Volx/Margareten: Watschenmann

Februar 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der „Stunde Null“ den Mythos runtergeräumt

Die Violine spielt zum Wahnsinn auf, wenn sich Heinrich verhauen hat lassen: Rainer Galke, Katharina Klar und Hristina Šušak. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

„An was denkst du, Lydia, wenn du geschlagen wirst?“, fragt Heinrich an einer Stelle. Statt einer Antwort spuckt diese ihm vor die Füße. „Wirst wohl aufhören mit der Fragerei. Wochenlang redest nix, und dann.“ – „Wenn sie mir in den Arsch treten, denke ich an dich, psiću“, sagt statt ihr später Dragan. Psiću heißt junger Hund, das heißt Welpe. Diesen Dragan und die Lydia und den Heinrich hat die Nachkriegszeit zu einer Art Vater-Mutter-Kind-Konstellation verschweißt.

Die Gelegenheitsprostituierte, die auf ihren verschollenen Schuster wartet, der serbische Boxer und der Bub, eigentlich schon ein Bursch von zwanzig, aber körperlich und vor allem im Kopf ein Kind geblieben. Bérénice Hebenstreit hat im Volx/Margareten Karin Peschkas großartiges Buch „Watschenmann“ in einer von ihr erstellten Bühnenfassung uraufgeführt. Das Jahr ist 1954, Stalin tot, Franz Jonas Bürgermeister und die Alliierten sind kurz vor dem Abzug aus Wien. So etwas wie Normalität will man endlich haben, gaukelt sie sich auch vor, doch tief haben sich die NS-Traumata in die Nachkriegsgesellschaft gefressen. Nichts ist mehr „Heil!“, und ohne alle Zimperlichkeit, so wie Peschka ihre Romanwelt entworfen hat, so folgt ihr Hebenstreit. Sie zeigt das Dasein ihrer Protagonisten, wie brutal, immer wieder auch grotesk, jedenfalls aber bescheiden es auch sein mag, ohne Effekt- und Gefühlshascherei.

Kein Elendskitsch, nirgendwo, sondern eine beinah kahle Spielfläche, darauf einzig ein dunkel-transparentes Stoffgebilde von Mira König, als Synonym für den baufälligen Schuppen, in dem die Schicksalsgemeinschaft haust. Auch die in der Lesevorlage schwer auszuhaltende Gewalt spart sie größtenteils aus. Musikerin Hristina Šušak begleitet das Geschehen auf der Geige, deren schrille Töne mal ein Schrei, mal die Kakophonie des Wahnsinns, und stampft Šušak mit dem Fuß, sind ihre Tritte jene Schläge, die Heinrich treffen. Der hat nämlich beschlossen, sich prügeln zu lassen, um den Leuten den „Kriegswurm“ auszutreiben. Wie der Watschenmann im Prater will er als Ventil für Aggressionen dienen, und, indem sie ihn verdreschen, die Menschen zu besseren machen. Um das zu erreichen, provoziert er, denn wer das tut, wird unter Garantie geprügelt wie ein Straßenköter.

Heinrich geht mit G. I. Elmer auf ein Gulasch und ein Bier: Katharina Klar und Sebastian Klein. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Katharina Klar spielt den Heinrich mit hoher Intensität, eine androgyne Figur, so lässt sie ihn durch den Raum wirbeln, lässt ihn sich regelrecht berauschen an den Misshandlungen, die ihm tagtäglich angetan werden, und entwickelt ein ganzes Regelwerk, das dessen Mission zur genialischen Kunst machen. Beinah weh tut’s einem im Publikum, wenn dieser im schmutzigweißen Herrenunterhemd so zarte, zerbrechliche Heinrich den Blickkontakt sucht.

Wenn er schildert, wie er sich, werden ihm die Knochen gebrochen, einen Raben vorstellt, mit dem er wegfliegt. An seitlichen Mikrophonen übernehmen die Mitspieler Rainer Galke, Birgit Stöger und Sebastian Klein dazu die Erzählerstimme. Kommentare aus dem Off, die sich mühen, die bizarre Situation zu erklären, und außerdem Peschkas brillanter Prosa zu ihrem Recht verhelfen. Den Spiegelgrund, erfährt man von ihnen, könnte Heinrich überlebt haben, womöglich vom eigenen SSler-Vater als Verrückter dorthin verbracht worden sein.

Neben der Eindringlichkeit der komplizierten, komplexen Figur Heinrich müssen die anderen Charaktere fast zwangsläufig wie Scherenschnitte wirken. Birgit Stöger legt ihre Lydia als derbe Trümmerfrau an, der kaum je ein gutes Wort auskommt. Zu ihrer harten Schale ist Rainer Galkes Dragan der weiche Kern, ein mitfühlender, mitleidiger Mann. Es sind die schönsten Momente dieser so erbarmungslosen wie poetischen Inszenierung, wenn Galke Dragan an Heinrich seine Vater-Sohn-Liebe ausleben lässt.

Ihnen zugesellt hat Karin Peschka ein Panoptikum an Tätern und selbsternannten Opfern, Avisierer und Akquirierer, Erniedrigte und Beschädigte, die nun ihrerseits erniedrigen und schädigen, und Hebenstreit gestaltet deren Untotentanz mit Galke als Wirt und Schaffner, Stöger als russischem Soldaten und der „Pritschlerin“ – und dem wunderbar wandlungsfähigen Sebastian Klein. Der wechselt sozusagen im Minutentakt zwischen dem prinzipiell hilfsbereiten, aber überforderten G. I. Elmer, dem gespenstischen Nazi Lichterl-Sigi und dem Schläger Egon Schlier, der draufhaut, „damit einmal a Ruh‘ is“.

Die harte Schale und ihr weicher Kern: Rainer Galke und Birgit Stöger mit Katharina Klar. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Eine grandiose Studie gelingt Klein als im Konzentrationslager Theresienstadt gepeinigter, an Leib und Seele zerschundener Straßenmusikant „Kummerl“. Er ist es, dem die von der Autorin beschriebene „inwendige Leich‘“ aus den Augen schaut, wenn er mit Mund- und Ziehharmonika, die Tschinellen um die Knie gebunden, durch die ausgebombte Stadt zieht. Ein Zerrbild seiner Gegenüber, die schon die Baugrube für den Ringturm beglotzen gehen.

Bérénice Hebenstreit jedenfalls hat aus Peschkas für die Bühne nicht ungefährlicher Sprache aus Innenschau und allwissender Außenperspektive eine perfekte Theaterarbeit gemacht. Das Ensemble weiß deren spröde Schlichtheit ausdrucksvoll umzusetzen, und gemeinsam und wie nebenbei räumt man der „Stunde Null“ den gern beschworenen Mythos runter. Etwa, wenn Birgit Stögers Lydia erst aus der Zeitung vom Wiederaufbau vorliest – und dann ohne viel Federlesen ein paar Hühnereier in die bedruckten Seiten wickelt …

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