Stefan Peters: Strenge Rechnung

September 19, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Abrechnung mit dem Arbeitsamt

Dass der renommierte Thomas-Sessler-Verlag „Strenge Rechnung“ bereits auf seiner Liste möglicher Filmstoffe führt, ist nicht verwunderlich. Stefan Peters‘ zweiter Wien-Krimi rund um den Sozialberater Michael Bogner ist wie geschaffen für die Leinwand. Zumal der Autor auch diesmal wieder ein tagespolitisch brisantes Thema behandelt: den Umgang mit heimischen Arbeitssuchenden.

Zwar ist Peters‘ Plot frei erfunden, doch wie immer bei guter Fiktion funkelt die eine oder andere faktische Wahrheit zwischen den Zeilen durch. Sehr sorgfältig recherchiert und ebenso geschildert präsentiert Peters Details, die den eigenen Erkenntnissen standhalten. Das betrifft das perfekt getroffene Wiener Lokalkolorit ebenso, wie die prägnante Darstellung der von oben verordneten Ohnmacht derjenigen, die ihren Schützlingen echt und ehrlich zu einem Job verhelfen wollen.

Michael Bogner hat allemal das Zeug zum (Anti-)Helden. Er ist ein grummeliger Kauz, ein Einzelgänger, ledig und mit lästiger Mutter im Weinviertel, aber mit einem großen, sehnsuchtsvollen Herzen.

Was ihm diesmal zustößt, treibt den von seinem sozialen Gewissen Getriebenen – dieses bekanntlich seinem Beruf eher abträglich – an den Rand der Verzweiflung. In dem Jobtrainingscenter, in dem er arbeitet, werden von heute auf morgen die Spielregeln geändert. Nicht nur steht eine Kündigungswelle ins Haus, die verbliebenen Berater müssen künftig auch zwei „Kunden“ gleichzeitig ins Visier nehmen. Und dass, wo das Arbeitsamt ohnedies nur die unvermittelbaren Fälle schickt. „Die Leichen“, wie Bogner, selbst gezeichnet von den Bruchlinien des Lebens, seine Klienten nennt. Anfangs noch im festen Glauben an einen strengen Sparkurs, stellt der Widerspruchsgeist bald fest, dass er nicht mehr als ein Rädchen in einem raffinierten Betrugssystem ist, das Fördergelder bis hinauf zur EU-Ebene für seine finsteren Machenschaften veruntreut.

Vier Wirtschaftskapitäne haben sich den vom Arbeitsamt ausgebackenen Geldkuchen aufgeteilt, nun wollen die „Advanced Training Partners“ das große Geschäft mit Osteuropa machen. Ein neues, ein gefaktes Zertifikat taucht auf, die „Social Skills Driving Licence“, ein Monopolpapier für ganz Europa, ohne das kein Karrieregeiler mehr soll leben können, und mit dem man „die Tante Brüssel melken“ will. Man intrigiert und trickst einander bei der Abrechnung mit dem Arbeitsamt aus, agiert über verschlungene Allianzen, großteils geheime Verbindungen, und plötzlich gibt es die ersten Toten. Ein Selbstmord? Ein Autounfall? Das Kleeblatt dezimiert sich, neben jeder Leiche das passende Glückssymbol mit jeweils einem Blatt weniger. Bogner ermittelt mit dem ihm eigenen Talent, immer genau die Leute anzusprechen, die verdächtig, weil verstrickt sind. Das bringt ihn selbst bald in Lebensgefahr. Und wie bei jedem guten Krimi heißt’s am Ende: Cherchez la femme!

„Strenge Rechnung“ führt mit viel kriminalistischem Fingerspitzengefühl durch die Abgründe der Jobcenter und den Wahnsinn von Fördergeldvergabe. Eine spannende Lektüre für den bevorstehenden Leseherbst.

Über den Autor: Stefan Peters, geboren 1967, studierte Publizistik und war als Journalist tätig, arbeitet nun als freier Kameramann und Systemischer Coach in Wien. 2017 erschien sein erster Roman „Erstbezug“ im Picus Verlag; der Krimi wurde für den Leo-Perutz-Preis nominiert. 2018 folgt „Strenge Rechnung“.

Picus Verlag, Stefan Peters: „Strenge Rechnung“, Roman, 288 Seiten.

www.picus.at

  1. 9. 2018