Slobodan Šnajder: Die Reparatur der Welt

Januar 28, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kainsmal in der Achselhöhle

Das Kapitel, das den Buchtitel als Überschrift trägt, beginnt auf Seite 267. Da schließt sich Protagonist Đuka Kempf im Weglaufen von der Waffen-SS dem KZ-Flüchtling Leon Mordechai an. In Polen passiert das, und zwischen dem jüdischen, später von Antisemiten mit Eisenstangen erschlagenen Propheten und dem unfreiwilligen Soldaten entspinnt sich ein theologischer Streit über Gottes Verantwortung und den freien Willen des Menschen, wobei dem Mann der Schrift die „Endlösung“ als eine von Elohim gesandte Erlösung erscheint. Das Tikkun Olam beschwört der Rechtgläubige vorm Ungläubigen, das ewige, in kosmischer Katastrophe in Milliarden Funken zerbrochene Licht, das, wieder zu einem Ganzen gefügt, „Die Reparatur der Welt“ sein wird.

So nennt der kroatische Schriftsteller Slobodan Šnajder sein heute erscheinendes Opus magnum, seinen sprachmächtigen, opulenten, handlungsstarken Roman über die politischen Extreme des 20. Jahrhunderts, gezeichnet nach der eigenen Familiengeschichte, die sich ihm über den schriftlichen Nachlass seiner Eltern enträtselt hat. Derart entstanden ist eine Geschichte über gesellschaftliche Zugehörigkeit und rassische Zuordnung.

Über Elend und Entbehrungen, immer wieder Aufbruch, immer wieder Hoffnung und Menschen, die das Schicksal zwischen die Fronten führt, nur um sie dort im Stich zu lassen. Durch die Zeiten arbeitet Šnajder mit sich repetierenden Passagen, denn Historie wiederholt sich nicht, aber reimt sich bekanntlich, Briefen und den Kommentaren eines Ungeborenen. Dieser ist der Sohn des Đuka Kempf, Alter Ego des Autors, der in seinem Bestreben seine zukünftigen Eltern zum Paar zu vereinen durch weite Strecken des Romans führt. In Slawonien, in der Stadt Nuštar, im östlichen Teil des heutigen Kroatiens, nehmen die Ereignisse ihren Ausgang, wo 1938 der Nationalsozialismus die Švaben, die Donauschwaben, als Volksdeutsche „heim ins Reich“ holte, dem sie freilich nur Bürger zweiter Klasse blieben.

Medizinstudent Đuka Kempf ist einer von ihnen, einer, der einen altvaterischen deutschen Dialekt spricht und dieses kaum schreiben kann, und sich über sein neuverordnetes Herrenmenschentum lustig macht, wenn ihn nicht die Identitätskrise ob der neuen Eigendefinition beutelt. Weder Frankist noch Kommunist noch Maček-Mitläufer wird er als „Zwangswilliger“ zu Himmlers Spezialdivision „Galizien“ eingezogen und zusammen in einer Einheit mit Rumänen, Ungarn und nationalistischen Ukrainern nach Polen verfrachtet. Nicht nur wegen ihm, sondern auch wegen seiner potenziellen Mutter Vera bangt der Ungeborene um sein In-die-Welt-kommen. Ihr Leben wird parallel zu dem Đukas erzählt, ihre Inhaftierung im Konzentrationslager Stara Gradiška, aus dem sie nur im Gefangenenaustausch mit ihrem politisch wesentlich wichtigeren Bruder freikommt, worauf sie sich bewaffnet und den Partisanen anschließt. Und während Šnajder so seine Textspuren zieht, meint man zwischen den Zeilen seinen Ärger, die Aggression ob der Verhältnisse zu verspüren.

„Die Reparatur der Welt“ ist in jeder Hinsicht ein europäischer Epochenroman, beginnend mit Urvater Kempf, der im Hungerjahr 1770 dem Aufruf Maria Theresias zur Umsiedlung nach „Transsilvanien“ folgt, über die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs und die Schrecken der Shoah in Mitteleuropa bis zu Ustascha-„Führer“ Ante Pavelic und dem Jugoslawien von Diktator Tito. Dass die Briten die Miliz an die Volksarmee auslieferte, Stichwort: Massaker von Bleiburg/Pliberk, dessen bis heute mit Ehrenkundgebungen rechtsextremer Kreise gedacht wird, sorgt in Kroatien nach wie vor und da auf dem Loibacher Feld in Kärnten veranstaltet auch hierzulande für Konflikte …

Neben seinen Haupt- führt Šnajder eine Vielzahl von Nebenfiguren ein, von Đukas jüdischem Jugendfreund Branko Šalamun, der spurlos verschwinden wird, über den Nachbarn und späteren KZ-Wachmann Hans Schlauss bis zum Wirthaus-Arisierer Pan Stanisław und der polnischen Partisanen-Ärztin Ania Sadowska. Die sich als Spionin ins SS-Lazarett einschmuggelt und nach dem Krieg bei den Säuerungen der Sowjets als dem Feind gedient habende Faschistin nach Sibirien verfrachtet wird.

