An der Burg greift das Sparprogramm

April 8, 2013 in Bühne

Nestroy ist über die Bösch-ung gefallen

Weil ja die Subventionen des Burgtheaters in den vergangenen 13 Jahren real um 33 Prozent geschrumpft sind, erklärte die Kaufmännische Direktorin des Hauses kürzlich ihren Rücktritt als solche. Sie wird mit 1. September Burgherrn Matthias Hartmanns Stellvertreterin. Und: Mehr Direktoren her! Ein neuer Kaufmännischer Direktor wird u. a. per Inserat gesucht! Ja, man hat’s nicht leicht, als Luxusdampfer mit so bescheidenen Geldmitteln auszukommen. Davon können Beiboote aus der freien Szene nicht einmal ein Liedchen summen. Herr Pereira wird vielleicht mitfühlend ein Tränlein verdrücken. Der weiß ja, wie’s ist, mit beinah leerem Säckl auszukommen …

Presse: Fotos bei Nennung des Fotografen für die aktuelle Berichterstattung freigegeben.

Sarah Viktoria Frick (Salome Pockerl)
Bild: Copyright: Reinhard Werner Burgtheater

Doch an der Burg hat man sich an der Nase gefasst und sich ein strenges Sparprogramm verordnet. Das greift erstmals eindrucksvoll in David Bösch’s Hervorbringung von Nestroys „Der Talisman“ am Wiener Akademietheater. Der Regisseur, der vom Wunderkind zum Wunderwuzzi avanciert, hat einfach große Teile seiner „Gespenster“-Inszenierung (oder war’s „Stallerhof“?) von den Bühnenarbeitern bei der Tür hinauskehren lassen und spielt auf dem übrig gebliebenen Misthaufen nun … ja … äh … was? Hilfe.

Es ist immer schwer, als Ösi das Kulturgut der Eingeborenen zu verteidigen, ohne als Ahnungsloser abqualifiziert zu werden. Von wegen Erneuerung und so. Doch bei diesem „Talisman“ gab’s am Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 32 A, Nummer 6) heftige Rotationen, verursacht durch Sich-im-Grab-Umdrehungen auf der nach oben offenen Nestroy-Skala. Aber wozu sich beschweren? Es versteht sich ja eigentlich von selbst: Dieser unbedeutende, kaum je die Grenzen von k.k. Österreich sprengende Dramatiker verfasste da ne Posse ohne Wortwitz und Hinterfotzigkeit. Da muss ein Bösch einfach eingreifen, um das Ruder herumzureißen. Und so wurde mit Slapstick und Spiegelfechten, aber keinem Verstand für schwarzen Humor vor schwarzem Hintergrund Nestroys Perückenposse ENDLICH verschlimmbessert. Vielleicht spielt man das demnächst schon in der Mehrzweckhalle Bad Böblinghausen. Welch ein Glück!

Erste Dringlichkeit war, Nestroys Sprachgewandtheit durch den Fleischwolf zu drehen. Weil der Originaltext nicht genug Urkomik hergibt, musste sich Kirsten Dene als Frau von Cypressenburg in Versprechverdrehungen wie Taliban/Talisman ergehen. Was haben wir gelacht. Andre Meyer ist als Plutzerkern der beste Piefke der Welt – eine vollkommen logische Regieentscheidung. Ebenso wie die, Dietmar König als Friseur Monsieur Marquis im Fechtgewand zu einem Mix aus Frankensteins Monster und Richard III. zu machen; oder Maria Happel als dessen geliebte Kammerfrau Constantia zur Gothicbraut samt Reitpeitsche. Allesamt heftig bemüht, diesen ulkigen Alpenländerdialekt irgendwie auf die Reihe zu kriegen. Das gilt auch für Markus Meyer als Titus Feuerfuchs, der für den verletzten Johannes Krisch eingesprungen ist. Arrogant-affektiert-geschwätzig, selbst im Striptease, ist er doch ein wenig im Osvald stecken geblieben. Ließ er dem Osvald zu wenig Fallhöhe in den Irrsinn, gibt er dem Titus zu wenig Oberlicht für den „gesellschaftlichen Aufstieg“. Sarah Viktoria Frick als Salome Pockerl müht sich in diesem Szenario nach Kräften.

Eine Lieblingsszene hat’s im Ganzen auch: Regina Fritsch als Gärtnerin Baumscheer mordet die Cypressenburg’sche Tochter (Liliane Amuat) im Plumpsklosett mit der Kettensäge, bis dieser die Gedärme aus dem Leib hängen … Überhaupt die Fritsch. Spricht wie frisch ei’gflogn aus Braadenlee (Breitenlee: Teil des 22. Wiener Gemeindebezirks, liegt im Marchfeld) und glaubt – ebenso wie Branko Samarovski als Bierversilberer Spund – „Nestroy“ spielen zu müssen. Eine Frechheit. Learnen’S amoi Deitsch, bevurs do wo’s spün! Möchte man den beiden zurufen. Schließlich hat Hartmann ein Konzept. „Der Talisman“ reiht sich nahtlos an den „Alpenkönig“ – in Fußball-Deutsch ausgedrückt: Eine Mannschaft, die dermaßen KEINE Einheit bildet, kann unmöglich ein Tor schießen.

PS.: Im „Talisman“ geht es um eine Gesellschaft, die aus Angst und Unwissenheit „das Fremde“ – die Rothaarigen – ausschließt und vertreibt. Und um einen der eigentlich Ausgestoßenen, der um jeden Preis Karriere machen will. Dazu könnte man eine Idee haben. Von wegen Erneuerung. Muss aber nicht sein. Oder wie Frau von Cypressenburg hier sagt: „Tschüss, Pfüat di, Baba, Adieu!“

www.burgtheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 8. 4. 2013