Annette Hess: Deutsches Haus

Oktober 8, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die SS-Gräuel unter den Nachkriegsspitzendeckchen

Nervös wartend geht Eva auf dem Gehsteig auf und ab. Gleich wird ihr Verlobter Jürgen vorfahren, denn er soll endlich ihren Eltern vorgestellt werden, der Großbürgerssohn, der Unternehmerspross des reichen Versandhauskönigs Schoormann, der kleinbürgerlichen Gastwirtsfamilie Bruhns, diese stolze Besitzer des „Deutschen Haus“. Es weihnachtet in Frankfurt 1963, die Christkindlmärkte haben schon Hochbetrieb, der Glühwein und die Würstel dampfen, und Eva, ja, die ist ein wenig altbacken-naiv, und wünscht sich von ihrem Zukünftigen nicht mehr, als dass er sie „führt“. Eine Männereigenschaft, die sie mag.

Ein Nachkriegsidyll im Wirtschaftswunderland, das Autorin Annette Hess so schildert, darin die Bruhns, Vater, Mutter, zwei Töchter, als Nachzögling ein Bub, eine liebevoll aufeinander eingeschworene Einheit. Und dann kommt alles ganz anders. Denn 1963 in Frankfurt, da war noch was. Die Vergangenheit – plötzlich wieder. Die Auschwitz-Prozesse. In die Wege geleitet von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Eva, von Beruf Dolmetscherin für Polnisch, wird als Übersetzerin angefordert, macht aber bei ihrer ersten Arbeit erst einmal schwerwiegende Fehler. „Gäste“, sagt sie, statt „Häftlinge“. Herberge statt Block. Licht statt Gas.

Wie das Unglaubliche, das Unbegreifliche begreifen? Die junge, unbedarfte Frau findet sich wie in eine andere Welt ge- und ihr dort Ignoranz vorgeworfen. Bereits in ihren Drehbüchern für die Fernsehserien „Weissensee“ und „Ku’damm 56/59“ erzählt Hess Geschichte über Geschichten. Diesmal hat sie – inklusive wortwörtlicher Zitate – die Zeugenaussagen der Prozessteilnehmer, der Opfer wie der Täter, zu ihren Romanfiguren verdichtet. Die Schilderungen von Folter und Mord, von gynäkologischen Experimenten und tödlichen Herzspritzen, die Fotos von Menschen, abgemagert bis aufs Skelett, „Röntgenbilder“ nennen sie sich selbst in ihren Berichten, sind für Eva ein Schock. Weit reichte die Verdrängung in den 1960er-Jahren noch. In mehreren parallel geführten Handlungssträngen macht Hess die damalige Realitätsverweigerung deutlich. Große Teile der Gesellschaft, eingebunkert in ihrer mühsam wiederaufgebauten Nachkriegsspießigkeit, sogar etliche Medien, lehnten die Prozesse ab.

„Ab nach Israel!“, wird den KZ-Überlebenden von Prozessbeobachtern zugerufen, dem Gerichtssaal zugewiesene Polizisten, alte Seilschaften, salutieren vor den Angeklagten. „Man möchte das doch gar nicht mehr wissen“, sagt Evas Mutter; von „Gräuelmärchen“ spricht die Schwester. Jürgen wiederum fürchtet, „die Berührung mit dem Bösen“ könnte Evas zarter Seele irreparablen Schaden zufügen. Er empfindet ihre Arbeit bei Gericht als „Ungehorsam“ ihm gegenüber – soweit die seinerzeitige Macht des Mannes über die Frau. Mehr und mehr verschafft Hess dem Leser ein Gefühl der Beklommenheit, man beginnt der Bruhns’schen Harmonie zu misstrauen. Und tatsächlich blättert bald der Putz von deren Fassade ab. Auch die Bruhns verstecken SS-Gräulen unter Mutters Spitzendeckchen. Eva hat seltsame „Erinnerungen“, Déjà-vus, an Menschen und Orte und eine Ohrfeige.

Mit ihren den 1960-Jahren entliehenen Sprachbildern hat Hess die Rollen von Gut und Schlecht schnell verteilt, doch immer wieder gelingt ihr ein Twist, der das Erwartbare ins Unerwartete dreht. Schillerndster Charakter diesbezüglich ist der aus Kanada gekommene Referendar David Miller – tatsächlich war Schriftsteller Arthur Miller in Frankfurt dabei -, der in Deutschland nicht nur seinen jüdischen Glauben, sondern auch die Liebe mit Prostituierten entdeckt. Dass Hess ihre Figuren mitunter mit Metaphern überfrachtet – Evas kleiner Bruder spielt selbstverständlich am liebsten Krieg, die Schwester „behandelt“ im Krankenhaus Säuglinge mit verseuchten Spritzen, Jürgens Vater muss als ehemaliger Kommunist natürlich Gestapo-Gefangener gewesen sein -, ist diesem Debütroman zu verzeihen.

Gelungen ist Annette Hess nämlich ein eindrücklicher Blick auf eine Geisteshaltung, die bis ins Heute reicht. Sie thematisiert nicht nur einen gerade wieder erstarkenden Antisemitismus, sondern auch den ab den 1960er-Jahren aufkeimenden Hass gegen „die Fremden“, die ersten Gastarbeiter, damals aus Italien. Sie befasst sich mit der Frage nach kollektiver und individueller Schuld, mit den Mechanismen von Verdrängen und Vergessen, und einem späten Wunsch nach Vergebung. Sie schreibt an gegen ein Die-Vergangenheit-endlich-ruhen-Lassen und „Vogelschiss“-Vergleiche. Eva wird schließlich ihre Familie konfrontieren, und sie wird sich auf Spurensuche nach Polen begeben. Sie wird sich emanzipieren, denn der Prozess, der  – mehr als nur – ein Land veränderte, tut dies auch mit Evas Leben.

Über die Autorin: Annette Hess stammt aus Hannover und studierte zunächst Malerei und Innenarchitektur, später Szenisches Schreiben. Sie arbeitete als freie Journalistin, Regieassistentin sowie Drehbuchlektorin. Seit 1998 ist sie ausschließlich als Drehbuchautorin tätig. Bekannt wurde sie durch ihre Fernsehserien „Weissensee“, „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“. Annette Hess lebt in Niedersachsen und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Grimme-Preis, den Frankfurter Preis der Autoren sowie den Deutschen Fernsehpreis. „Deutsches Haus“ ist ihr erster Roman.

Ullstein Buchverlage, Annette Hess: „Deutsches Haus“, Roman, 368 Seiten.

www.ullstein-buchverlage.de

Filmtipp zum Thema: „Der Staat gegen Fritz Bauer“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15024

  1. 10. 2018