Waldheims Walzer

Oktober 1, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der Vergangenheit nicht bewältigt

Bild: © Ruth Beckermann Filmproduktion

Man weiß, er wurde trotz allem gewählt. Und so nimmt der neue österreichische Bundespräsident, neben sich ein kleines rot-weiß-rotes Fähnchen im imperialen Gepränge der Hofburg, vor der Fernsehkamera Platz, um seine erste offizielle Ansprache ans Volk zu halten. Er scherzt, die Stirn wird ihm noch abgepudert, mit dem Tisch ist er nun zufrieden, ein „Ladl“ hatte zuvor seine Beinfreiheit eingeschränkt, er wirkt gelöst und wie erleichtert. Kurt Waldheim ist von der Vergangenheit nicht bewältigt worden.

Er hat ausgesessen, was er einmal als größte Verleumdungskampagne in der Nachkriegsgeschichte des Landes bezeichnete: Eine vom profil-Journalisten Hubertus Czernin ausgelöste Diskussion um Waldheims Vergangenheit bei der SA, zu der später die New York Times und der Jewish World Congress weitere wichtige Erkenntnisse lieferten. Mit der Szene um die Rede schließt Ruth Beckermanns Dokumentarfilm „Waldheims Walzer“, diesjähriger heimischer Beitrag im Rennen um den Auslands-Oscar und ab 5. Oktober in den Kinos zu sehen. Beckermann schöpft aus eigenen Erinnerungen und aus größtenteils eigenem Material. Sie war unter den Aktivistinnen und Aktivisten, die 1986 die Bestellung des vormaligen UN-Generalsekretärs zum höchsten Mann im Staate verhindern wollten, sie begab sich mit Kamera und Mikrophon hinein in die Abgründe der österreichischen Seele. Soll sie dokumentieren oder protestieren, fragt sich Beckermann an einer Stelle, und gibt somit übers Politische auch Persönliches preis. Mehr als 30 Jahre später analysiert die Filmemacherin nun anhand ihrer Bilder und mit einer Fülle an Archivmaterial diesen entscheidenden Wendepunkt im Geschichtsverständnis.

Denn, dies vorweg, die „Affäre Waldheim“ führte zur Aushebelung des von der Nation allzu gern gepflegten Narrativs von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus. Trotz der Tatsache, dass eine ganze Generation die Wahrheit kannte, war Österreich bis dahin so geschickt wie erfolgreich gewesen, sich selbst und der Welt seine kollektive Lebenslüge vorzugaukeln. Diese, in Sonntagsreden, Büchern und Heimatfilmen jahrzehntelang reproduziert, brach nun in sich zusammen. Die Opferrolle war endgültig zu Ende gespielt, die Bürger mussten sich der Realität zuwenden … Dennoch, mit dem Wort endgültig gilt es vorsichtig zu sein, in einem Jahr, in dem das „Jetzt erst recht!“ – damals von Waldheims Wahlstrategen für dessen trotzig-beleidigte Anhängerschaft maßgefertigt – wieder als (diesmal FPÖ-)Wahlslogan hergehalten hat. Man kann im doppelten Wortsinn sagen, Beckermanns Film kommt zur rechten Zeit. Das Material, sagt sie, hätte sie auf einer alten VHS-Kassette zufällig wiederentdeckt – und sei sofort „mitten drin“ gewesen.

Bild: © Ruth Beckermann Filmproduktion

Bild: © Lukas Beck

Beckermann zeichnet nicht nur auf, sie zeigt auf – betont sachlich, mit ruhig aneinander gereihten Clips -, die Eigendynamik einer innenpolitischen Causa, die Österreich in den Mittelpunkt des internationalen Interesses rückte. Die Lücken in seiner Kriegsbiografie und die konsequente Auslassung unangenehmer Wahrheiten, und lange war er auf diese Weise durch diverse Institutionen marschiert, führten Waldheim nun mitten hinein in ein Lügennetz, in dem er sich aussichtslos verstrickte. Je deutlicher die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu einer Sensibilisierung der Weltöffentlichkeit führten, desto erfolgreicher erwies sich jedoch in Österreich die Mobilisierung eines dumpfen Wir-Gefühls mit antisemitischen Untertönen.

Schützenhilfe kam von ÖVP-Kollegen wie Mock und Graff, die die Einmischungen aus dem Ausland aufs Schärfste zurückwiesen. Zitat: Die „ehrlosen Gesellen vom jüdischen Weltkongress“ würden „Gefühle wachrufen, die wir alle nicht wollen“. Der Spruch von der „Arroganz der Spätgeborenen“ kam auf. Rhetorische Manöver im selbstbewussten Glauben (oder Wissen?) eine satte Mehrheit der Bevölkerung hinter sich zu haben. Auch darauf, wie auch auf alternative Fakten, greift man derzeit gern wieder zurück.

„Waldheims Walzer“ ist ein Lehrstück über das Schüren von Stimmung, über die Schaffung von Feindbildern und über den medial ausgetragenen Kampf, die Deutungshoheit über die einlangenden Informationen zu behalten. In ORF-Interviews tritt man fast demütig-verständnisvoll an Waldheim heran, während der seine ausweichenden Antworten abspult, konfrontiert mit britischen Journalisten verliert er einmal die Contenance, schlägt sogar mit der Faust auf den Tisch, als ihm Fotografien von Deportationen jüdischer Griechen vorgelegt werden. Man kennt sein „Ich habe nur meine Pflicht getan“, wie Bundeskanzler Fred Sinowatz‘ sicherlich besten Spruch, er nehme zur Kenntnis, dass Waldheim nicht bei der SA war – sondern nur sein Pferd. Man erfährt, dass niemand vom ORF nach Thessaloniki fuhr, wo Waldheim gedient hatte, um zu recherchieren.

Gedreht hat Beckermann auch bei der Abschlussveranstaltung des Waldheim-Wahlkampfs auf dem Stephansplatz. Zwischen den Demonstranten beider Lager gehen die Emotionen hoch, sieht man, der Bruch, der durch die Bevölkerung geht, tritt klar zutage. Von einer ans Licht zu befördernden Vergangenheit der Väter reden die einen, Moral und Christentum und „Werte“ predigen die anderen. „Waldheim nein, Waldheim nein!“ skandiert eine Hälfte der Menschenmenge. Und dann der schockierende Moment: Ein älterer Mann tritt an einen anderen heran, der mit antisemitischen Aussagen auffällt, und wird von dem als „jüdische Drecksau“ beschimpft. Dass der betroffene Herr Beckermanns Vater ist, verschweigt der Film. Dass sich Waldheims Wahlsieg letztlich als seine große Niederlage erwies, ist heute klar. Ruth Beckermann zeigt also auch, wie grundlegend eine wachsame Zivilgesellschaft ein Land verändern kann.

www.waldheimswalzer.at

  1. 10. 2018