Kunsthalle Wien: Antarktika. Eine Ausstellung über Entfremdung

Oktober 21, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Gesellschaftliche Kälte, fotografiert und gefilmt

Jana Schulz: Golden Boys Igdir (Video Still), 2018. Bild: © die Künstlerin

„Die Gletscher der Antarktis rücken jährlich drei Millimeter auf uns zu“, notierte der Regisseur Michelangelo Antonio in den 1960er-Jahren. „Ausrechnen, wann sie ankommen. In einem Film vorhersehen, was dann passieren wird.“ Das von Antonioni in der Antarktis konzentrierte Bild der vergletscherten Gesellschaft, der Gefühle in Konventionen erstarren lassenden sozialen Kälte, prägt das europäische

Filmschaffen von der Nachkriegszeit bis in Teile der Gegenwart hinein. Auch die bildende Kunst als Barometer zeithistorischer Empfindung hat die Abkühlung einer kapitalistisch-konsumorientierten Welt immer wieder beschrieben. Ab 25. Oktober befasst sich die Schau „Antarktika. Eine Ausstellung über Entfremdung“ in der Kunsthalle Wien damit. In der Erfahrung von Entfremdung spiegeln sich gravierende gesellschaftliche Veränderungen – von der Säkularisierung über die Industrialisierung und Technisierung bis zur heutigen radikalen Individualisierung. Entfremdung zählt zu den prägnanten Signaturen der Moderne und beschreibt eine geradezu systemische Störung im Verhältnis des Menschen zu dem, was ihn umgibt, woran er glaubt, wonach er strebt. Auf eine einfache Formel gebracht, beschreibt Entfremdung einen paradoxen Zustand gleichzeitigen Beteiligt- und Unbeteiligtseins. Beziehungen, Institutionen, Arbeitsprozesse treten dem Subjekt plötzlich als etwas Fremdes entgegen, dem es sich selbst nicht mehr zurechnet.

Die Ausstellung „Antarktika“ denkt dieses gleichzeitige Beteiligt- und Unbeteiligtseins weiter und versammelt insbesondere jüngere Positionen der Gegenwartskunst. Diese beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Identität, Person und vorgegebener Rolle in der Moderne bis zu den „neuen Arbeitswelten“. Studien von Verhaltensformen der Kälte stehen dabei Werken gegenüber, in denen eine intensive Ich-Bezogenheit überhitzt wirkt. In der Auswahl der Werke wurde der Schwerpunkt auf Fotografie und Film gelegt Andrzej Steinbachs Fotoserie „Gesellschaft beginnt mit drei“ von 2017 zeigt zum Beispiel drei Personen in einem Raum, deren Kleidungsstücke und Accessoires immer wieder ausgetauscht werden. Die Modelle wechseln ihre Position, variieren ihre Gestik und ihren Habitus und lassen einen im Unklaren darüber, welche Konstellation ihrer tatsächlichen Beziehung untereinander entspricht. In prägnantem Schwarzweiß aufgenommen, erinnern Steinbachs Fotografien an avancierte Modekampagnen und daran, wie ehemals subkulturelle Chiffren in massentauglichen Lifestyle-Optionen übersetzt werden.

Ingel Vaikla: Roosenberg (Video Still), 2017. Bild: Courtesy die Künstlerin

Buck Ellison: Untitled (Christmas Card #6), 2018, Private collection. Bild: Courtesy der Künstler

In „Crisis and Control“ aus dem Jahr 2013 hingegen steht die erodierte Grenze zwischen Arbeit und Freizeit im Zentrum. Zwischen Dokumentation und Performance angesiedelt, zeigt Burak Deliers Videoarbeit Büroarbeiter und Manager einer internationalen Firma in Istanbul, die Yogaübungen machen und dabei von ihrer individuellen Arbeitsbiografie erzählen. Die scheinbar absurde Situation der möglichst akkuraten Schilderung von Karriereoptionen oder Problemen am Arbeitsplatz, während die Personen komplizierte Stellungen einnehmen, ist dabei auf fast tragische Weise real:

Es handelt sich nämlich um tatsächliche Angestellte, die die Anforderungen ihres Jobs und den Wunsch nach effizienter Selbstoptimierung mit Yoga zu kompensieren suchen. Andere Werke  zeigen die gegenwärtige Konsumkultur: eine digital optimierte Normalität – aufwändig inszeniert und doch banal. Lediglich jegliche Makel wurden entfernt. Buck Ellisons Fotografien etwa erinnern an vorproduzierte, über Bildagenturen vertriebene Aufnahmen für Werbekampagnen.

Perfekt komponierte Bilder in satten Farben, die wissen, was optisch funktioniert, und eingängige Kategorien prägnant bedienen: „Lifestyle“, „Gemeinschaft“, „Erfolg“, ohne dass der verbessernde Eingriff in die Wirklichkeit allzu offensichtlich wird. Bei Ellison sieht entsprechend alles echt und gestellt zugleich aus, perfekt in seinem Streben nach zwischenmenschlicher Harmonie, und doch vermag der zur Schau gestellte Hedonismus die frei flottierende Tristesse nur auf der Oberfläche zu übertünchen.

www.kunsthallewien.at

21. 10. 2018