Stadtsaal – Andreas Vitásek: Austrophobia

Oktober 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein tiefer Blick in die Untiefen der Seele

Bild: Udo Leitner

Kein Schmäh. Die Angststörung gibt es tatsächlich. Von Ärzten definiert als Furcht vor Österreich und den hier lebenden Menschen, als ein Erschrecken vor der hiesigen Kultur. Ob Andreas Vitásek wirklich darunter leidet? … naja, sein aktuelles Programm bewegt sich schließlich nicht umsonst virtuos im Wechselschritt zwischen erlebt und erfunden. „Austrophobia“ heißt es, ist das 13.

Und gut ist’s, dass der Vitásek kein Triskaidekaphobiker ist, sonst hätte er damit nämlich arg Probleme. Man merkt, dem Kabarettisten geht es diesmal um Krankheit. Also, die der Seele. Er riskiert einen tiefen Blick in die Untiefen der österreichischen. Und in die eigene, weil die doch auch nur eine einheimische ist. Lieber aber, sagt er, fährt er weg, als dass er „heimkommt“, da hat er so ein kindheitliches Sprachtrauma von Ins-Heim-kommen, „wennst nicht brav bist“. Überhaupt, der Heimat-Begriff, das ganze Dirndlgetue im Servusland, ist ihm eher suspekt. Zuhause, sagt er, ist dort, wo man gerne kackt, Heimat ist, wo man begraben sein will. Und „fremdeln“ habe immer mit einem direkt und diesem Ein-bissl-mag-ich-mich-selber-nicht-Gefühl zu tun.

Vitásek arbeitet sich am F-Wort ab. So kommt er von den Wiener Philharmoniker zu Sigmund Freud und Falco (dessen Spruch „Jetzt ist es aus, das schaff ich nimma“ anlässlich des Nr.1-US-Chartplatzes typisch für den österreichischen Minderwertigkeitskomplex sei), und apropos Spruch: von Fred Sinowatz zum französischen Norbert-Hofer-Fan – ein Pariser Taxifahrer vom Flughafen auf dem Weg in die Stadt. Zur Vergangenheit, die nach der Gegenwart greift, sowieso, und nach dem hierzulande so beliebten Sich-aus-der-Verantwortung-Stehlen. Wählen, sagt er, ist wie Zähne putzen, wenn man es nicht macht, wird’s braun. Vitásek schießt subtil scharf, wenn er seine pointierten Beobachtungen in Pointen verwandelt.

Bild: Udo Leitner

Bild: Udo Leitner

Dass er dabei den Firnis von blenderischen Politoberflächen kratzt, das Regierungs-F nicht mehr als, aber doch eine durchlaufende Fußnote im Text, hat er nach seiner Beschäftigung mit Otto Grünmandl weiter intensiviert. Politisch ist er kein Trottel, und privat kennt er sich aus. Nichts nützt es, dass Frau und Tochter die „billigen Witze“ aus dem Programm entfernt wissen wollten, sie kommen ebenso gnadenlos vor, wie der familieneigene Mops, dieser illegal eingewanderte Slowake und Leckerli-Bettler in Erste-Bezirk-Boutiquen.

Und natürlich Vater Vitásek, der aus der damaligen Tschechoslowakei gekommene Schneidermeister. Bei „Migrationshintergrund“, sagt Vitásek Sohn, denkt er immer an Fototapeten. Viel mehr ist bei ihm mit dem Vokabel nicht anzufangen.

Vitásek erzählt Geschichte über G’schichtln, er hangelt sich mit enormen Tempo durch seine Assoziationsketten, probt den Spagat über persönliche und mentalitätsmäßige, aktuell politische bis austrohistorische Abgründe, verschont auch sich selber nicht.

Schildert schelmisch entrische Öffi-Begegnungen mit dem geneigten oder nicht geneigten Publikum, und wie das goldene Wienerherz beim Brandweiner absäuft. Dass der Humor ein morbider ist, mag damit zu tun haben, dass, wie er sagt, die Frequenz der Begräbnisbesuche mit 62 doch zunimmt. Ein alter Bekannter taucht nach zehn Jahren Exil in der Puppenkiste ergo auch wieder auf. Der kleine Tod. Und der ist, sang schon Georg Kreisler, selbstredend ein Wiener. Mit seinem „Zippe-Zappe“ muss er neuerdings allerdings aufpassen, weil, ein falsches Wort und er wird an den André Heller verkauft.

www.vitasek.at/

www.stadtsaal.com/

  1. 10. 2018