aktionstheater ensemble: Martin Gruber im Gespräch

November 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Nicht Ideologien, Haltung wird uns weiterbringen“

Martin Gruber. Bild: © Apollonia Bitzan

Momentaufnahmen aus dem Leben zu einem Bildband des Empfinden formen. So definiert das aktionstheater ensemble seine Art, Theater zu machen. Kommendes Jahr begeht die Kompagnie ihr 30-Jahr-Jubiläum. Gründer und Leiter Martin Gruber im Gespräch über aktuelle Aufführungen, Pläne für 2019 und das Theater als amoralische Anstalt:

MM: Sie zeigen ab 15. November im Wiener Werk X, ab 4. Dezember im Spielboden in Dornbirn Ihre vier Inszenierungen „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“, „Ich glaube“, „Immersion. Wir verschwinden“ und „Swing. Dance to the right“ in Doppelvorstellungen als „4 Stücke gegen die Einsamkeit“. Was darf man sich erwarten?

Martin Gruber: Der Punkt war für mich, die Querverbindungen zwischen den Abenden transparent zu machen, aufzuzeigen, wie die Stücke zusammenhängen. Und zwar, ohne das Ganze edukativ zu machen, weil ich es für Hybris halte, zu glauben, man könne das Publikum erziehen. Um das, was ich meine, an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wir zeigen zum Beispiel den Machismo oder „Post-Machismo“ in „Die wunderbaren Zerstörung des Mannes“, während es in „Ich glaube“ um Religion, und damit auch um patriarchale Strukturen geht.

MM: Haben sich die Abende verändert?

Gruber: Die Stücke haben sich insofern gewandelt, heißt: weiterentwickelt, als wir auch zeigen, was sich in der letzten Zeit getan hat. Wir wollen klar machen, wie sich der Egotrip des einzelnen, die Entsolidarisierung, die ich in der Gesellschaft meine zu spüren, wiederum auf das Individuum auswirkt. Man kann nicht sagen, bis zu dieser Grenze Österreichs oder Europas bin ich solidarisch, und vier Meter drüber geht es mich nichts mehr an. Das ist eine absurde Haltung. Wir sind nicht allein, und gerade, was jetzt in Österreich passiert, siehe UNO, wenn es der Politik nur noch darum geht, die eigene Klientel zu bedienen, das ist ein Paradigmenwechsel, den ich aktuell einbinden will. Nicht à la Kabarett mit Eh-schon-wissen-Sätzen, sondern sich auf die Suche zu begeben nach dem, was mit uns passieren kann.

MM: Was passiert mit dem Einzelnen?

Gruber: Darüber will ich keine abstrakte Analyse auf der Bühne. Ich gehe der Frage nach, was tun gegenwärtige politische Entscheidungen mit mir. Da soll es keine Thesenhaftigkeit geben, sondern ganz pur: Was machen diese Vorgänge mit mir.

MM: Das klingt, als wären Ihre Inszenierungen immer Work in Progress. Was ist eine Initialzündung, und wann empfinden Sie Texte als abgespielt? Man nannte Ihr Team ja auch schon eine „schnelle Eingreiftruppe“ …

Gruber: „Pension Europa“ spielen wir seit fünf Jahren. Wir machen aber nicht von heute auf morgen ganze Stücke anders, wir verschärfen dort, wo es sich aktuell ergibt, wo wir neue Stimmungen und Bestimmungen orten. Dabei will ich aber nichts aufblasen. Aufblasen dürfen und sollen sich die Dinge in den Köpfen des Publikums. Ich sitze in jeder Aufführung meines Ensembles, und jeden Abend, eine halbe, dreiviertel Stunde vor Beginn coache ich ein, um von der Energie her auf dem Level zu bleiben, den wir bei der Premiere hatten. Bevor eine Schauspielerin, ein Schauspieler die Bühne betritt, soll sie/er wissen, was sie/er mitteilen will. Der Fokus liegt auf der Dringlichkeit des Gesagten.

Die wunderbare Zerstörung des Mannes. Bild: Stefan Hauer

Ich glaube. Bild: Stefan Hauer

MM: Sie arbeiten mit einem fixen Stamm von Schauspielern. Wer bei Ihnen mitmachen will, muss bereit sein, etwas von sich preiszugeben, sich zu entblößen – tatsächlich wie im übertragenen Sinne. Was muss man können, um zum aktionstheater ensemble zu gehören?

