Wien Museum: Der erkämpfte Republik

Oktober 21, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Als 1918 der Acht-Stundentag eingeführt wurde

Die Ausrufung der Republik am 12. November 1918. Bild : Richard Hauffe © Wien Museum

Wien, 12. November 1918: Hunderttausende waren auf die Wiener Ringstraße gekommen, um das Ende der Habsburger Monarchie und den demokratischen Neubeginn zu feiern. An diesem Tag wurde die Republik Deutschösterreich ausgerufen. Die Ausstellung „Die erkämpfte Republik“ erzählt ab 25. Oktober im Wien Museum davon, wie der neue Staat entstand und welche Folgen die Wendezeit 1918/19 hatte. Zwölf dramatische Monate in faszinierenden historischen Fotodokumenten: Der Zerfall des Habsburgerreiches und das Kriegsende, die Rückkehr der Soldaten, Hunger und Not.

1918/19 markiert aber auch den Beginn einer neuen demokratischen Ära: Das Frauenwahlrecht wurde eingeführt, Zensur und Versammlungsverbote wurden aufgehoben, der Acht-Stundentag eingeführt. Diese Errungenschaften kamen nicht von selbst – sie waren hart erkämpft. Einerseits von den demokratischen Kräften im Land, andererseits von Teilen der Bevölkerung, die in einer beispiellosen politischen Aufbruchsbewegung für einen Neuanfang auf die Straße ging. Schauplatz der Massenkundgebungen und revolutionären Proteste war die Ringstraße.

Der politische und gesellschaftliche Umbruch fand erstmals vor den Augen von Fotojournalisten statt. Woche für Woche erreichten die aktuellen Bildberichte in den auflagenstarken Illustrierten ein großes Publikum. Im Mittelpunkt der Schau steht das Werk des Wiener Fotografen Richard Hauffe der besonders eindrückliche Bilder der jungen Republik hinterließ. Ein Teil seines Werkes hat sich im Wien Museum erhalten und wird erstmals gezeigt. Die fotografische Erzählung wird um Wahrnehmungen von Zeitgenossen ergänzt. Neben Journalisten, Schriftstellern, Politikern und Wissenschaftlern wie Stefan Zweig, Alfred Polgar, Joseph Roth, Egon Erwin Kisch, Rosa Mayreder, Sigmund Freud oder Josef Redlich kommen bewusst auch ganz unbekannte Menschen wie etwa die Ziegelarbeiterin Marie Toth oder der Facharbeiter Albert Lang zu Wort, die ihre Erlebnisse in Tagebüchern oder Briefen festgehalten haben.

Manchen erschienen die damaligen Ereignisse unwirklich und schwer fassbar. Zu rasant waren die tagtäglichen Veränderungen, zu unabsehbar die längerfristigen Folgen. So schrieb etwa Stefan Zweig am 27. Oktober in seinem Tagebuch: „In Österreich überstürzen sich die Dinge mit namenloser Geschwindigkeit. Die Lawine rollt rasch: man möchte ihr zuschauen, wie sie stürzt, aber sie hält nicht inne. Es ist furchtbar, diese Eile, dieses rasende Tempo.“

„Hoch die Republik!“ Wahlkampf für die erste Parlamentswahl der Republik, Februar 1919. Bild: Das interessante Blatt, 13. Februar 1919 © ÖNB / ANNO / Wien Museum

Sozialdemokratische Kundgebung für das Frauenwahlrecht, Wien-Ottakring, 1913. Bild: © Kreisky Archiv

„Heraus mit dem Frauenwahlrecht!“ Diese Forderung wurde bereits auf sozialdemokratischen Frauenkundgebungen vor dem Ersten Weltkrieg erhoben – vergebens. Gegen Kriegsende nahmen die Frauen den Kampf erneut auf. Am 24. März 1918 fand im Wiener Rathaus unter dem Motto „Für Frauenwahlrecht und Völkerfrieden“ eine große „Frauentagsversammlung“ statt. Im Sog des politischen Umsturzes ging dann alles sehr schnell, die Konservativen gaben die Widerstände gegen die Gleichberechtigung an der Wahlurne auf. Im neuen Grundgesetz der Republik, das am 12. November 1918 beschlossen wurde, war auch das Frauenwahlrecht verankert. Tage später wurden durch Kooption die ersten Frauen in den Wiener Gemeinderat aufgenommen.

