Lentos – Tatiana Lecomte: Anschluss

Oktober 18, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Geschichtsbefragung aus Linzer Fotoarchiven

Synagogen-Brand, 10. November 1938. Bild: Franz Mittermayr, Diözesanarchiv Linz

Ab 19. Oktober beschäftigt sich das Lentos in der Schau „Tatiana Lecomte: Anschluss“ mit der medialen Darstellung geschichtlicher Ereignisse. Die Künstlerin kombiniert in der Ausstellung das Medium Film mit eigenem und historischem Fotomaterial. Lecomte forschte für die Ausstellung  in Linzer Fotoarchiven. Ihr Interesse liegt bei Bildern, die üblicherweise verwendet wurden, um die kollektive Erinnerung an die Vergangenheit aufrecht zu erhalten.

Sie nähert sich dem Material mit der Absicht, überlieferte Festschreibungen von Bedeutungen zu hinterfragen. Lecomte arbeitet mit verschiedenen Stilmitteln der Verfremdung, um im kollektiven Gedächtnis umzurühren. Durch ihr Montageprinzip aus Alt und Neu werden die krassen Zusammenhänge verschärft, die die nationalsozialistisch geprägte Bildästhetik der überlieferten Fotos hinterfragen.

Der Fokus von Lecomtes Suche kreiste um das Jahr 1938 – das Jahr, in dem der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich erfolgte. In  einem der Archive fand sie Fotos vom Aphroditetempel am Linzer Bauernberg.

Lecomte kontrastierte diese mit dem ungeschönten Bild einer alternden Frau. Auf einer anderen Tafel wird der Brand der Linzer Synagoge am 10. November 1938 Herbert Bayers „Aspen Trees – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gegenübergestellt. Eine weitere Tafel zeigt den Prunk und Pomp von Hitlers Zimmer im ehemaligen Hotel Weinzinger. Der „Führer“ bewohnte es, als er in Linz den „Anschluss“ verkündete. Eine reproduzierte Zeichnung eines KZ-Häftlings vermittelt im Gegensatz dazu einen vagen Eindruck, wie diese im Konzentrationslager Mauthausen untergebracht waren. Die Abbildung der „Todesstiege“ hängt unter dem Foto, das nationalsozialistische Propaganda im Stiegenhaus eines Linzer Altstadthauses zeigt. Von den historischen Fotos der Häftlinge aus Mauthausen zeigt Lecomte lediglich die Rückseiten. Sie entzieht sie dem voyeuristischen Blick. Zu sehen ist allerdings ihr eigenes von der zynisch so genannten „Fallschirmspringerwand“, von der Häftlinge in den Tod gestoßen wurden.

Tatiana Lecomte: Ein mörderischer Lärm, 2015. © Bildrecht, Wien 2018

Tatiana Lecomte: Fallschirmspringerwand 1, 2005. © Bildrecht, Wien 2018

In Lecomtes Film „Ein mörderischer Lärm“ aus dem Jahr 2015 berichtet Zeitzeuge Jean-Jacques Boijentin über seine Zwangsarbeit im Konzentrationslager Gusen, wo er beim Bau des unterirdischen Flugzeugwerks „B8 Bergkristall“ als Elektriker eingesetzt war. Dabei steht die Stille der heute zugänglichen Anlage dem unerträglichen Lärm gegenüber, von dem Überlebende berichten. Tatiana Lecomte macht sich auf die Suche nach dem Lärm. Boijentin trifft im Film auf den Geräuschemacher Julien Baissat.

Die Künstlerin nähert sich den politischen Ereignissen des Jahres 1938 aus mehreren Perspektiven. Nicht nur Oberösterreich war Gegenstand der Recherchen. Manche Fotografien schoss sie auch im ehemaligen Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsass und im ehemaligen Internierungslager in Gurs. In diesem südwestfranzösischen Lager war die jüdische Philosophin Hannah Arendt im Mai 1940 interniert.

www.lentos.at

18. 10. 2018