Michal Hvorecky: Troll

Februar 4, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Dystopie mit paranoidem Innenminister

„Ich bin der Troll“, outet sich der Erzähler. Da ist er bereits auf der Flucht vor einem wütenden Mob, der seine Hinrichtung fordert, Neonazis, Radikallinke, die Kirche, keiner, der ihm nicht auf den Fersen wäre, und der slowakische Autor Michal Hvorecky mit solcherart Karacho ins Geschehen seines neuen Romans eingestiegen:  „Troll“. Das meint keine Fantasyfigur, sondern einen in den Social Media, die Art Provokateur, deren Postings die Online-Community gängeln, aufhetzen, anstacheln. Stimmungs- und Meinungsmacher, in der Regel gegen etwas oder jemanden, im Auftrag politischer oder wirtschaftsweltlicher Manipulanten – aber auch Terrorgruppen wie der IS können’s ganz gut.

Heißt: Das Schreckensszenario der totalen Digitalkontrolle, das Hvorecky in seiner Dystopie entwirft, ist längst Realität, am bekanntesten sind wohl die Putinbots oder die Reconquista Germanica, wobei in beiden Fällen der Name schon klar macht, wofür man steht. Dennoch versteht sich „Troll“ als SciFi-Story, und damit Hvorecky zu schildern vermag, wie „der verhassteste Mensch im Internet“ zu eben diesem wurde, entwirft er ein ausgefeiltes Setting, in dem er die Handlung ablaufen lässt. Ort und Zeit sind „Osteuropa in naher Zukunft“, ein kleines Land, eine Oligarchie.

Protektorat einer „das Reich“ genannten Diktatur. Die Europäische Gemeinschaft ist zerfallen, der Leser erfährt von einem Hybridkrieg, gefolgt von einem Informationskrieg. Die ersten 50 Seiten des Buchs sind eine groteske Paraphrase der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und der in ihm zerstörten Hoffnungen. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Verhältnissen, Visegrád, Ficos Smer-Partei oder Verbindungen zu Vladimir Putin, sind natürlich … zur Kenntlichkeit entstellt. Der im Februar 2018 erschossene Investigativ-Journalist Ján Kuciak, vom hernach zum Rücktritt gezwungenen Premierminister Robert Fico ob seiner Recherchen als „dreckige, antislowakische Prostituierte“ bezeichnet, was einen Shitstorm und mutmaßlich auch seine Ermordung zur Folge hatte, war ein Freund von Michal Hvorecky.

Im namenlosen Staat des Romans regiert ein Terror-Regime. Es beherrscht die öffentlich-rechtlichen Medien, bestimmt, wer mit einem QR-Code am Hals gebrandmarkt in den Lagern verschwindet, baut einen Grenzzaun, um „uns vor den Massen zu beschützen, die hierher drängen, weil man bei uns am besten lebe. Im Land mit der niedrigsten Arbeitseffektivität, dem bescheidensten Gesundheitsbudget und dem höchsten Maß an Korruption auf dem Kontinent“. Und selbstverständlich verbreitet es Falschmeldungen zu erfundenen Feindbildern und Berichte von gefakten Bedrohungen. Die Regierung, und das ist schönste Realsatire, besteht unter anderem aus einer Chefin, der ihr Geliebter/Mafiaboss die Wahlkampagne gesponsert hat, hat als Umweltminister einen Leugner des Klimawandels oder für das Gesundheitswesen eine Vorkämpferin gegen das Impfen. Innenminister und Verantwortlicher für die öffentliche Sicherheit ist „ein paranoider Verbreiter von Fake-News“.

Der Ich-Erzähler ist eigentlich selbst ein Kind der Nomenklatura, zwanzig Jahre alt, doch übergewichtig, glatzköpfig und, so sagt er, asexuell, und ergo ein Randglied der Gesellschaft. Bis er die ebenfalls von dieser ausgestoßene Johanna kennenlernt, am Anfang noch Junkie, aber bald auf dem Weg der Gesundung, als man gemeinsam beschließt, etwas gegen die Hater zu unternehmen. Die beiden schleusen sich in der „Factory“ eines gewissen Valys ein, beschrieben als Faschist, der sich von seiner aus so skurrilen wie gefährlichen Figuren zusammengesetzten Internetarmee als „Führer“ ansprechen lässt, und stolz darauf, „Arm in Arm mit dem bekanntesten österreichischen Populisten“ gesehen zu werden. Doch um die Regeln zu brechen, müssen sie das böse Spiel erst mitspielen. Denn wehe dem, den der Apparat enttarnt.