Die Startbedingungen für die Republik waren alles andere als günstig. Der verlorene Krieg lastete schwer auf dem Land, die Stimmung unter den Kriegsheimkehrern pendelte zwischen Niedergeschlagenheit und Revolutionsbereitschaft, schwere Hungersnöte plagten Wien, die Spanische Grippe, Tuberkulose und andere Krankheiten forderten auch noch nach Kriegsende viele Opfer. Dazu kamen die extreme Kohlennot, das Wohnungselend und die schlechte Gesundheitsversorgung.

„Die Männer rauchen, damit ihnen der Hunger vergeht“, schrieb die Wienerin Fritzi Sallaba in einem Brief im Dezember 1918. Und sie ergänzte: „Wie Schatten gehen die Menschen herum.“ Besonders in Wien war 1918/19 die Versorgung mit Nahrungsmitteln katastrophal. Viele Hungernde unternahmen sogenannte Hamsterfahrten auf das Land. Die Großstadtbewohner kauften bei den Bauern der Umgebung Lebensmittel oder suchten in den abgeernteten Feldern nach Essensresten. Frierende Wiener holzten ganze Parks und Grünzonen ab, wobei sich der Wiener Wald als besonders ergiebiges Brennstoffreservoir erwies.

Kriegsheimkehrer auf dem Zugdach, Wien, November 1918. Bild: Wiener Illustrierte Zeitung, 20. Dezember 1918 © ÖNB / ANNO / Wien Museum

Hunger nach dem Krieg. Frauen und Kinder durchstöbern einen Mistplatz, Wien 1920. Aus: Das interessante Blatt, 3. März 1920. Bild: Josef Perscheid © ÖNB / ANNO / Wien Museum

Während der ersten Monate der jungen Republik wurden weitreichende Sozialreformen umgesetzt, die die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen verbesserten. Eine dieser Maßnahmen, die auf Initiative des SPÖ-Staatssekretärs für soziale Fürsorge Ferdinand Hanusch zurückging, war die gesetzliche Verankerung des Acht-Stundentags im Dezember 1918. Sie brachte die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit auf ein erträgliches Maß. Von den überlangen Arbeitszeiten bis zu 16 Stunden und Nachtschichten, beispielsweise zur Produktivitätssteigerung in Fabriken, waren im 19. Jahrhundert nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder betroffen. Diese Belastungen gehörten nun der Vergangenheit an.

Mitte 1919 hatte sich die politische Situation in Österreich einigermaßen stabilisiert, wichtige Entwicklungen standen zu diesem Zeitpunkt aber noch an: der Beschluss einer neuen Verfassung im Jahr 1920, die Umsetzung wichtiger Sozialgesetze, der Aufbau eines neuen Berufsheers, die Einlösung mancher Bedingungen des Pariser Friedensvertrags oder die endgültige Festlegung der Grenzlinie in Südkärnten und im Burgenland, um nur einige Beispiele zu nennen. Trotzdem machte sich erstmals zaghafte Hoffnung breit. In der Fotoberichterstattung der Illustrierten kehrte der Alltag zurück.

Im Sommer 1919 lichtete der junge Sportfotograf Lothar Rübelt drei Wurfathletinnen des Damensportvereins Danubia in kurzen Hosen und mit entblößten Beinen ab. In Bildern wie diesen, die vor dem Krieg noch vollkommen undenkbar gewesen waren, kündigte sich eine neue Zeit an.

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21. 10. 2018