Hilary Mantel: Falken

März 28, 2013 in Buch

Die „Falken“ sind lange flügellahm

Ihre Worte sind stets scharf wie das Schwert des Scharfrichters, der Anne Boleyn einst enthauptete. Zuletzt traf Hilary Mantel, nicht mit spitzer Feder, sondern mit spitzer Zunge, die Herzogin von Cambridge, besser bekannt als Prinz Williams Gattin Prinzessin Kate. Ausgerechnet jetzt, da das Royal Kingdom ob der Schwangerschaft der in die Blaublüterreihen aufgestiegenen Bürgerlichen in Freudentränen zerfließt, ausgerechnet bei einem Vortrag im British Museum – Titel: Royal Bodies – nannte Mantel Kate eine Schaufensterpuppe mit perfektem Plastiklächeln, eine königliche Gebärmaschine, und unbegreiflich, dass die junge Frau aus ihrem Studienabschluss nichts mache …

41a-0NhZiHL._SL500_Bodies. „Bring up the Bodies“ – „Bringt die Leichen”, der Spruch mit dem in den Köpfen bereits zum Tode Verurteilte vor den Richterrat geführt wurden – heißt im Original auch Band zwei von Hilary Mantels Heinrich-VIII.-Trilogie. „Falken“ ist der deutsche Titel des Romans, der sozusagen ohne Punkt und Komma an seinen Vorgänger „Wölfe“ anschließt. Für „Wölfe“ gab’s 2009 den renommierten Booker Award; dass sie den Preis für die Verlängerung 2012 noch einmal einheimsen konnte, ist einerseits einmalig, zeigt aber andererseits, wie verliebt die Briten in ihre eigene Geschichte sind.

Sex & Crime historisch bereitet. Rosamunde Pilcher mit Richtblock.

Man erinnere sich: Henry hat sich seiner ersten Ehefrau, Katharina von Aragon, per Entsendung in ein entlegenes Castle entledigt, und ein Auge auf die kalten Blicke von Anne Boleyn geworfen. Ergebnis: Wieder kein Sohn und Thronerbe. Also weg mit Anne, her mit Jane Seymour. Die schaut wenigstens schüchtern zu Boden, wird sie von Seiner Majestät angesprochen …

Lange brauchen diese „Falken“, bis sie abheben. Beinah 266 Seiten lang. More of the same (obwohl Thomas More ja bereits den Kopf verloren hat). Erst mit Katherinas Tod – Krebs oder langsames Vergiften? -, erst mit den aufkommenden Gerüchten um Annes zahlreiche Liebhaber – darunter ihr Bruder George, denn ein möglicherweise gezeugtes Kind, soll doch, wenn schon nicht wie Henry, zumindest wie ein Boleyn ausschauen – schrauben sich die Falken in ungeahnte Höhen. Nun haben sie Opfer, auf die sie sich herabstürzen können. Und das Blut beginnt in Strömen zu fließen. Wieder, wie schon im ersten Teil, erzählt Hilary Mantel aus der Perspektive des vom Trunkenbold-Vater fast zu Tode geprügelten Hufschmiedssohn Thomas Cromwell. Zwar beklagt sie im Nachwort, dass es über diese zentrale Figur an Henrys Hof immer noch keine brauchbare Biografie gäbe, doch gibt der Autorin genau das die schriftstellerische Freiheit, ihren „Crumb“, ihren „Krümel“, wie ihn der König scherzhaft nennt, zu skizzieren. Cromwell ist mittlerweile zum Master of the Rolls (das zweithöchste Richteramt im englischen Rechtssystem) aufgestiegen und wird am Ende des Buches Baron sein.

Gnadenlos, kompromisslos verdunkelt Mantel die Wolken um ihren Emporkömmling. Der unscheinbare, unsichtbare Mr. Secretary verhört, sammelt Beweise, lässt Schafotte zimmern. Immer zu Diensten, stets selbst in Lebensgefahr. Um Anne loszuwerden, muss er sich mit Kräften verbinden, die die seinen weit übersteigen. In Mantels Anhang sind sie aufgelistet, die „alten Familien mit Ansprüchen auf den Thron“, gleich hinter den Toten und den im Tower Verbliebenen. Sie alle würden Cromwell lieber den Hut vom Kopf schlagen, als ihm die Hand zu reichen. Aber noch brauchen sie ihn. Mantel verpackt das durchaus zeitgemäß. Schafft es dennoch ohne das übliche Geraune und die beflissene Gesellschaftskritik auszukommen. Sie stellt einfach ihre Figur Cromwell in seiner moralischen Zwiegespaltenheit bloß. Was könnte „heutiger“ sein?

Ein Buch, für das man Muße braucht, aber nach Teil eins gelesen haben muss. Weil ein dritter Teil folgen wird. Und historisch ist eines schon klar: 1540 stand Cromwell vor seinem Scharfrichter … Mantels letzte Sätze in „Falken“: „Es gibt keine Enden. Es sind alles Anfänge. Hier ist einer.“

Dumont-Verlag, Hilary Mantel: “Falken”, 480 Seiten, übersetzt von Werner Löcher-Lawrence.

www.dumont-buchverlag.de

www.mottingers-meinung.at/buchrezensionen/

Von Michaela Mottinger

Wien, 28. 3. 2013