Architekturzentrum Wien: Roland Rainer. (Un)Umstritten.

Oktober 17, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Städteplaner und sein Platz in der NS-Zeit

Roland Rainer: Stadthalle Wien, 1954–1958. Architekturzentrum Wien, Sammlung, Bild: Margherita Spiluttini

Spätestens seit der von der Stadt Wien in Auftrag gegebenen Studie über personenbezogene Straßennamen, worin der Roland-Rainer-Platz als „Fall mit Diskussionsbedarf“ eingestuft wurde, traten Fragen zu den biografischen Selbstauslassungen des Architekten in Bezug zur NS-Zeit auf. Das Architekturzentrum Wien behandelt diese nun ab 20. Oktober in der Schau „Roland Rainer. (Un)Umstritten.“

Roland Rainer zählt zu den bedeutendsten österreichischen Architekten des 20. Jahrhunderts. Seine Bauten wurden zu Identitätsträgern für ein demokratisches Österreich. Rainers städtebauliches Konzept für die „gegliederte und aufgelockerte Stadt“ gilt bis heute als wichtigstes Modell für den verdichteten Flachbau. In der NS-Zeit eignete er sich in der Deutschen Akademie für Städtebau, Reichs- und Landesplanung das Wissen der städtebaulichen Grundlagenforschung an, das ihm nach 1945 als Basis für eine Reihe von theoretischen Publikationen diente. Die Kontinuität der Konzepte im Werk Rainers und seine berufliche Karriere verweisen auf seine Anpassungsfähigkeit an die verschiedenen politischen Systeme. In seiner biografischen Eigenerzählung wurde die NS-Zeit sehr rudimentär kommentiert. Viele Fragen blieben offen.

Die Übernahme des Nachlasses in die Sammlung des Az W 2015 gab Anlass, sein Œuvre und seine Biografie neu zu befragen. Im Fokus steht der Zeitraum von 1936, als Rainer in Richtung Berlin aufbricht, bis 1963, jenes Jahr, in dem er seine Position in der Wiener Stadtplanung aufgibt. In der dritten Ausgabe der Ausstellungsreihe SammlungsLab werden in Kooperation mit der Akademie der bildenden Künste Wien die ersten Ergebnisse einer umfassenden Archivrecherche im In- und Ausland im Az W präsentiert und in einem begleitenden internationalen Symposium zur Diskussion gestellt. Dabei wird stets eine internationale Perspektive gesucht. Fragen werden über die Biografie von Roland Rainer hinaus an die politischen Kontexte von Architekturproduktion gestellt.

Die räumliche Expansionspolitik des NS-Regimes und die Kriegszerstörungen lösten einen Rationalisierungs- und Modernisierungsschub im Bauwesen aus. Dem Aufruf zur Planung der Neubesiedlung der Ostgebiete und des Wiederaufbaus bombenzerstörter Städte folgten viele Architekten. Neue Tätigkeitsfelder wurden eröffnet und Disziplinen wie Städtebau, Raumforschung, Raumplanung, Soziologie, Demografie und Geographie gewannen an Bedeutung. Für viele Akteure bedeutete dies Zugang zu  großen finanziellen Ressourcen, die ihre Arbeit förderten und den Grundstein ihrer beruflichen Karriere nach 1945 legten.

Roland Rainer, Carl Auböck: Fertighaussiedlung Veitingergasse, Wien, 1953. Bild: Architekturzentrum Wien, Sammlung

Roland Rainer: Werksiedlung Mannersdorf, Niederöstereich,1952–1953. Bild: Architekturzentrum Wien, Sammlung

Mit Hilfe neuer Quellen zu Leben und Werk Roland Rainers, die in der Ausstellung erstmals präsentiert werden, soll ein differenzierter Blick auf Roland Rainers Tätigkeit im Nationalsozialismus und die karrierebedingten Bestrebungen des Architekten ermöglicht werden. Beleuchtet werden die Netzwerke der Institutionen und Akteure, der wissenschaftliche Diskurs und die politischen Zielsetzungen der Auftraggeber.

Den Auftakt ins Thema machen die kontrovers geführten Diskussionen um Roland Rainers NS-Vergangenheit seit den 1990er-Jahren. Die Gegenüberstellung der autobiografischen Angaben Rainers mit den neuesten biografischen Erkenntnissen zeigt die Diskrepanz zwischen Eigenerzählung und einer auf Quellen basierten Forschung. Die Kuratorinnen Ingrid Holzschuh, Waltraud Indrist und Monika Platzer kontextualisieren mit neuen Dokumenten das Leben und Werk Roland Rainers und seine biografischen Spuren.

Mit diesem „Quellen-Mapping“ skizzieren sie jenes komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Akteuren, Institutionen, inhaltlichen Diskursen und historischen Ereignissen, in dem sich Rainer zwischen 1936 und der Nachkriegszeit bewegt. Rainers theoretische Arbeiten in den Nachkriegsjahren, wie „Die Behausungsfrage“ von 1947 oder „Die städtebauliche Prosa“ von 1948 waren geprägt von der Hoffnung, sich aktiv an der Neugestaltung der Städte zu beteiligen. In Rainers Auseinandersetzung mit der Thematik Wohn- und Städtebau zeigt sich seine Verankerung im internationalen Diskurs.

Mit dem Wettbewerbserfolg für die Wiener Stadthalle 1953 setzte Roland Rainers beruflicher Erfolg als Architekt mit moderner Gesinnung ein. Seine Architektur wurde zum Identitätsträger für die „Weltstadt“ Wien, die eine Wiederaufnahme in die internationale Staatengemeinschaft forcierte. Die Stadt Wien suchte Lösungen für eine „Stadt der Zukunft“ und ernannte Roland Rainer 1958 zu ihrem Stadtplaner. Nach mehreren Unstimmigkeiten trat Roland Rainer 1962 als Stadtplaner zurück. Bis zu seinem Lebensende kämpfte er für sein Ideal eines menschengerechten Wohnens in einer „organisch gegliederten und aufgelockerten Stadt“.

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17. 10. 2018