte mich aber ganz streng an Bölls Pamphlet, wie er es genannt hat, und erzähle sehr schön pragmatisch seinen Plot nach. Es gibt ja sehr witzige Dialoge und sehr spaßige Figuren, wie zum Beispiel die Kriminalbeamten. Es wird also auch zum Lachen, die Darstellungsart wird allerdings à la Werk X sein, schräger, als man sich einen Böll vorstellt, hoffe ich. Und es sind einige aktuelle Texte eingearbeitet.

Die deutsche Grimme- und Theater-heute-Preisträgerin Jennifer Frank spielt erstmals im Werk X. Bild: © Alexander Gotter

MM: Zum ersten Mal am Haus spielt Grimme- und Theater-heute-Preisträgerin Jennifer Frank?

Posch: Ja, sie hat in Deutschland große Karriere gemacht, hat aber am Reinhardt-Seminar studiert und zwei Jahre lang am Volkstheater gespielt, woher sie unsere Dramaturgin Hannah Lioba Egenolf kennt. Jennifer Frank war Hannah ab und an hier besuchen, hat sich unser Theater angeschaut, und es stand immer im Raum, ob man sie nicht besetzen kann.

Und wenn ich eine Katharina Blum suche, greife ich natürlich so hoch ich kann, also freue ich mich sehr, dass das jetzt geklappt hat, es ist auch eine wunderschöne Zusammenarbeit.

MM: Zur Halbzeit der laufenden Saison gefragt: Wie läuft’s?

Posch: Gut, wir haben ein Repertoire aufgebaut, das ausgezeichnet besucht wird, „Homohalal“, auch „Erschlagt die Armen!“, das beim Publikum sehr gut funktioniert hat, da waren wir komplett ausverkauft, da haben Oliver Huether von der Josefstadt und Veronika Glatzner erstmals bei uns gespielt. Auch „Aufstand der Unschuldigen“ von Ali M. Abdullah läuft gut, und, was mich besonders freut, wir spielen im siebenten Jahr immer noch „Gegen die Wand“ mit Zeynep Buyrac und sind komplett voll, obwohl wir kein einziges Plakat aufgehängt haben. Ich kenne Leute, die sind da schon fünf Mal reingegangen. Jetzt kommt eben die „Katharina Blum“, und danach im Mai Falk Richters „Je suis Fassbinder“, eine österreichische Erstaufführung.

Rezension „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“: www.mottingers-meinung.at/?p=32109

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18. 2. 2019