Viennale 2018: Die Highlights aus dem Programm

Oktober 17, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eva Sangiorgi sorgt für ein Entdeckerfestival

„Suspiria“ von Luca Guadagnino. Bild: Viennale

Am 25. Oktober beginnt die erste Viennale unter der Leitung von Eva Sangiorgi. Dienstagabend präsentierte die neue Chefin gemeinsam mit Michael Loebenstein, Direktor des Österreichischen Filmmuseums, und Ernst Kieninger, Direktor des Filmarchivs Austria, ihr Debütprogramm. Mit Blick darauf lässt sich sagen: Die Viennale bleibt ein breit gestreutes Festival für Filmentdecker.

Bei dem die Unterscheidung zwischen Spiel- und Dokumentarfilm als überholte Kategorisierung von Kunstschaffen aufgegeben wurde. Eröffnet wird mit „Glücklich wie Lazzaro“ von Alice Rohrwacher, für den die italienische Filmemacherin dieses Jahr in Cannes den Preis für das beste Drehbuch erhielt. Im Hauptprogramm präsentiert die Viennale Filme, die kürzlich uraufgeführt wurden, wie „High Life“ von Claire Denis, „Doubles Vies“ von Olivier Assayas, „Roma“ von Alfonso Cuarón, „Monrovia, Ind iana“ von Frederick Wiseman, „Ni De Lian“ von Tsai Ming-liang, „Meeting Gorbachev“ von Werner Herzog, „In Fabric“ von Peter Strickland und „Suspiria“ von Luca Guadagnino. Letzterer bietet zudem die Gelegenheit, auch das Original von Dario Argento aus dem Jahr 1977 wieder einmal zu sehen, in restaurierter 4K-Fassung. Eine interessante Wechselwirkung wird sich wohl auch aus dem Vergleich der beiden von inneren Dämonen heimgesuchten Musikstars in den Biopics „Vox Lux“ von Brady Corbet und „Her Smell“ von Alex Ross Perry ergeben – zwei ebenso unterschiedlichen wie kraftvollen Porträts dieser Lebenswelt.

„Meeting Gorbachev“ von Werner Herzog. Bild: Viennale

„Doubles Vies“ von Olivier Assayas. Bild: Viennale

„Vox Lux“ von Brady Corbet. Bild: Viennale

„Angelo“ von Markus Schleinzer. Bild: Viennale

„Joy“ von Sudabeh Mortezai. Bild: Viennale

Regisseurinnen und Regisseure aus aller Welt werden ihre Werke vorstellen: Darunter Ivan Salatić, der mit „Ti imaš noć“ ein Generationen übergreifendes, mysteriöses Familiendrama gedreht hat, und César Vayssié, dessen „Ne Travaille Pas“ den Geist von 1968 mit künstlerischer Hingabe feiert, indem er filmische Gesten mit tänzerischen Bewegungen in Dialog treten lässt – was auf wunderbare Weise einen Bezug herstellt zu seinem vorangegangenen Film, ebenfalls im Programm: „Ufe“, der das politische Engagement bis auf die Spitze des Aktionismus treibt.

Er stellt dies in einem überraschenden meta-fiktiven Experiment in Verbindung zum militanten Kino der 1970er-Jahre und führt es als Verflechtung künstlerischer Disziplinen fort. Keinesfalls auch sollte man sich „La Flor“ entgehen lassen, einen epischen Film aus Argentinien von 14 Stunden Dauer und das Werk des nicht klassifizierbaren Filmemachers Mariano Llinás, der in dieser großartigen, gleichfalls nicht klassifizierbaren Übung in der Anwendung verschiedener Stile mit Geschick, Rhythmus und Sinn für Humor von einem Filmgenre zum andern übergeht, kurz: eine Hymne auf das Kino und die Frauen.

Unter den österreichischen Filmen bei der Viennale finden sich „Angelo“ von Markus Schleinzer, „Joy“ von Sudabeh Mortezai und „Chaos“ der in Wien ansässigen, syrischen Regisseurin Sara Fattahi. Nils Olger arbeitet in „Eine eiserne Kassette“ anhand seiner Familiengeschichte historische Fragen auf; auch „Das erste Jahrhundert des Walter Arlen“ von Stephanus Domanig bezieht sich am Beispiel des hundertjährigen Komponisten, der ins Exil gezwungen wurde und heute in Chicago lebt, auf die Geschichte Österreichs – die im Zwanzigsten Jahrhundert vom Nationalsozialismus überschattet ist und bleiben wird.

