Architekturzentrum Wien: Downtown Denise Scott Brown

November 19, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Einladung zum Flanieren auf der Piazza

Denise Scott Brown vor der Skyline von Las Vegas, 1972. Bild: Robert Venturi

Denise Scott Brown ist Legende, Geheimtipp und Ikone. Sie startete eine Revolte gegen die architektonische Moderne mit dem Ziel, die Moderne zu retten. Höchste Zeit für die weltweit erste umfassende Einzelausstellung zum Werk der heute 87-jährigen Architektin, Stadtplanerin, Lehrerin und Autorin: „Downtown Denise Scott Brown“, zu sehen ab 22. November im Architekturzentrum Wien.

Seit den 1960er Jahren hat Denise Scott Brown – gemeinsam mit ihrem Partner und Ehemann Robert Venturi, mit dem sie ein Büro in Philadelphia führte – Generationen von Architektinnen und Architekten auf der ganzen Welt beeinflusst. Sie hat den Zusammenhang von Architektur und Stadtplanung, die Regeln von Entwurf, Fotografie und Analyse sowie Fragen von sozialer Verantwortung und Alltag und nicht zuletzt die Möglichkeit gemeinsamer Kreativität neu definiert. Aus ihrem Forschungsprojekt zu Las Vegas entstand das wegweisende Buch „Learning from Las Vegas“, dessen Einfluss bis heute spürbar ist.

Scott Brown trat als heftige Kritikerin einer Moderne an, die Kontext, Kommunikation und Geschichte beharrlich ignorierte. Die Arbeit mit dem Vorhandenen, mit der „Stadt als Palimpsest“, ist für ihre urbanistische und theoretische Arbeit zentral. Heute, da sich eine jüngere Generation von Architekten wieder dieser Komplexität verschreibt, sind Scott Browns undogmatische Formensprache, ihre zurückhaltenden urbanen Eingriffe, ihre aufschlussreichen photographischen Analysen, aber auch ihre manieristischen Eskapaden und ihr postheroischer Humor reif für eine Wiederentdeckung.

Denise Scott Browns Leistungen wurden in den letzten Jahrzehnten oft übersehen oder marginalisiert. So wurde 1991 der Pritzker Preis für die gemeinsame Arbeit alleine an Robert Venturi verliehen, was Jahre später auch eine öffentlichkeitswirksame Petition nicht korrigieren konnte. Der Kampf um die Anerkennung von Frauen in der Architektur, aber auch um das Verstehen von gemeinsamer Kreativität, ist Denise Scott Brown ein Anliegen geblieben. Aber paradoxerweise hat gerade ihr Status als feministische Ikone wiederum den Blick auf ihre architektonische Arbeit verstellt. Deshalb widmet sich die Ausstellung im Architekturzentrum Wien gleichermaßen Leben und Werk dieser Grande Dame der Architektur. Scott Brown verfolgt weiterhin ihre Ideen und widmet sich dem Schreiben. Robert Venturi verstarb im September dieses Jahres.

Mielparque Nikko Kirifuri Hotel und Spa, Nikko, Japan, 1997. Bild: Matt Wargo

Sainsbury Wing, National Gallery, London, United Kingdom, 1991. Bild: Richard Bryant

Die ungewöhnliche Form der Ausstellung „Downtown Denise Scott Brown“ entspricht ihrem einzigartigen architektonischen und urbanistischen Werk, das einerseits mit Kommerz und Populärkultur spielt und andererseits ästhetische und gesellschaftliche Konflikte vorführt. „Downtown Denise Scott Brown“ ist zugleich Ausstellung und urbaner Ort. Unter dem Backsteingewölbe des Architekturzentrum Wien entfaltet sich rund um einen monumentalen und doch geheimnisvollen Brunnen ein städtischer Platz, gerahmt von Geschäftsportalen, einem Café und Marktstand. Hier begegnen Besucher dem faszinierenden Leben und Werk von Denise Scott Brown in Originalobjekten, Fotos, Collagen, umfangreichen Zitaten, Plänen und Videos. Der Bogen der Ausstellung erstreckt sich von ihrer Kindheit in Afrika und ihren ausgedehnten Studienreisen auf der ganzen Welt über ihre berühmten fotografischen Projekte, ihre Schriften und ihre bahnbrechenden Studien wie „Learning from Las Vegas“ bis zu ihrer architektonischen und urbanistischen Arbeit auf vier Kontinenten.

Besuchern von „Downtown Denise Scott Brown“ sind eingeladen, entlang der Schaufenster zu flanieren, sich in überraschende Details zu vertiefen, über „Kleine Big Ideas“ oder „Augen, die nicht sehen!“ zu diskutieren. Sie können mit ihren Kindern rund um den riesigen Brunnen verstecken spielen oder sich mittels einer interaktiven Fotobox selbst zum „Monument“ machen. Sie können beim Café Nkana Kaffee und Kuchen genießen, etwa einen Denisian Cappuccino namens Denisuccino, die eigene Stadtzeitung lesen und ein Souvenir aus dem Venturi Fruit and Produce Shop mit nach Hause nehmen. „Downtown Denise Scott Brown“ ist „Wiens neues Downtown“.

Denise Scott Brown hilft beim Bau einer Tennishalle an der Universität Witwatersrand, 1950. Bild: Clive Hicks

Auf ihrer Entdeckungsreise auf dem Las Vegas Strip spielten Denise Scott Brown und Robert Venturi „Mir kann etwas Hässlicheres gefallen als dir“. „Er wurde zu unserer schönsten Hässlichkeit, unserem besten Objet trouvé“. Ihr „Ugly Game“ empfiehlt die Ausstellung auch den Besuchern: „Fotografiere Hässliches oder Schönes oder Überraschendes in der Ausstellung und poste deine beste Hässlichkeit unter dem Hashtag #uglyinstagram_azw. Und dann lass dich in der Ausstellung überraschen“.

www.azw.at

19. 11. 2018