Matt Ruff: Lovecraft Country

Dezember 30, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Cthulhu-Kult als Code für den Ku-Klux-Klan

Liebhaber von Lovecraft kennen ihn, seinen Supernatural Horror, Grauen, das aus Friedhofsgrüften steigt, archaische Kulte, allen voran der um das Krakenwesen Cthulhu, Unheil, das sich in Paralleluniversen zusammenbraut. Aus seinen Albträumen, sagte der Kultautor einmal, beziehe er seine Inspiration, und nicht weniger absurd und nachtmahrisch als seine Erzählungen sind Lovecrafts gesellschaftspolitische Überzeugungen. Seine Furcht vor „rassischer Verunreinigung“ und dem damit einhergehenden kulturellen Verfall der USA, sein Glaube an die Germanen als „Gipfel der Evolution“ und den amerikanischen „Selbstmord“, es ihnen im Streben um die Weltherrschaft nicht gleich zu tun, dies alles ist unter anderem in Gedichten zum Ausdruck gebracht:

When, long ago, the gods created Earth / In Jove’s fair image Man was shaped at birth. The beasts for lesser parts were next designed; Yet were they too remote from humankind. To fill the gap, and join the rest to Man, / Th’Olympian host conceiv’d a clever plan. A beast they wrought, in semi-human figure, / Filled it with vice, and called the thing a Nigger. H. P. Lovecraft: On the Creation of Niggers, 1912

Der aktuelle Meister des Un- und Übernatürlichen, Matt Ruff, legt nun mit seinem jüngsten Roman „Lovecraft Country“ den Versuch sowohl einer Beschwörung dieses Geists als auch von dessen Austreibung vor. Orientiert an Lovecraft’schen Motiven, Ruffs Protagonisten bewegen sich durch den nach Lovecraft benannten Landstrich in Massachusetts, aus Arkham wird Ardham, und auch ein Ausflug in kosmische Welten kommt vor, entrollt er im Eigentlichen die Geschichte des Rassismus in den Vereinigten Staaten. Sind seine Figuren, zumindest die Guten, doch fast ausnahmslos Schwarze; das Jahr, in dem sie leben, ist 1954.

In diesem macht sich der Koreakriegsveteran Atticus Turner samt Onkel George und dem Mädchen Laetitia von Chicago aus auf, seinen Vater Montrose zu suchen, der im Devon County, Mitte der 1950er-Jahre ein Ort der schärfsten Rassengesetze, verschwunden ist. Zuvor erreichte Atticus noch ein geheimnisvoller Brief, in dem von einem Vermächtnis die Rede ist, welches ihm sein Geburtsrecht garantieren werde. Die Reise ist gefährlich, die Atmosphäre so bedrohlich, dass es einem unter die Gänsehaut geht. Das Trio wird in Restaurants nicht bedient, Toiletten bleiben ihnen versperrt, Autowerkstätten verweigern die Hilfe. Jeder Sheriff ist ein Sadist, der schießt, so man nicht schnell genug über die Bezirksgrenze verschwindet. Auf diesen Seiten schafft Ruff Schrecken ohne Monster, doch keine Panik, die werden auch im Jim-Crow-Distrikt noch kommen.

Bild: pixabay.com

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Derweil macht sich Onkel George eifrig Notizen, ist er doch der Herausgeber des „Safe Negro Travel Guide“, eines speziellen Reiseführers für Schwarze, nachempfunden dem „Negro Motorist Green Book“, das es bis in die 1960er-Jahre tatsächlich gab. Schließlich findet man sich auf dem Anwesen von Samuel Braithwhite und seinem Sohn Caleb wieder, wo der Adamitische Orden der Alten Morgenröte tagt, ein Geheimbund weißer Herrenmenschen, dessen Vorbild ganz klar der Ku-Klux-Klan ist. Wie Atticus nun erklärt wird, war seine Ahnin Sklavin der Braithwhites und vom damaligen Gutsbesitzer geschwängert.

Weshalb Atticus mit seinem Blut den Antenauten bei einem schwarzmagischen Ritual dazu dienen soll, sich die Erde Untertan zu machen. Was folgt, sprengt das Fassungsvermögen einer Rezension. Matt Ruff mixt Horror, Science Fiction und Fantasy, wie es ihm gefällt. „Lovecraft Country“ wird zum Pageturner, jedes Kapitel entführt in ein neues Universum, und manchmal braucht es etwas, bis der Leser den roten Faden in diesen wie einzelne Novellen wirkenden Episoden wiedererkennt und ihn erneut aufnehmen kann.

Die Storys nämlich, so wird sich enträtseln, hängen alle zusammen. Vorkommen Tore zu anderen Dimensionen, wo unter anderem ein mumifizierter Logenmeister über einer Schatztruhe schwebt, Tentakel ausfahrende und damit menschenverschlingende Steinkugeln, natürlich eine mordlüsterne Teufelspuppe, ein Zauberbuch, das Lovecrafts „Necronomicon“ nachempfunden ist, und trifft man einander in einer Bar, so heißt diese „Hexenhammer“. Laetitia wird ein Spukhaus in einem weißen Wohnviertel kaufen, und dort mit dem verstorbenen Vorbesitzer Schach spielen.

In einer der vielen wunderbaren Szenen, als Laetitia von Nachbarn bedroht wird, und sich, statt Hilfe zu bekommen, der Polizeiwillkür ausgesetzt sieht, wird das Gespenst das Kommando übernehmen, und Einbrechern und Vandalen zeigen, wo der Keller ist. Caleb Braithwhite wird sich als sleeker, hübscher Schurke erweisen, als Strippenzieher, der die Familienmitglieder gegeneinander ausspielt, und um seinen Willen zu bekommen, aus Laetitias Schwester Ruby mittels Elixier die weißhäutige Hillary macht. Zwischen all seinen Hokuspokus stellt Ruff Zitate von Ex-Sklaven und Überlebenden von Rassenunruhen, und nimmt auf historische Ereignisse wie die Tulsa Riots von 1921 Bezug. Derart versteht er es die Übergänge von der Realität ins Surreale perfekt zu nehmen. Kein Wunder, dass HBO bereits eine Fernsehserie von „Lovecraft Country“ plant. Dass man Matt Ruff eine etwas sorgfältigere Übersetzung gegönnt hätte, steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht kann Hanser für folgende Auflagen ja noch nachbessern …

Über den Autor: Matt Ruff, 1965 in New York geboren, wurde bereits mit seinem ersten Roman „Fool on the Hill“ (Hanser, 1991) zum Kultautor. Bei Hanser erschienen außerdem „G.A.S.“, „Ich und die anderen“ und „Bad Monkeys“. Bei dtv kam sein 9/11-Buch „Mirage“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=9121) heraus. Matt Ruff lebt in Seattle, Washington.

Hanser Verlag, Matt Ruff: „Lovecraft Country“, Roman, 432 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube.

www.hanser-literaturverlage.de

  1. 12. 2018