Hingegen stellt Christiana Perschon in „Sie ist der andere Blick“ aus nächster Nähe und in Zusammenarbeit mit fünf zeitgenössischen Künstlerinnen deren jeweiligen Werdegang dar. Einer weiteren außergewöhnlichen Frau und Kämpferin ist Houchang Allahyaris Kein-Abschieds-Porträt „Ute Bock Superstar“ gewidmet.

„Die Stadt ohne Juden“ von Hans Karl Breslauer. Bild: Filmarchiv Austria

„Die gekreuzigt werden“ von Georg Kundert. Bild: Filmarchiv Austria

Anlässlich der vielbeachteten Rekonstruktion und Restaurierung von Hans Karl Breslauers „Die Stadt ohne Juden“ geht das vom Filmarchiv Austria kuratierte Viennale-Spezialprogramm „Surviving Images“ den Spuren jüdischer Kultur und Geschichte im deutschsprachigen Stummfilm nach. Wenige Jahre vor der Shoah wurde jüdisches Leben vitaler und unmittelbarer als je zuvor im Film festgehalten. Vor allem österreichische und deutsche Stummfilme erwiesen sich dabei als eindrucksvolle Medien für die Dokumentation dessen, was bald völlig ausgelöscht werden sollte.

Im Jahr des Republikjubiläums erinnert diese Filmschau an jüdische Lebenswelten, die nur in Filmbildern überlebt haben. Acht der präsentierten zwölf Filme sind neue Restaurierungen, vier von diesen wiederum wurden im Filmarchiv Austria geschaffen. Die Filmschau ergänzt die noch bis Ende des Jahres im Metro Kinokulturhaus laufende Ausstellung „Die Stadt ohne“, die ausgehend von „Die Stadt ohne Juden“ einen Konnex herstellt zwischen dem historischen Hintergrund des Films und dem Antisemitismus und der Xenophobie der Gegenwart.

„Sh! The Octopus“ von William C. McGann. Bild: Österreichisches Filmmuseum

„The Face Behind the Mask“ von Robert Florey. Bild: Sammlung Österreichisches Filmmuseum

Unter den Retrospektiven einen besonderen Platz nimmt „The B-Film. Hollywoods Low-Budget-Kino 1935–1959“ ein. Ein einfacher Titel, dessen einfaches Ziel es ist, die Geschichte und das Vermächtnis jener Weise des Low-Budget-Filmemachens zu beleuchten, die innerhalb des Hollywood-Studiosystems erfunden und noch lange danach von so unterschiedlichen Regisseuren wie Jean-Luc Godard, Seijun Suzuki, Hartmut Bitomsky, Martin Scorsese oder Quentin Tarantino als Ideal angestrebt wurde.

Der B-Film war, wie diese Retrospektive aufzeigt, ein historisch spezifisches Kinogenre, das von den frühen 1930er-Jahren bis zum sogenannten Paramount Decree von 1948 seine Blütezeit erlebte – dank der Einführung von Double Features und der paradoxen Idealvorstellung  des Studiosystems als einer „Art Factory“ mit dem damit einhergehenden hohen Ansehen. Mit dem B-Film wurde eine Art von purem Kino geschaffen, in dem man zum einen zu den Varieté- und „Attraktions“-Anfängen des Kinos zurückkehrte, und zum anderen diverse Avantgarde-Strömungen verfolgte – von Surrealismus und Photogénie bis zu sowjetischer Montage.

Während einem dabei unmittelbar Val Lewton und Edgar G. Ulmer in den Sinn kommen, gibt es zahlreiche genauso wichtige Beispiele von außerordentlich innovativen, aber weniger bekannten B-Filmen, die ebenfalls auf dem Programm stehen: von William McGanns bizarrer Krimikomödie „Sh! The Octopus“ aus dem Jahr 1937 bis zu Joseph H. Lewis’ Film noir „So Dark The Night“ von 1946.

www.viennale.at

17. 10. 2018