Gruber: Abgesehen vom Können ist es ein sozialer Aspekt. Bei der Arbeit ist eine der wichtigsten Grundlagen die Empathie, das Miteinander-Können. Also frage ich mich, wie passt ein Schauspieler, eine Schauspielerin in die Truppe. Es muss eine Diversität vieler verschiedener Charaktere gegeben sein, damit Energie entsteht und ein angstfreies Arbeiten möglich ist, und jemand muss mir sympathisch sein, ganz ehrlich. Ich arbeite mit niemandem, bei dem das nicht der Fall ist, so großartig kann der künstlerisch gar nicht sein. Schauspieler sollen bei mir das Gefühl haben, aufgefangen und nicht zu etwas vergewaltigt zu sein, so entsteht die Wahrhaftigkeit, die mit den Darstellern persönlich zu tun hat. Wir starten in einer ganz bestimmten Form der Authentizität, suchen etwa xenophobe Ansätze in uns, damit wir nie arrogant auf der Bühne stehen, und „den Deppen da unten“ die Welt erklären.

MM: Ihre Inszenierungen haben in der Regel Humor. Ist Humor ein Mittel, um Themen zu transportieren? Sie haben einmal gesagt, Sie wollen „der Realität unter den Rock schauen“.

Gruber: Ja, Humor und Selbstironie und Spaß haben sind extrem wichtig. Nichts liebt das Publikum doch mehr, als wenn ich mich selbst verarsche. Bei den sogenannten „politisch ernsthaften“ Stücken wird Humor immer unterschätzt. Dabei liegt er ganz nah bei der Tragödie und beim Schmerz. Humor ist ein Transmitter, mit dem ich die Menschen öffne, und dann hau‘ ich rein. Das nennt man dann Verführung. (Er lacht.) Ein anderer Aspekt ist die Ästhetik: Reiner Ästhetizismus geht gar nicht. Wirkliche Schönheit hat nichts mit Deko zu tun. Wichtig ist mir, dass das, was wir zeigen, in den Zuschauern arbeitet. Ich nenne das Evokation. Wichtig ist nicht, was gesagt wird, sondern was es auslöst.

MM: Darf man sagen, Ihre Regiearbeiten sind choreografiert?

Gruber: Choreografiert ist gut. Ich stehe nicht auf Deklamation auf Stelzen. Mein Theater ist immer sehr körperlich. Am sichtbarsten ist das bei „Swing. Dance to the right“, im Stück geht’s ums „To make a show of“ vom Herrn Punkt-Punkt-Punkt, wo die Darsteller ständig in Bewegung sind, und zwar nicht im gleichen Rhythmus mit dem Sprechen. Das einzustudieren, bis es leicht wirkt, war Knochenarbeit. Mir geht es immer darum, möglichst viele Sinne anzusprechen, und nicht nur die kognitive Information, sondern auch die Körperlichkeit als Subtext zu transportieren.

MM: Das aktionstheater ensemble feiert kommendes Jahr sein 30-jähriges Bestehen; Sie haben es 1989, im Alter von 22 Jahren, gegründet. Wie kam’s dazu?

Gruber: Ich stand quasi schon mit einem Bein im arrivierten Theaterapparat, und versuchte in letzter Sekunde da wieder rauszukommen. Dieser eigenartige Tempel hat mich ziemlich abgeschreckt und mir ziemlich Angst gemacht. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mich da entfalten kann. Für mich persönlich war diese Struktur, nicht zuletzt hierarchische Struktur, ich habe ja Schauspiel gelernt, nicht das Richtige. Ich hatte das Gefühl Bankbeamter zu sein, und hat für mich nicht gestimmt. So weit zu gehen, wie ich will, das war mir schnell klar, konnte ich nur mit meiner eigenen Kompagnie.

MM: Und haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

 Gruber: Sehr viele davon. Ich wollte, wie gesagt, in einem angstfreien Raum Kunst machen, und das kann ich jetzt. Es waren heftige Zeiten, wenn ich etwa an den Kampf um Subventionen denke; es ging und geht dadurch, dass ich es mit Menschen zusammen mache, die aneinander glauben. Alleine möchte ich das nicht durchziehen. Das war ganz von Anfang an natürlich Martin Ojster, dann auch Schauspielerin Susanne Brandt. Es wird immer mehr zum Hochgenuss mit ihr zu arbeiten, weil wir einander in- und auswendig kennen, und sie mich trotzdem immer noch überrascht. Ich kann mit ihr in die Tiefe gehen, mitunter bis auf einen schamlosen Level. Die Tatsache, dass das aktionstheater ensemble so gut funktioniert, freut mich, weil viele gesagt haben, eine freie Kompagnie ist in Österreich nicht möglich, das machst ein Zeitl und dann gibst du auf.

