Thomas Vinterberg kehrt zurück zu seinen Wurzeln

April 8, 2013 in Film

 „Die Jagd“ mit Bond-Bösewicht Mads Mikkelsen

Mit seinem Film „Das Fest“ hat der dänische Regisseur Thomas Vinterberg 1998 einen viel beachteten Beitrag zum Thema Kindesmissbrauch vorgelegt, ein Thema, das auch im Mittelpunkt seines neuesten, siebten Spielfilms „Die Jagd“ steht. Vinterberg kehrt sozusagen back to the roots. Doch wählte der Filmemacher, der auch schon am Wiener Burgtheater („Das Begrabnis“, inhaltlich Teil 2 von „Das Fest“) inszenierte, diesmal eine ungewöhnliche „Täter“-Perspektive. Daraus hätte der Mitbegründer der revolutionären Dogma 95-Bewegung einen so spannenden Thriller über Schuld und Unschuld schaffen können, dass er eines Alfred Hitchcock würdig gewesen wäre. Der Master of Suspence hat das Wrong-Man-Prinzip ja gleichsam erfunden: Ein Unschuldiger wird einer Tat bezichtigt, die er nicht begangen hat, und ist den Rest des Films beschäftigt, dies zu beweisen… Vinterberg kann sich zwar auf seinen herausragenden Hauptdarsteller, Dänemarks Superstar Mads Mikkelsen („Casino Royale“) verlassen, doch ist er von Anfang an so bemüht, ihm das Ich-war’s-nicht-Zeichen aufs Hirn zu stempeln, dass Spannung, falscher Verdacht und seine furchtbaren Folgen, Psychotortur, Hexenjagd beziehungsweise jegliches „Wer Gewalt sät“ auf der Strecke bleiben.

Zum Inhalt: Ein bis dato unbescholtener Kindergärtner (Mikkelsen) wird von einem Mädchen aus Zorn des Missbrauchs beschuldigt. Kaum ist die Kleine sich ihrer Lüge bewusst, reiht sich schon Suspendierung auf Drohung auf Schläge auf Tötung des Familienhundes. Mikkelsen verwickelt sich großartig in diese Spirale des Grauens. Nur der Regisseur. Der war sich offenbar nicht sicher, ob er ein Sozialdrama oder eine Satire über den „Gedanken als Virus“ (siehe Interview) drehen wollte. So ist etwa Mikkelsens Vorgesetzte von einer derart Comic-haften Bosheit, dass sie es beinah schafft, die ohnedies schon heftige Schwarz-Weiß-Zeichnung des Plots zu sprengen. Dass der Konflikt ausgerechnet am Heiligen Abend in der Kirche (!) eskaliert, ist auch so eine Sache. Und: ACHTUNG, SPOILERALARM! In den letzten zehn Minuten springt der Film zwei Jahre in die Zukunft zu einem völlig unglaubhaften Happy-End.

Dennoch: Mads Mikkelsen, der vom sensiblen Sympathieträger zum gehetzten Außenseiter avanciert, beim Leiden zuzusehen ist ein Vergnügen; und Vinterberg hat nicht verlernt, den Finger auf die Wunde gesellschaftlicher Gewaltbereitschaft zu legen. In dieser filmischen Versuchsanordnung muss sich das Kinopublikum die Fragen und Fangfragen eben selber stellen. Das ist auch eine Kunst großer Dramen.

Interview mit Thomas Vinterberg:

Wie kamen Sie auf das Thema?

Bild: Thimfilm

Bild: Thimfilm

In einer dunklen Winternacht 1999 klopfte es an meiner Tür. Dort im Schnee stand ein renommierter dänischer Kinderpsychologe mit jeder Menge Unterlagen unterm Arm, der von Kindern und ihren Phantasien faselte. Er sprach von Konzepten wie der „unterdrückten Erinnerung“. Und – noch viel verstörender – über seine Theorie, dass „der Gedanke ein Virus“ sei. Ich ließ ihn nicht hinein. Die Unterlagen las ich nicht. Sondern ging ins Bett. Zehn Jahre später brauchte ich einen Psychologen. Ich rief ihn an und las – aus verspäteter Höflichkeit – endlich seine Unterlagen. Ich war schockiert und fasziniert. Und hatte das Gefühl, dass darin eine Geschichte steckte, die erzählt werden musste. Die Geschichte einer modernen Hexenjagd. DIE JAGD ist das Ergebnis dieser Lektüre.

Was waren die größten Schwierigkeiten, denen Sie beim Dreh gegenüber standen?

In unserem Film spielen sowohl ein Kind als auch ein Hund eine entscheidende Rolle. Normalerweise stellt das beides eine große Herausforderung dar. Aber in diesem Fall waren beide hervorragend und machten alles genauso, wie man es von ihnen verlangte. Und das mit großem Talent und ebensolcher Präzision. „Guck nach rechts und weine… Guck nach links und bell!“ Das klappte alles hervorragend. Der Effekt ist enorm berührend. Und besonders teuer ist es auch nicht. Deswegen kann ich die Arbeit mit Kindern und Hunden jetzt jedem nur ans Herz legen. Aber auch sonst verliefen die Dreharbeiten übrigens überraschend reibungslos.

DIE JAGD wurde anlässlich seiner Weltpremiere im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 2012 mit dem Preis für den Besten Darsteller sowie mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet. Außerdem gewann der Film den Europäischen Filmpreis für das Beste Drehbuch und wurde in vier weiteren Kategorien nominiert. Was bedeutet Ihnen das?

Ich fühle mich geehrt, nicht zuletzt in Anbetracht der restlichen Wettbewerbsbeiträge. Ein erleseneres Programm kann man sich ja kaum vorstellen. Ein Festival wie Cannes treibt Regisseure immer zu künstlerischer Hochform an. Ohne Orte wie Cannes wäre die europäische Filmlandschaft nichts als ein zugefrorener Teich…

Was können wir als nächstes von Ihnen erwarten?

Tobias Lindholm, mit dem ich DIE JAGD und auch schon SUBMARINO („Submarino“, 2010) schrieb, und ich haben uns entschlossen, unsere Zusammenarbeit fortzusetzen. Wir sitzen gerade an einem Film, der den Alkoholkonsum feiert. Außerdem arbeite ich an einem Projekt über die wundervolle und verrückte Kommune, in der ich aufgewachsen bin, sowie an ein paar anderen Sachen.

www.diejagd-film.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 8. 4. 2013