Bild: pixabay.com

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Šnajder lässt die Realität im Hinterland von Auschwitz und Treblinka mit den surrealen Albträumen seines Antihelden in eins fließen. Kempf gelingt es zu desertieren und im Kampf aller gegen alle sowohl der Armia Krajowa wie den herumstreunenden Banditen wie dem kommunistischen Widerstand zu entkommen. Er zieht erst als Knecht von Bauernhof zu Bauernhof, bis ihn doch noch die Russen gefangen nehmen, ihn aber, weil er in einer slawischen Sprache redet, nicht inhaftieren, sondern einer Untergrundtruppe zuteilen, die Sabotageakte gegen die Deutschen verübt. Šnajder gelingen starke Szenen. Die Beobachtung der Kriegsvorbereitungen eines Ameisenvolkes wird zur Abhandlung über Totalitarismus. Das Gleichnis von Moses und der ehernen Schlange sieht der Zyniker als Gottes Gelingen, dem Menschen einen Götzen unterzujubeln. Schließlich eine, in der Kempf nächtens auf offenem Feld polnische Familien beobachtet, die eiligst von den Nazi-Schergen vergrabene jüdische Leichen aus dem hartgefrorenen Boden sprengen, grauenhafte Goldschürfer auf der Suche nach übersehenen Zahnfüllungen oder einem Stück Schmuck.

Für seinen „kleinen polnischen Krieg“ erhält Kempf endlich eine sowjetische Bescheinigung, mit der es ihm die Rote Armee erlaubt, ohne Strafverfolgung nach Jugoslawien zurückzukehren. Das Kainsmal in seiner Achselhöhle, die Blutgruppentätowierung, hatte er die ganze Zeit vor Land- wie Wehrmännern gut versteckt … Dass Đuka nun Vera kennenlernen und der Ungeborene frohlocken wird, dass er haltlos, Lyriker und Alkoholiker werden, dass sie Agitprop-Kämpferin für den Kommunismus bleiben wird, dass ihre Ehe nicht zuletzt aufgrund unterschiedlicher Ideologien scheitern wird, schildert der Sohn vor dem Hintergrund der zeithistorischen Geschehnisse. Immer noch führt die Eisenbahnroute ostwärts, nur nun weit bis hinter den Ural, immer noch wird verhaftet und deportiert, nun die Deutschstämmigen aus Schlesien, Jugoslawien, dem Sudentenland, und Viehwaggon bleibt dabei Viehwaggon bleibt Viehwaggon – in einem von ihnen erkennt Kempf Ania wieder. Und zwischen Angst und Armut, zwischen keine und daher nur eine Wahl haben, gelangt Šnajder über Flüchtlinge und Vertriebene bis zu den ersten Gastarbeitern.

Da hat der mittlerweile 1948 Geborene längst das Ich-Erzählen angenommen, und kommt übers Ende seiner Eltern, das Private um nichts unkomplizierter als das Politische, bis zu den Jugoslawienkriegen der 1990er-Jahre und deren Opfer. Mit „Die Reparatur der Welt“ hat Slobodan Šnajder in doppeltem Wortsinn einen Jahrhundertroman geschrieben. Ihn zu lesen gleicht einer Zeitgeschichtsstunde. Šnajders Roman besticht durch seine schonungslose Ehrlichkeit ebenso, wie durch die schöne Sprache, mit der der Autor zwischen grausamster Härte und lyrischer Empfindsamkeit mäandert. Wobei er sich für zweiteres christlicher Motive, jüdischer Mystik und Traumbilder bedient. Ob man aus den ebenso rekonstruierten wie imaginierten Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichten eine moralische Lehre ziehen kann, soll der Leser für sich selber entscheiden. Zur Lektüre empfehlen muss man „Die Reparatur der Welt“ jedoch auf jeden Fall.

Über den Autor: Slobodan Šnajder, geboren 1948 in Zagreb, war langjähriger Chefredakteur der Theaterzeitschrift PROLOG. Er schreibt Prosa, Essays und vor allem Bühnentexte. International bekannt wurde er durch sein Stück „Der kroatische Faust“, das in der Saison 1993/94 von Hans Hollmann am Burgtheater inszeniert wurde. Er ist politischer Kolumnist der Tageszeitung Novi list und seit 2001 Intendant des Theaters der Jugend in Zagreb. Für den Roman „Die Reparatur der Welt“ wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Zsolnay, Slobodan Šnajder: „Die Reparatur der Welt“, Roman, 544 Seiten. Übersetzt aus dem Kroatischen von Mirjana und Klaus Wittmann.

www.hanser-literaturverlage.de/verlage/zsolnay-deuticke

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