Bild: pixabay.com

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Johanna führt vor, wie’s geht. „Dass der Staat den Flüchtlingen alle Medikamente bezahlt“, veröffentlicht sie. „Innerhalb von zwei Stunden teilten neunzigtausend Menschen den Post, einschließlich zweier Ärzte aus dem Altstädter (Krankenhaus) und Johannas Lieblingscousin“. Die Gehirnwäsche-Methoden, die George Orwell für seine Gedankenpolizei in „1984“ entworfen hat, funktionieren auch beim Trolling problemlos. Der Fake gelingt, weil keiner Fakten prüft. Man gibt sich in gefälschten Profilen als Hausfrau, Jus-Studentin, Sportler aus. Behauptet, eine Migrantenwelle hätten Schweden zerrüttet, bezeichnet Nato-Soldaten als Vergewaltiger einer Minderjährigen, richtet sich gegen die Minderheit der Roma, zeigt ein verschwommenes Video von Afghanen, die einen Polen mit Benzin übergießen und anzünden – in Wirklichkeit Bulgaren mit einem Kanister Wasser.

„Wir lernten konspirative Websites kennen und immer durchgeknalltere Blogger. So viel Hass auf einem Haufen hätten wir uns bis vor Kurzem nicht einmal vorstellen können.“ Johanna und der Ich-Erzähler müssen zusehen, wie ihre „Beiträge“ von WikiLeaks zu „Quellen“ ernannt und auf CNN zitiert werden, immer mit dem Totschlagargument der Meinungsfreiheit. In einem System, in dem die Selbstbedienungsmentalität der einen gegen die Arbeitslosigkeit und Armut der anderen steht, führt Hvorecky, selbst immer wieder Opfer von Digitalattacken, die perfidesten Auswüchse der exakt geplant und ausgeführten Propagandafeldzüge vor. Deren Generäle Kollege „Vollpfosten“ oder der Mann mit den 200 Internet-Identitäten oder – Überraschung! – des Ich-Erzählers doch nicht so proletarischer Hausmeister sind. Und er zeigt den durchaus harten Kampf seiner Protagonisten, nicht vom eigentlichen Ziel abzufallen, sich der Sucht nach der so angenehm anonymen Virtual Reality nicht zu ergeben.

Johanna wird schließlich wie vorgesehen die Initiative ergreifen, wird zulassen, dass sie als „Presstitute“ demaskiert, und, da der Mensch nach Puschkin entweder Verräter oder Häftling sein muss, ins Gefängnis gehen. Von wo sie ihre neue Netzkampagne, diesmal gegen die Lügenfabrik, ausweitet. Und wirklich, es formiert sich eine Gegenbewegung, Menschen erkennen sich als selbstständig denkende Individuen, der Samen keimt, doch die Idee braucht einen Sündenbock, und zu dem wird – siehe oben … Das Internet frisst seine Kinder. Michal Hvorecky hat mit „Troll“ in wütend dahinrasender Sprache einen mutigen Text vorgelegt, zielt er mit seiner verstörenden Satire doch auf eine gesellschaftspolitische Gegenwart, die punkto Fakt vs alternative Fakten realitätsblind geworden zu sein scheint. Unter #dontfeedthetroll postet Johanna: „Eine Lüge ist keine andere Meinung. Eine Lüge ist eine Lüge, und man muss über sie die Wahrheit sagen …“

Über den Autor: Michal Hvorecky, geboren 1976, lebt in Bratislava. Auf Deutsch erschienen bereits drei seiner Romane und eine Novelle. Hvorecky verfasst regelmäßig Beiträge für die FAZ, die ZEIT und zahlreiche Zeitschriften. In seiner Heimat engagiert er sich für den Schutz der Pressefreiheit und gegen antidemokratische Entwicklungen.

Tropen, Michal Hvorecky: „Troll“, Roman, 215 Seiten. Übersetzt aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch.

www.tropen.de           hvorecky.wordpress.com

4. 2. 2019