Immersion. Wir verschwinden. Bild: Gerhard Breitwieser

Swing. Dance to the right. Bild: Gerhard Breitwieser

MM: Sie haben, das muss man sagen, eine treue Fangemeinde. Und in der Regel gute Kritiken.

 Gruber: Ja, es läuft. Die Bäume wachsen nicht in den Himmel, aber man darf zufrieden sein.

MM: Das heißt?

Gruber. Wir können zwar finanziell keine großen Sprünge machen. Martin Ojster und ich versuchen, die Leute fair zu bezahlen und kein Geld für Bühnenbilder etc. zu verschwenden. Das ist eine Grundhaltung, und so entstand auch unsere Ästhetik des leeren Raums, eine Reduktion, in der alles vom Schauspieler, der Schauspielerin ausgeht. Die österreichischen Subventionsgeber sind halt sehr in die Institutionen verliebt, als würde, wenn man dort einen Furz lässt, die Luft besser. Ich hingegen bin der festen Überzeugung, dass die freien Kompagnien die Zukunft des Theaters sind. Frankreich, Belgien, auch die Niederlande, haben da eine viel progressivere Tradition, und diesbezüglich wäre Österreich gut beraten, sich etwas zu überlegen.

MM: Sie werden fürs Jubiläumsjahr eine neue Produktion entwickeln, wie ich annehme. In der gegenwärtigen Situation in Österreich und der Welt, juckt Ihnen nicht täglich ein neues Thema in den Fingern?

Gruber: Genau das ist das Thema vom nächsten Jahr: Wie derzeit die Post abgeht. Das Stück heißt „Wie geht es weiter?“, mit dem Untertitel „Die gelähmte Zivilgesellschaft“. Mich interessieren nicht die Leute, die das, was gerade passiert, ganz toll finden, sondern, dass ich bei denen, die das gar nicht toll finden, eine eigenartige Lähmung und Trägheit verspüre. Warum schläft der ohnedies immer sehr kleine Prozentsatz, der das Potential hätte, die Dinge zum Besseren zu wenden? Ich frage mich, wo ist die Avantgarde? Warum ist, wenn von Fortschritt die Rede ist, immer nur das Geld gemeint? Warum macht uns unsere Saturiertheit so depressiv? Warum wird nicht mehr aufbegehrt, sondern ausgesessen? Sehr viele, fürchte ich, sind damit zufrieden, dass gewisse Populisten jetzt die unangenehmen Entscheidungen erledigen, und sie selber deshalb nicht aus ihrer Komfortzone müssen. Die Menschen wissen zwar, dass das mieft, aber …

MM: Um in dem Zusammenhang darauf zurückzukommen, dass Sie vorhin sagten, Sie wollen nicht edukativ sein: Sie glauben nicht an das Theater als moralische Anstalt?

Gruber: Das ist eine Fangfrage. Das Theater ist keine unmoralische Anstalt, das Theater ist eine amoralische Anstalt. Zuerst einmal muss ohne Wertung alles möglich sein. Ich ersetze den Begriff Moral durch Haltung. Wenn ich mich den Dingen mit Haltung nähere, passiert etwas anderes, als wenn ich a priori weiß, was richtig und falsch ist. In dieser Banalität würde es weder uns noch unser Publikum interessieren. Ich will nicht sagen, etwas ist so und so, sondern ein Paradoxon aufwerfen, über das dann gedacht und gefühlt wird. So in etwa würde ich unsere Herangehensweise beschreiben, aber natürlich ist man als Theatermacher immer auch Moralist, alles andere zu behaupten, wäre eine Lüge.

MM: Was würde derzeit, sagen wir zwischen Nationalismus und Neoliberalismus, gebraucht?

Gruber: Der Mut, ein Drittes zu denken. Nicht Ideologien, sondern Haltung wird uns weiterbringen. Ideologien verbreiten Dogmen, Haltung hingegen ist momentan, kein fertiges Konzept, das ich aus einer Schublade zerre, sondern die Verpflichtung, jetzt zu reagieren. Heißt, nicht langwierig in einem Maßnahmenkatalog zu blättern, sondern die Menschen jetzt aus dem Wasser zu ziehen. Der Mensch hat überlebt, weil er solidarisch war, weil er ein Herdentier war. Allein gegen den Löwen hast du ein Problem, aber zu zehnt mit Lanzen …

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5. 11. 2018