Metro Kinokulturhaus: Wim Wenders. Frühe Photographien. 60er-80er Jahre

Januar 11, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die kühne Einmaligkeit des Polaroids

Dennis Hopper, Hamburg 1976. Bild: © Wim Wenders Courtesy of Deutsches Filminstitut, Frankfurt a.M.

Das Filmarchiv Austria zeigt ab 11. Jänner im Metro Kinokulturhaus die Ausstellung „Wim Wenders. Frühe Photographien. 60er-80er Jahre“ mit siebzig Arbeiten des Filmemachers, die seit seiner Jugend und bis Anfang der 1980er-Jahre entstanden sind. Diese zwanzig Jahre beschreiben eine äußerst kreative Zeit, in der Wenders das „Handwerk des Filmemachens“ gelernt und sein „eigenes Erzählland“ gefunden hat.

Von den späten 1960er- bis in die frühen 1980er-Jahre entstanden auf Wenders’ unermüdlichen Reisen durch die USA, Australien und viele andere Orte der Welt größtenteils menschenleere Landschafts- und Stadtansichten sowohl im 35 mm Schwarzweiß-Kleinbildformat als auch Farb- sowie  Panoramaaufnahmen. Sein bevorzugtes Fotomedium aber sollte zehn Jahre lang die Polaroid-Kamera werden. Sie war ideales komplementäres Werkzeug, um das Filme- und Bildermachen zu erforschen, visuelles Notizbuch, alltäglicher Begleiter.

Unabhängig von ihrem fotographischen Medium oder Entstehungsort, sei es in Algier, am Rhein, in New York, Butte, Montana oder Denpasar zeigt Wenders’ Blick einerseits eine deutlich dokumentarische „Einstellung“, durchdringt und überhöht mit seiner präzisen Ästhetik vorgefundene Situationen, gleichzeitig aber eröffnen die Bilder im Detail eine emotionale, narrative Dimension – scheinen jeweils die erste „Einstellung“ einer beginnenden filmischen Erzählung zu sein. Dieses vielschichtige erzählerische Angebot in den Fotografien von Wim Wenders nimmt den Betrachter bei seiner Reise in die Bilder an die Hand und eröffnet eine authentische Teilhabe am Wenders’schen Bildkosmos.

Die Fotografie begleitet Wim Wenders schon seit Kindesbeinen, und sie hat von Anfang an sein künstlerisches Schaffen mitbestimmt. Das erste Bild der Ausstellung ist eine Schwarzweiß-Aufnahme des damals 17- oder 18-Jährigen aus dem Jahr 1963. Es zeigt eine Szenerie auf einem Rummelplatz in Oberhausen. Im Ruhrgebiet der Nachkriegszeit, es regnet, die Buden sind geschlossen, wenige Kinder drehen dem Betrachter den Rücken zu. „Bonjour tristesse“ würde man als Titel vermuten, der allerdings in eine völlig andere Richtung weist und nicht ohne eine gewisse Ironie die Aufschrift eines Kirmeswagens aufnimmt: „Glück“. Dieses erste Bild lässt schon früh charakteristische Stimmungsbilder und Sujets von Wenders’ späterem künstlerischen Schaffen erahnen, wie etwa seine Vorliebe für verlassene Orte und die weitgehende Abwesenheit von Menschen. Auch in diesen frühen Bildern schon Straßen, deren Fluchtpunkte Bewegung ins Assoziationsspiel bringen und die Gedanken in eine ferne Welt schweifen lassen, auch damals schon eine warmherzige Melancholie und ein ausgeprägter Sinn für den Umgang mit Sprache und Schriftbildern.

New York Parade 1972. Bild: © Wim Wenders Courtesy of the artist and Blain|Southern London/Berlin

Abandoned Drive-in Texas, 1983. Bild: © Wim Wenders Courtesy of the artist and Blain|Southern London/Berlin

Wenders Verwendung der Polaroidkameras wohnt eine unbeschwerte und überaus soziale Komponente bei: Die, so Wenders, „kühne Einmaligkeit“ des im Polaroid eingebauten chemischen Prozesses und das daraus resultierenden Unikat eines „Zauberkunststückes“, das sich vor den Augen von Fotograf und Fotografiertem abspielt, ähnelt einer miniaturisierten filmischen Erfahrung, die das Polaroid zum Archetyp eines Sozialen Mediums geraten lässt. Die Polaroids zeigen den jungen Filmemacher und Fotografen in autobiographischen Stationen.

In privater Umgebung, in alltäglichen Momenten, oder an Orten, an denen Filme wie „Alice in den Städten“ und „Der amerikanische Freund“ entstanden sind – Wuppertal, die Straßen von Queens oder Surf City. Mit Polaroids „schießt“ Wenders aber auch, im Gegensatz zu seinem Umgang mit anderen Fotomedien, Porträts seiner Freunde oder berühmter Persönlichkeiten wie Annie Leibovitz, Robby Müller, Dennis Hopper oder Peter Handke.

Das Oeuvre von Wim Wenders ist stark durch die Malerei geprägt. Sein Wunsch, Filmemacher zu werden kam erst in Paris auf, wohin er ursprünglich aufgebrochen war, um Malerei zu studieren.

Stattdessen war er vom Programm der Cinémathèque Française derart gefesselt, dass er in wenigen Monaten einen Crash-Kurs der Filmgeschichte durchlief. Er begann fortan über Film als „Fortführung der Malerei mit anderen Mitteln“ nachzudenken: „Als ich anfing zu filmen, verstand ich mich eher als Maler des Raums auf der Suche nach der Zeit.“ Besonders Stadtbilder wie „Liquor Store , San Francisco“, 1973, oder „Paris, Brasserie“, 1980, aber auch die weiten Landschaften in Südaustralien und Montana zeigen deutlich den Einfluss, den amerikanische Realisten wie eben Edward Hopper oder Andrew Wyeth auf den jungen Wenders ausübten.

Self Portrait with Mickey Mouse T-shirt, 1973. Bild: © Wim Wenders Courtesy of the artist and Blain|Southern London/Berlin

Die drei Fotografien „Twin-graves“ and „Drive-in Cinema, Drive-in“ und „Abandoned Drive-in“, alle aus dem Jahr 1983, die den Rundgang durch die Ausstellung schließen, zeigen ein wiederkehrendes Thema, dem der Filmemacher und Fotograf besonders in seinem Frühwerk vielschichtig nachspürt: dem Kinosterben der Nachkriegszeit: „… so wie es jetzt ist, ist es besser, es gibt kein Kino mehr, als dass es ein Kino gibt, wie es jetzt ist …“, lässt der Filmemacher eine alte Kinobesitzerin am Ende des Filmes „Im Lauf der Zeit“ sagen.

Die weißen, leeren Leinwände der Drive-in Kinos, die Wim Wenders immer wieder fotografiert, kennzeichnen nicht nur eine symbolische Leerstelle im kulturhistorischen Kontext der Nachkriegszeit. Einst Wallfahrtstätten populärer Kultur, scheinen diese dem Verfall anheim gegebenen Orte in einer zunehmend aus Funktionalität und Zweckorientierung geprägten Gegenwart ihre Daseinsberechtigung eingebüßt zu haben.

Begleitend zur Ausstellung findet im Metro Kinokulturhaus bis 28. Februar die Retrospektive „Wim Wenders. Weltreisender“ statt, in deren Rahmen unter anderem „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, „Paris, Texas“, „Der Himmel über Berlin“ oder „Buena Vista Social Club“ gezeigt werden.

www.filmarchiv.at

11. 1. 2019